Mensen Intelligenter Schlange stehen

Ob halber Hahn oder "Panzerplatte", also paniertes Schnitzel: Bei der Speisung hungriger Studentenmassen bilden sich mittags stets endlose Warteschlangen. Muss doch nicht sein, sagten angehende Wirtschaftsingenieure und tüftelten an 41 Ideen für "Intelligent Queueing" in der Bremer Mensa.

Von Britta Mersch


Jeden Tag Chaos: Warten in der Bremer Mensa

Jeden Tag Chaos: Warten in der Bremer Mensa

Wenn es in der Bremer Mensa Klassiker wie Bratwurst mit Kartoffelbrei und Sauerkraut für 1,80 Euro gibt, bricht im Wartebereich das Chaos aus. "Die Schlange wird so lang, dass der Weg zu den Kassen verbaut ist", sagt der Bremer Student Jörn Kahlweldt. Sie kreuzt auch die Schlange von der Salatbar, und schließlich verwirren sich beide zu einem undefinierbaren Knäuel. Wer jetzt etwas essen will, muss erst mal das richtige Ende zum Anstellen finden. "Das passiert hier immer", sagt Jörn Kahlweldt, der die Schlangen mit professioneller Distanz beobachtet.

Die chronisch überlastete Bremer Mensa ärgert viele Studenten, die zwischen den Vorlesungen schnell etwas Warmes essen wollen. Für Jörn Kahlweldt, Björn Knickrehm und Christoph Pille Grund genug, als angehende Wirtschaftsingenieure eine Projektarbeit über dieses Thema zu schreiben: "Die Kapazität der Mensa ist mittlerweile aus allen Ufern gelaufen", sagt Christoph Pille. Ursprünglich für 6000 Besucher angelegt, muss sie täglich mittlerweile um die 8000 hungrige Mäuler stopfen - Stress für alle Beteiligten.

Jede Menge Vorschläge...

Entstanden ist daraus das Projekt mit dem Titel "Intelligent Queueing" - frei übersetzt "intelligentes Schlangestehen". Insgesamt zwölf Studenten beschäftigten sich mit Entstehung, Mechanismen und psychologischer Analyse von Warteschlangen. In einheitlichen T-Shirts zogen sie in die Bremer Mensa ein, beobachteten von Hochstühlen das Leben der Warteschlangen, filmten das Chaos vor den Essensschaltern und interviewten frustrierte Studenten.

Mensa-Eingang: Schon vor der Öffnung Studentenknäuel

Mensa-Eingang: Schon vor der Öffnung Studentenknäuel

Das Ergebnis ist ein 41-Punkte-Plan, der die Wartesituation in der Bremer Mensa verbessern soll - zeitlich, organisatorisch und emotional. "Wir haben zum Beispiel beobachtet, dass schon um die 300 Leute vor der Mensa warten, wenn sie um halb zwölf geöffnet wird", sagt Björn Knickrehm. Die Folge: Das erste Knäuel ist schon da. "Das könnte man verhindern, wenn die Mensa eine halbe Stunde eher aufmachen würde."

Mängel gibt es auch bei der Aufteilung des Wartebereichs: "Der Raum wird nicht optimal ausgenutzt", sagt Björn Knickrehm. Weil etwa die Essenstabletts zu früh ausgeteilt werden, wird die Warteschlange unnötig verlängert: "Die Gäste stehen mit dem Tablett vor dem Bauch in der Schlange, dadurch wird doppelt so viel Platz verbraucht."

Tabletts erst unmittelbar an der Essensausgabe, dazu Absperrbänder für jede Schlange und Farbpunkte zur besseren Orientierung - so könnte die Mensa der Zukunft aussehen. Und den Wartenden könnte die Zeit noch mit magischen Spiegeln, Mensaradios und Gewinnspielen verkürzt werden.

...aber nur wenige bekommen eine Chance

Davon hätten auch die Mensabetreiber etwas, das ergab eine Modellrechnung. Rund 270.000 Euro entgehen demnach der Mensa jährlich, weil mehr als ein Drittel der Studenten im Warteschlangenchaos auf Beilagen und Getränke verzichtet. "Warteschlangen haben eben auch eine ökonomische Dimension", sagt Björn Knickrehm, "die Leute sagen, da stell ich mich nicht an - das sind verlorene Umsatzpotenziale."

Ideenreich: Das Bremer Projektteam

Ideenreich: Das Bremer Projektteam

Die Argumente der Studenten leuchten Heinz Ludwig Mohrmann durchaus ein: "Der Ideenkatalog ist überwältigend", sagt der Leiter des Studentenwerks. Doch beim Blick auf die 298 Seiten lange Studie wird ihm auch klar, dass sich längst nicht alle Anregungen einfach umsetzen lassen. "Bei der Prüfung der einzelnen Punkte sind wir schnell an finanzielle Grenzen gestoßen", sagt Mohrmann. So hätten die von den Studenten vorgeschlagenen Bildschirme zur Unterhaltung der Wartenden pro Stück 5000 Euro gekostet - ohne Installationskosten. "Der Ansatz ist in Ordnung, aber wirtschaftlich für uns nicht umsetzbar, so Mohrmann."

Bisher wurden lediglich die Tablett- und Besteckwagen näher an die Essensausgaben gestellt. Weitere Maßnahmen sollen aber Schritt für Schritt folgen, zum Beispiel die "Hot Points", die leuchten, wenn eine Kasse geöffnet ist.

Für Jörn Kahlweldt, Christoph Pille und Björn Knickrehm ist das Projekt trotz der zögerlichen Umsetzung ein Erfolg: Als Note gab es für alle eine Eins - auch wenn sie immer noch lange auf ihr Essen warten müssen.



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