Messe-Hostessen Krampfadern und Chefstudenten

Der Jobmarkt in Hannover hat Studierenden eine Menge zu bieten - solange sie weiblich, groß und gut aussehend sind. Männliche Arbeitskräfte sind weniger gefragt, zumindest im Publikumsverkehr. Auf der Leitungsebene sieht es natürlich anders aus.

Von Julia Sohnemann


Erfolgsrezept für Cebit-Jobs: Gutes Aussehen, und immer nur lächeln...
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Erfolgsrezept für Cebit-Jobs: Gutes Aussehen, und immer nur lächeln...

Lächeln, strahlen, freundlich sein - das ist der Arbeitsalltag von Viviane Mahlmann. Trotzdem hat sie als Hostess nicht viel zu lachen, denn der Studentenjob ist anstrengender, als mancher Messebesucher annehmen mag.

Bereits zum fünften Mal arbeitet die 26-jährige Studentin als Hostess auf der Cebit. Mittlerweile ist sie zur "Chefhostess" bei ihrer Agentur Intercris aufgestiegen. Doch trotz verantwortungsvolleren Aufgaben und mehr Lohn sind die Probleme dieselben geblieben. Wie wohl jede der unzähligen Hostessen auf der Cebit macht sie sich Gedanken über Krampfadern und ausfallende Pausen.

"Die Cebit ist besonders anstrengend, da der Besucherstrom von Öffnung bis Schluss der Messe nicht abreißt!" sagt die Jura-Studentin. Da heißt es nicht nur nett lächeln, sondern meistens auch noch Produkte präsentieren.

Erst lernen, dann lächeln

Fast alle großen Unternehmen schulen die Hostessen vor einem Einsatz für die dargebotenen Produkte. Hübsch aussehen reicht da nicht, obwohl es auch Firmen gibt, die die jungen Damen lediglich als Dekor verwenden. In diesem Jahr zeichnet sich dabei ein besonderer Trend ab: Blond ist wieder in. Dabei sollten die jungen Frauen dann auch noch gepflegt, hübsch und groß gewachsen sein.

Die Studentinnen, die diese Bedingungen erfüllen, haben Glück, denn Jobs als Messehostessen sind beliebt. Vor allem natürlich, weil das Geld stimmt: Rund 200 Mark netto verdient eine Hostess an einem neunstündigen Messetag, alles, was an Abendveranstaltungen darüber hinausgeht, wird extra bezahlt. Da ist das Geld für den nächsten Urlaub nach einer Messewoche schnell zusammen.

Stress: Nach einigen Stunden droht die Lächel-Lähmung

Leicht verdient, so wie sich Anfänger das vorstellen, ist das Geld allerdings nicht. "Denn eine Messewoche bedeutet: sieben Tage stehen, lächeln, Streß aushalten und immer gesprächsbereit sein," so Viviane Mahlmann. "Wenn man nach drei Stunden Dauerlächeln in die Küche geht, kann es schon mal passieren, dass das Gesicht quasi runterfällt!"

Nach jeder Cebit brauche sie erst einmal einige Tage, um sich zu regenerieren. Trotzdem macht ihr der Messejob noch Spaß. Mehrmals im Jahr arbeitet sie auch auf Messen in anderen Städten. Sie ist dann froh, auch mal aus Hannover rauszukommen. Denn so gut die Jobsituation für Hannoveraner Studenten auch wegen der Messen ist, ein wenig langweilig sei die Stadt nach dem Trubel und der Internationalität der Messen schon, findet die Chefhostess.

Jobsituation: Top - für Frauen...

Die Jobsituation für Studenten in Hannover weist einige Eigentümlichkeiten auf. Tendenziell sieht es für Studentinnen besser aus: Jobs für männliche Studenten sind während der Messetage selbst Mangelware. Im Vorfeld und nach den Messe hingegen gibt es eine Menge zu tun - dann ist aber eher Muskelkraft gefragt: Männer finden Jobs im Messebau. Während der Messetage selbst gibt es wenige Jobs für Männer, doch die sind dann oft hoch dotiert.

Der realen Welt steht die Cebit in Sachen Ungleichbehandlung der Geschlechter nämlich in nichts nach. Auch der direkte Vorgesetzte der Chefhostess ist ein Student - genauer, der "Chefstudent" Volker Giesinger.

Zu den Hauptaufgaben des Chefstudenten gehört die Koordination am Stand. Auch die Einsatzplanung der Hostessen hat er fest in der Hand. Doch nicht nur die jungen Damen tanzen nach seiner Pfeife, auch alle anderen Studenten im Literaturlager und im Gastronomiebereich unterstehen seinen Weisungen.

Chefstudent Giesinger: Hostessen werden "geistig unterfordert"

Der 30-Jährige findet, er habe genug zu tun, und beginnt schon einige Tage im Voraus mit seinen Arbeiten. Ohne machohaft zu wirken, bescheinigt er den Studentinnen, die den ganzen Tag nett für IBM lächeln, dass sie auf Messen geistig unterfordert wären. Denn nur um gut aussehend auf einer Messe herumzustehen, brauche man nicht studieren.

Volker Giesinger selbst studiert Medizininformatik und macht die Projektleitungsassistenz als Chefstudent bei IBM seit vier Jahren. Auch das ist durchaus typisch: Nachdem er in den ersten Jahren ebenfalls über eine Hostessen-Agentur vermittelt wurde, machte ihm IBM in diesem Jahr das Angebot, direkt als Student bei dem Großunternehmen anzuheuern. Mittlerweile kennt er seine Aufgaben und delegiert professionell Messebauer, Techniker und andere Studenten. Und ist ein wenig gleicher als die anderen...

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