#MeToo Kölner Studierende fordern Rücktritt von Dozent Gebhard Henke

Mehrere Frauen werfen Ex-"Tatort"-Koordinator Gebhard Henke sexuelle Belästigung vor, darunter eine ehemalige Dozentin der Kunsthochschule für Medien in Köln. Gegen Henkes Weiterbeschäftigung als Professor gibt es jetzt Proteste.

Gebhard Henke
imago/Klaus W. Schmidt

Gebhard Henke

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Das Studierendenparlament der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) fordert den Rücktritt des Dozenten Gebhard Henke. In einem offenen Brief, der am Montagabend kurz vor Mitternacht unter anderem den Senat, den Rektor, das Prorektorat und die Kanzlerin der Hochschule erreichte, schreiben die Studenten: "Uns macht es fassungslos und wütend, dass Gebhard Henke weiterhin an der KHM angestellt ist."

Es sei nicht nachvollziehbar, warum es - trotz zahlreicher Möglichkeiten - keine hochschulöffentliche Äußerung seinerseits gegeben habe, "wohl aber eine medienwirksame Inszenierung als Opfer und die öffentliche Bagatellisierung sexualisierter Gewalt". Seine Präsenz an der KHM sei "nicht tragbar".

Im Mai vergangenen Jahres hatten sechs Frauen, darunter die Moderatorin und Autorin Charlotte Roche, im SPIEGEL Vorwürfe gegen den früheren WDR-Fernsehfilm-Chef Henke erhoben: Henke habe sie betatscht und begrapscht, sie an den Po oder an den Bauch gefasst, angedeutet, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartet.

Regisseurin: Immer wieder Übergriffe

Eine der anonymen Frauen war eine Regisseurin, die mehrere Jahre an der KHM als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet hatte. Sie berichtete, Henke sei ihr gegenüber immer wieder übergriffig geworden. Henkes Hand sei beim Abschied mal auf ihrem Po gelandet, er habe immer wieder versucht, sie auf den Mund zu küssen, seine Hand auf ihren Bauch gelegt, nahe an ihrem Busen. Es gehe um eine feine Grenze, die man selbst in der Situation als unangenehmen Übergriff wahrnehme, aber aus einer Mücke keinen Elefanten machen wolle, hatte die Frau im SPIEGEL gesagt. "Die Wahrheit ist: Man kann auch von tausend Mücken in den Wahnsinn getrieben werden."

Henke bestritt alle Vorwürfe.

Als Reaktion auf die Berichterstattung initiierten die Studenten der KHM zwei Vollversammlungen, es wurden Arbeitsgruppen zur Vermeidung von Machtmissbrauch eingerichtet und eine Rechtsanwältin als externe Ombudsfrau beauftragt. Laut offenem Brief argumentierte die Hochschule mit arbeitsrechtlichen Gründen, warum sie Henke nicht entlassen konnten.

Nach SPIEGEL-Informationen hat die Leitung der Hochschule versucht, Henke zumindest zu beurlauben. Henke habe sich darauf aber nicht eingelassen. Die KHM wollte sich inhaltlich dazu nicht äußern. Laut Sabine Schulz, Kanzlerin der KHM, handelt es sich zum Teil um "Vorgänge, die durch die Vorschriften zum Beschäftigtendatenschutz grundsätzlich nicht an Dritte weitergegeben werden dürfen". Und: "Für eine Stellungnahme gegenüber der Presse fehlt derzeit eine Grundlage."

Überraschender Rückzug der Klage

Henke hatte gegen Charlotte Roche und die Berichterstattung des SPIEGEL geklagt, die Klage aber am vergangenen Dienstag überraschend zurückgezogen. Kurz vorher hatten sieben zum Teil sehr erfolgreiche Frauen aus der Filmbranche Henke erneut der sexuellen Belästigung bezichtigt.

"Als wir von den neuen Vorwürfen erfuhren, hatten wir genug", sagt Franz-Xaver Franz, 34, der gerade an der KHM sein Diplom gemacht hat. Er ist einer der Verfasser des Briefes. Auch wenn sich die Studierendenschaft in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Thema beschäftigt hätte, habe man es lange versäumt, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir wollten endlich unsere Solidarität und Unterstützung mit allen betroffenen Frauen ausdrücken, vor allem mit der ehemaligen Dozentin unserer Hochschule und mit Charlotte Roche."

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Bondurant 26.02.2019
1. Bitte nicht als Bagatellisierung missverstehen
sondern als Dokumentation der geänderten Verhältnisse: Es gehe um eine feine Grenze, die man selbst in der Situation als unangenehmen Übergriff wahrnehme, aber aus einer Mücke keinen Elefanten machen wolle, hatte die Frau im SPIEGEL gesagt. "Die Wahrheit ist: Man kann auch von tausend Mücken in den Wahnsinn getrieben werden." Festzuhalten ist: dem Mann wird keinerlei sexuelle Gewalt, schon gar keine Vergewaltigung vorgeworfen. Vorgeworfen werden ihm körperliche Übergriffigkeiten, die man noch vor wenigen Jahren zwar nicht als normal, aber schlimmstenfalls als "schlechtes Benehmen" gewertet hätte. Für dieses verliert er jetzt seine Jobs. Es hat sich also doch schon einiges verändert.
Grünspahn 26.02.2019
2.
Wir leben in einem Rechtsstaat. Daher gilt jeder bis zu einer Verurteilung als unschuldig. Das weiß auch die Hochschule, deswegen wird sie auch zögern Konsequenzen zu ziehen, denn bei einem Prozess hat sie schlechte Karten, da nur Vorwürfe vorliegen, aber keine Verurteilung. Auch die Studenten haft kann sich nicht über rechtsstaatliche Prinzipien hinwegsetzen.
JungUndFrei 26.02.2019
3.
Egal ob die Vorwürfe stimmen oder nicht, so lange er nicht verurteilt ist, kann man ihn nicht entlassen. Jeder hat das Recht auf einen fairen Prozess und solange dieser nicht beendet ist, gilt er als unschuldig. Daraus folgt, dass es keinen Grund für arbeitsrechtliche Schritte gibt. Der Fall Kachelmann sollte Lehre genug sein.
Newspeak 26.02.2019
4. ...
"Kurz vorher hatten sieben zum Teil sehr erfolgreiche Frauen aus der Filmbranche Henke erneut der sexuellen Belästigung bezichtigt. "Als wir von den neuen Vorwürfen erfuhren, hatten wir genug", sagt Franz-Xaver Franz, 34, der gerade an der KHM sein Diplom gemacht hat." Der Unterschied zwischen "erneut" und "neu" ist diesem Studenten wohl nicht bekannt? Oder sind wirklich NEUE Vorwuerfe dazugekommen? Wurde von irgendeiner der Frauen Anzeige erstattet? Wurde Anklage erhoben? Ein Urteil gefaellt? Kann man nicht einmal Naegel mit Koepfen machen, und vor allem den rechtstaatlich vorgesehenen Weg beschreiten? Was soll das? Ich nehme durchaus an, dass an den Vorwuerfen etwas dran sein koennte. Solche gehaeuften Meldungen unterschiedlicher Frauen geschehen ja normalerweise nicht ohne Grund. Ok. Aber wenn das nicht mal per Gericht festgestellt wird, dann bringt die ganze Diskussion nichts. Das wirklich Schlimme sind solche Aussagen: "Es gehe um eine feine Grenze, die man selbst in der Situation als unangenehmen Übergriff wahrnehme, aber aus einer Mücke keinen Elefanten machen wolle, hatte die Frau im SPIEGEL gesagt. "Die Wahrheit ist: Man kann auch von tausend Mücken in den Wahnsinn getrieben werden." ". Das bedeutet naemlich, dass man den Ruf und die Karriere von Menschen schon deshalb ruinieren kann, weil man sich in seiner persoenlichen Befindlichkeit gestoert gefuehlt hat und einem das Jahre spaeter einfaellt. Man hat aber nie sein Missfallen zum Ausdruck gebracht. Nicht beim ersten Mal, vielleicht weil man ueberrascht war, nun gut, aber auch nicht zum x-ten Mal, wo man es doch schon haette wissen koennen. Und warum hat man sich ueberhaupt immer wieder in die Situation gebracht? Wenn dem Mann keine Straftaten nachzuweisen sind, dann ist das nur Material fuer den Boulevard. Und der Spiegel berichtet voellig unkritisch.
Ast2019 26.02.2019
5. Antwort auf @Newspeak
Hallo, Ihre Argumentation ist leider objektiv falsch. Natürlich ist es den Studierenden, bis zur Klärung des Sachverhaltes, nicht zuzumuten, weiterhin von Herrn Henke unterrichtet zu werden. Sie stellen das gesamte Rechtsprinzip auf den Kopf. Mutmaßliche Täter kommen auch in Untersuchungshaft, in Erwartung eines Prozesses, in dem sie durchaus frei gesprochen werden können. Nach Ihrer Auffassung müsste dann also die Untersuchungshaft abgeschafft werden, weil Verdächtigen die Haft nicht zugemutet werden kann ? Die Aussagen der Frauen sind keine Vorverurteilung sondern lediglich Indizien. Auf Grund dieser Indizien hat Herr Henke u. a. seine Klage zurückgezogen. Auf Grund anderer Indizien wurde er von seinem Arbeitgeber gekündigt.
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