Meuterei an der Uni Hamburg S.O.S. vom Geisterschiff

Auf dem Hamburger Campus wird es turbulent. Mit ihrem ruppigen Führungsstil hat die Präsidentin fast die ganze Uni gegen sich aufgebracht. Dekane attackieren Monika Auweter-Kurtz scharf, Professoren fordern ihre Abwahl - nur der Hochschulrat hält noch zu "Raketen-Moni".
Von Hermann Horstkotte und Jochen Leffers

Hamburg - Mittwochabend ab 19 Uhr: Vier Stunden lang erläutern die Chefs aller sechs Fakultäten der Präsidentin ihren Beschwerdebrief vom Vortag (von SPIEGEL ONLINE dokumentiert: "Dekanate sind keine Befehlsempfänger"). Sie fordern darin deutlich weniger Einmischung von oben in die einzelnen Fachbereiche und Fächerkulturen, eine Vertrauensbasis für die Zukunft und eine Ende des ausgesprochen "robusten" persönlichen Befehls- und Umgangstons. Die Präsidentin bleibt, so berichten Teilnehmer, uneinsichtig. Man geht ergebnislos auseinander.

Monika Auweter-Kurtz: Eiserne Lady im Gegenwind

Monika Auweter-Kurtz: Eiserne Lady im Gegenwind

Foto: Sebastian Widmann/ picture-alliance/ dpa

Bereits am Mittwochmorgen hatten 120 von 550 Professoren per Unterschrift die Abwahl der Präsidentin durch den zuständigen Hochschulrat gefordert. Mehr hätten nur deshalb nicht unterzeichnet, "weil sie in diesem Falle Repressalien befürchten", erklären die Initiatoren, darunter der China-Experte Michael Friedrich.

An der Universität grassiert offensichtlich Angst vor der Präsidentin - und das ist Teil eines schon länger schwelenden und höchst ungewöhnlichen Konflikts an der fünftgrößten deutschen Hochschule mit fast 180 Studiengängen, rund 38.000 Studenten und über 4000 Mitarbeitern. Bereits vor dem Amtsantritt von Monika Auweter-Kurtz Ende 2006 ging es recht rüde zu. Studenten lehnten sie ab, weil sie ihr zu große Nähe zur Rüstungsindustrie (was Auweter-Kurtz flugs den Beinamen "Raketen-Moni" eintrug) sowie ihre Haltung pro Studiengebühren vorwarfen.

Kaum noch Rückhalt an der Universität

Auweter-Kurtz trat an, die Hochschule effizienter zu gestalten und neue Strukturen in Forschung und Lehre durchzusetzen. Bislang zählt die Hamburger Universität nicht gerade zu Deutschlands Vorzeige-Hochschulen: In Ranglisten landet sie zuverlässig auf den hinteren Plätzen, auch bei der Exzellenzinitiative blieben für sie nur Krümel.

Frischen Wind sollte die neue Präsidentin in die Uni tragen, das Profil schärfen, die Hochschule näher an die Spitze führen und die Richtung weisen. Zugleich bedeutet das einen Umbruch von der traditionellen Kollegialführung (Hochschulleitung als "primus inter pares") zur stark präsidialen Führung mit großer Entscheidungskompetenz und Kontrolle nur durch den Hochschulrat.

Schon nach wenigen Monaten allerdings verprellte die Physikerin viele Hochschulmitarbeiter mit dem Versuch, Professoren kollektiv zu knebeln - per "Maulkorb-Erlass". Und diese Art von Kommunikationsverhalten blieb kein Ausrutscher. Bald wurde das Murren und Zähneknirschen über den ruppigen Umgangston der Präsidentin unüberhörbar, ihr Rückhalt an der Hochschule schwand immer weiter.

"Exzellenz beginnt an der Spitze"

Zusätzlichen Streit gibt es über den möglichen Umzug der ganzen Universität in das Hamburger Vorzeigeprojekt Hafencity - was rund zwei Milliarden Euro verschlingen dürfte. Dass viele Hochschulgebäude marode sind und saniert werden müssen, steht außer Frage; einer Studie zufolge sind zwei Drittel in einem schlechten oder sehr schlechten Zustand. Aber der richtige Weg aus der Misere ist stark umstritten. Auweter-Kurtz schwärmt von den Chancen eines Komplett-Neubaus im kommenden Jahrzehnt, durch den die Hochschule auch deutlich wachsen könne. Viele ihrer Kritiker indes plädieren für eine kostengünstigere Renovierung, damit die Uni ihre bisherigen Standorte mitten in der Stadt behalten kann.

Dieser Zwist spielt mehr auf der Ebene der Stadtplanung, nicht allein von der Uni zu entscheiden. An der Uni geht es derweil um Fragen des Führungsstils, des Umgangs, der Dialogkultur. Und auf diktatorisches Gehabe reagieren Hochschullehrer bisweilen höchst empfindlich. "Exzellenz beginnt an der Spitze", halten die Dekane der Präsidentin in ihrem Schreiben vor; die Universität sei eine pluralistische Institution. Und in kaum gebremster Wut schimpfen die Dekane weiter über "Schlingerkurs", "Reformwahn" und eine "katastrophale Außendarstellung", um der Präsidentin schließlich feinsinnig nahezulegen: "Mitarbeitermotivation ist die schöne Schwester der Leistungskontrolle."

Rund ein Fünftel der Professoren rebelliert bereits offen, die ehemaligen Vizepräsidenten haben sich von der Präsidentin deutlich abgesetzt, während die aktuellen Vizepräsidenten vernehmlich schweigen - auch ein Signal. Und selbst im Hochschulrat, dem obersten Leitungsgremium mit Vertretern aus der Uni und externen Führungskräften beispielsweise aus der Wirtschaft, mehren sich die kritischen Stimmen gegenüber dem sturen Politikkurs von Auweter-Kurtz, die inzwischen auch "Margret Thatcher an der Elbe" genannt wird - die frühere Premierministerin an der Themse war für barsches Verhalten und "Top-Down"-Entscheidungen berüchtigt.

Die Kritiker sehen sich nicht als Heckenschützen

Bei einer Abwahl von Auweter-Kurtz bräuchte der Hochschulrat allerdings eine Alternative für die Spitze. Im Schreiben an die Präsidentin und den Hochschulrat geben die Dekane bereits einen unübersehbaren Tipp: Dezent loben sie die Zusammenarbeit mit der "einfühlsamen" Vizepräsidentin bei der Erarbeitung eines Struktur- und Entwicklungsplans für die Hochschule - bis die Präsidentin auch diese Sache zur "Chefsache" und damit zum Ärgernis gemacht habe.

Gabriele Löschper heißt die so gepriesene "einfühlsame Vizepräsidentin". Mit ihr könnte der vorgezeichnete Reformkurs in ruhigerem Fahrwasser weiterlaufen, heißt es aus Dekanatskreisen. Demgegenüber suche Auweter-Kurtz - seit jüngstem sogar mit Hilfe einer internationalen PR-Agentur - den Eindruck zu erwecken, ihre Kritiker seien ein weltfremdes Häuflein erzkonservativer Reformgegner von vorgestern.

Trotz mehrfacher Nachfragen von SPIEGEL ONLINE war die Präsidentin zu keiner eigenen Stellungnahme zu erreichen. Derweil wollen ihre Gegner sich eine Rolle als "Abweichler" oder "Heckenschützen" partout nicht zuschreiben lassen. Wie lange wird die Hängepartie zwischen Präsidentin und Dekanen dauern? Insider sind sich sicher: "Spätestens Ende nächster Woche kommt's zu einem Knall."

Putschende Professoren - das Protokoll einer Führungskrise

1. November 2006: Die Stuttgarter Ingenieur-Professorin Monika Auweter-Kurtz wird Präsidentin der Hamburger Universität - als erste Frau in der Hansestadt und eine der raren Frauen an der Spitze einer Universität. Bundesforschungsministerin Annette Schavan rühmt in ihrer Einführungsrede die "Durchsetzungskraft" der neuen Leiterin. Gleichzeitig zeige sie eine "ungewöhnliche Kraft zum Dialog, eine ungewöhnliche Fähigkeit, Menschen für Ziele und Visionen zu gewinnen".

1. Februar 2007: Studenten stören die Amtseinführung von Auweter-Kurtz mit Pfeifkonzerten und Buhrufen. Anschließend zeigt die Präsidentin zwei Studenten wegen Hausfriedensbruchs an.

1. März 2007: Die Geschichtsdozentin Sabine Todt kritisiert in der Fernsehsendung "Monitor" die Arbeitsbedingungen an der Uni. Daraufhin verliert sie ihren Lehrauftrag.

29. März 2007: In einem "Maulkorberlass" untersagt die Präsidentin den Professoren, sich in der Öffentlichkeit eigenmächtig zu hochschulpolitischen Fragen zu äußern. Zuständig sei vielmehr die Pressestelle - die sich allerdings bei Anfragen mitunter tot stellt. Gegen solche Bevormundung wenden sich die Dekane noch in ihrem Protestbrief vom 9. Juni 2009.

1. Oktober 2008: Jörg Dierken, Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, legt sein Amt aus Protest gegen Sparauflagen des Präsidiums nieder. Die Präsidentin setzt eine kommissarische Nachfolgerin ein.

6. Mai 2009: Die Geisteswissenschaftliche Fakultät wählt den Theologieprofessor Hans-Martin Gutmann einstimmig zum neuen Dekan. Er hatte sich als entschiedener Gegner der Präsidentin und ihres "autoritären" Führungsstils profiliert. Auweter-Kurtz verweigert ihre erforderliche Zustimmung und lässt den Gewählten nicht ins Amt.

26. Mai: Drei Professoren starten unter Kollegen eine Unterschrifteninitiative zur Abwahl der nach ihrer Auffassung "autoritären" Präsidentin. Die ehemaligen Uni-Vizepräsidenten Wilfried Hartmann, Jörg Hennig und Barbara Vogel kritisieren in einem Brief an die Fraktionen im Landtag "den Abbau demokratischer Strukturen an der Universität" und warnen vor ihrer "Zerstörung". Der akademische Nachwuchs könne "nicht mehr erleben, dass Dissens und unterschiedliche Auffassungen in Diskurs, Streitkultur und nach den Regeln eines verantwortlichen Miteinanders zu tragfähigen Lösungen geführt werden".

27. Mai: Im Akademischen Senat, dem höchsten Selbstverwaltungsgremium der Universität, stößt die Präsidentin auf massive Kritik wegen ihrer Ablehnung des neu gewählten "Geister"-Dekans Gutmann. Einstimmig erklären sich die Senatsmitglieder für die Abschaffung der - von der Präsidentin befürworteten - Studiengebühren.

28. Mai: Heinrich Graener, Dekan der Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften, erweckt in der Presse den Eindruck, als ob die insgesamt sechs Dekane mit der Präsidentin im Wesentlichen einig und solidarisch wären.

29. Mai: Alle Dekane wehren sich in Schreiben an ihre Fakultätsräte gegen den am Vortag erweckten Eindruck, die Präsidentin gegen eine angebliche Minderheit von Kritikern zu stützen.

2. Juni: Der Hochschulrat ergreift Partei für die Präsidentin und stärkt ihr demonstrativ den Rücken. In der Stellungnahme heißt es: "Der Hochschulrat teilt die in der Öffentlichkeit geäußerte Kritik nicht und hat den klaren Eindruck, dass die Mehrheit der Universität hinter dem Präsidium steht." Zum Hochschulrat der Universität zählen neben dem Vorsitzenden Albrecht Wagner, Direktor des Forschungszentrums Desy, acht weitere Mitglieder; jeweils vier werden vom Senat der Uni und vom Senat der Stadt bestimmt. Zu den Aufgaben des Gremiums zählt auch die Wahl und Abwahl des Uni-Präsidenten.

9. Juni: Fünf Dekanate (ohne die Medizin) erheben in einem Schreiben an die Präsidentin schwere Vorwürfe gegen ihren angeblich unerträglichen Führungsstil und fordern sie praktisch zum Rücktritt auf.

10. Juni: "Eine Universität, deren Mitglieder demoralisiert und ihrer eigenen Institution entfremdet werden, verliert jede Attraktivität", erklären bislang 120 Professoren und fordern die Abwahl von Auweter-Kurtz. Die erklärt auf der Uni-Homepage ihre Bereitschaft zum "konstruktiven Dialog über Zustand und Entwicklung der Universität Hamburg": "Mein Tür steht jederzeit offen." Am Abend empfängt die Präsidentin die Dekane zum vierstündigen Gespräch, das konfrontativ verläuft und ohne Einigung endet.

11. Juni: Der Hochschulrat tagt zum Hochschulentwicklungsplan.

Morgiger Freitag, 12. Juni: Auweter-Kurtz will bei einer Pressekonferenz über den Entwicklungsplan und über den möglichen Umzug der Universität in die Hafencity sprechen. Ebenfalls am Freitag will Dagmar Felix, die als Prodekanin die Amtsgeschäfte an der Jurafakultät führt, gemeinsam mit drei weiteren Dekanen im "Hamburger Abendblatt" einen Beitrag zu den Reformen und den atmosphärischen Störungen an der Universität veröffentlichen.

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