Was wurde aus... 43 verschwundenen Studenten in Mexiko? "Ich muss meinen Sohn suchen"

Sie wollten zu einer Demonstration, wurden verhaftet - und verschwanden spurlos: Seit 2014 werden in Mexiko 43 Studenten vermisst. Die Angehörigen suchen noch immer nach ihren Söhnen.

Gespenstische Demonstration: Frauen, als "La Llorona" ("Die Weinende") verkleidet, erinnerten 2017 in Mexiko-Stadt an die 43 verschwundenen Studenten
Marco Ugarte/dpa

Gespenstische Demonstration: Frauen, als "La Llorona" ("Die Weinende") verkleidet, erinnerten 2017 in Mexiko-Stadt an die 43 verschwundenen Studenten

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

Die Haustür schließt Hilda Legideño grundsätzlich nicht mehr ab. Es könnte ja sein, dass ihr Sohn doch noch eines Tages heimkommt: fünf Jahre, nachdem er verschwunden ist. "Dann", sagt sie, "soll die Tür offen stehen für Jorge Antonio."

Hilda Legideño, dreifache Mutter aus Tixtla im Süden Mexikos, weigert sich zu glauben, dass ihr Zweitältester erschossen und verbrannt wurde. So wollte es ihr Mexikos frühere Regierung einreden. Gemeinsam mit anderen Müttern kämpft die 47-Jährige dafür, zu erfahren, was wirklich passierte am 26. September 2014. Dem Tag, an dem Jorge Antonio Tizapa Legideño verschwand. Und mit ihm 42 weitere Studenten des Lehrerseminars der Stadt Ayotzinapa.

"Wir wollen keine Lügen mehr hören, sondern endlich die Wahrheit erfahren", sagt Hilda Legideño dem SPIEGEL. Und weil Millionen Mexikaner das gleiche fordern, wird der Fall der verschwundenen 43 Studenten jetzt noch mal aufgerollt.

Eltern der verschwundenen Studenten fordern Aufklärung und erinnern an ihre Söhne
DPA

Eltern der verschwundenen Studenten fordern Aufklärung und erinnern an ihre Söhne

Gewaltkriminalität, Entführungen und Ermordungen gehören in Mexiko zum Alltag. Doch die Ereignisse des 26. September 2014 wühlen die Menschen noch immer auf. Weil 43 unschuldige junge Männer Opfer eines Verbrechens wurden - in das womöglich hohe Politiker und Beamte verwickelt waren. Und weil der Fall so mysteriös ist.

An jenem 26. September hatten rund 100 Studenten aus Ayotzinapa im Bundesstaat Guerreri mehrere Busse in Beschlag genommen. Sie wollten in die Hauptstadt Mexiko City fahren, zu einer Demonstration gegen schlechte Arbeitsbedingungen für Lehrer. Solche Kaperungen gehörten seit Jahren zur Tradition in verarmten Regionen wie dieser. Sie waren nichts Außergewöhnliches. Wohl aber die Reaktion der Sicherheitskräfte.

Bewaffnete Kräfte griffen die Busse in der Stadt Iguala an. Stoppten sie. Eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer: zum Teil mit G36 Sturmgewehren des deutschen Herstellers Heckler & Koch, die illegal in ihre Hände geraten waren. Und sie jagten die Studenten durch die Stadt.

Eine angebliche "historische Wahrheit"

Sechs Menschen wurden bei dem Massaker getötet, 25 teils schwer verletzt; einer liegt noch heute im Koma. 43 Studenten, unter ihnen Jorge Antonio Legideño, wurden von der Polizei verhaftet - und verschwanden danach spurlos. Was mit den 43 passierte, ist bis heute ungeklärt.

Gleich nach dem 26. September startete die Justiz ihre Ermittlungen. Die Fahnder befragten Zeugen, verhörten Verdächtige, nahmen Dutzende Menschen fest. Im Januar 2015 erklärte dann der damalige Generalstaatsanwalt, der Fall sei nun gelöst. Die lokale Polizei habe damals die Studenten dem Drogenkartell Guerreros Unidos übergeben. Anschließend hätten die Gangster dann die 43 Menschen getötet und eingeäschert. Angehörige des Militärs oder der Bundespolizei hätten damit nichts zu tun. Dies sei die "historische Wahrheit", behauptete der Generalstaatsanwalt. Und der damalige Staatspräsident Enrique Peña Nieto rief die Bürger auf, nun nach vorn zu blicken. Der Fall sollte zu den Akten gelegt werden.

Aber dann widerlegten unabhängige Gutachter die Behauptungen des Generalstaatsanwalts. Die Forensiker fanden heraus, dass die als "Beweise" präsentierten verbrannten sterblichen Überreste nicht von den Studenten stammten. Als die Experten ihre Ermittlungen ausdehnen und das Militär wie auch die Bundespolizei befragen wollten, wurde ihnen das verwehrt. Wenig später mussten sie sogar das Land verlassen, weil Mexikos damalige Regierung ihr Mandat nicht verlängerte.

Hilda Legideño mit einem Bild ihres verschwundenen Sohns Jorge Antonio
Henry Romero / REUTERS

Hilda Legideño mit einem Bild ihres verschwundenen Sohns Jorge Antonio

"Irgend jemand von dieser Regierung muss die Angriffe angeordnet haben", ist Hilda Legideño überzeugt. Sie ist nicht allein. Millionen Mexikaner glauben, dass hohe Politiker und Sicherheitsbehörden in den Fall verstrickt sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass Staatsdiener mit der organisierten Kriminalität zusammenarbeiten. Die Autorin Anabel Hernández, die ein Buch über die 43 Verschwundenen geschrieben hat, ist überzeugt, dass kein geringerer als der damalige Präsident Peña Nieto zu den Hintermännern des Angriffs gehörte. Der Politiker bestreitet das entschieden. Beweisen kann Hernández ihre Theorie nicht.

Unbeantwortet ist auch die Frage: Warum wurden gerade diese Busse angegriffen? Seit Langem kursiert das Gerücht, dass Drogenhändler in einem der Fahrzeuge eine große Menge Heroin versteckt haben sollen, um das Rauschgift zu schmuggeln. Neu wäre die Methode nicht. Allerdings ist auch diese Hypothese nicht belegt.

So oder so sind die 43 Verschwundenen zum Sinnbild geworden: für rund 40.000 vermisste Menschen im mexikanischen Drogenkrieg, deren Schicksal bis heute ungeklärt ist. Unter ihnen sind nicht nur Bandenkriminelle, sondern auch Zivilisten, die zwischen die Fronten gerieten oder Augenzeugen von Verbrechen wurden. Immer wieder werden Massengräber mit menschlichen Überresten entdeckt. Oder Chemikalienfässer, in denen Leichname aufgelöst wurden.

Gewehre aus Deutschland von Heckler & Koch

Hilda Legideño und andere Mütter gingen wieder und wieder auf die Straße, forderten Aufklärung vom Staat ein. Hunderte schlossen sich ihnen an. Doch unter Peña Nietos Präsidentschaft stockten die Ermittlungen.

Währenddessen kam es in Deutschland zu einem Prozess: gegen Heckler & Koch. Denn mindestens sieben der beim Massaker eingesetzten Waffen waren G36-Sturmgewehre, die illegal ins Land gelangt waren. Angesichts der schlechten Menschenrechtslage in Mexiko hatten die Exportbehörden keine Ausfuhrgenehmigung erteilt. Dennoch verkaufte Heckler & Koch zwischen 2006 und 2009 mehr als 4500 G36-Gewehre nach Mexiko. Im Februar 2019 verurteilte das Stuttgarter Landgericht in erster Instanz zwei Mitarbeiter zu Bewährungsstrafen - und das Unternehmen zu einer Geldstrafe von 3,7 Millionen Euro. Der Spruch ist nicht rechtskräftig, da alle Verurteilten Berufung dagegen eingelegt haben. Nun ist das Verfahren vor dem Bundesgerichtshof.

In Mexiko tut sich jetzt wieder etwas, dank eines Gelübdes des neuen Staatspräsidenten. Andrés Manuel López Obrador hatte im Wahlkampf 2018 versprochen, den Fall wieder aufzurollen. Und tatsächlich schuf er gleich zu Amtsantritt im Dezember 2018 eine "Wahrheitskommission". Die Angehörigen der Opfer hätten ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren, erklärte "AMLO", wie viele Bürger seinen Namen abkürzen. In die Kommission berufen wurden neben Sicherheitsexperten und Staatsvertretern auch Angehörige der Opfer - unter ihnen Hilda Legideño.

Was wurde eigentlich aus...
    Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
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Ende September gruben Suchtrupps eine Mülldeponie nahe des Ortes um, wo die 43 verschwanden. Tagelang durchkämmten sie die riesige Halde, fanden aber keine Spur der Vermissten. Nun geht die Suche an anderen Stellen weiter. Bislang ist nicht bekannt, dass neue Hinweise entdeckt wurden.

Ob die neuen Ermittlungen die Wahrheit über das Schicksal der Studenten ans Licht bringen werden? Fraglich. "Der Fall ist schon fünf Jahre alt, viele Informationen sind unterdrückt und verwischt worden", sagt Sofía de Robina, Anwältin des Menschenrechtszentrums Prodh, das die Angehörigen unterstützt. Auch ihre Mandantin Legideño weiß: Im Staatsapparat sitzen noch immer Funktionäre, die für die Kartelle arbeiten.

Doch Aufgeben kommt für die Mutter nicht infrage. Und so engagiert sie sich nicht nur in der Kommission, sie geht auch weiter auf die Straße zum Demonstrieren. Der Kampf für Aufklärung und Gerechtigkeit ist ihr Lebensinhalt geworden.

Sie hoffe noch immer, ihren Jorge Antonio eines Tages wiederzusehen, sagt Hilda Legideño. "Aber ich kann nicht nur zu Hause sitzen und auf ihn warten. Ich muss meinen Sohn suchen."

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