Milliarden für die Bildung "Kinderschwundprämie nicht verfrühstücken"

Der Geburtenrückgang bereitet Politikern erhebliches Bauchgrimmen, hat aber auch positive Seiten: Bis 2020 könnten dank sinkender Schülerzahlen, so eine neue Studie, 100 Milliarden Euro frei werden. Was tun damit? Das Gerangel ums Geld beginnt bereits.


Auf Deutschlands Universitäten und Fachhochschulen rollt eine Welle neuer Studieninteressenten zu, den Prognosen zufolge sollen die Studentenzahlen in den nächsten zehn Jahren von zwei auf 2,7 Millionen steigen. Das dürfte die Bundesländer in den Spitzenjahren über zwei Milliarden Euro jährlich kosten - und sie haben noch keinerlei Rezept, wie sie diese Herausforderung schultern wollen. Bei den Schülern aber ist es genau umgekehrt. Fest steht: Bundesweit wird die Zahl der Schüler laut Kultusministerkonferenz bis zum Jahr 2020 um mehr als zwei Millionen oder 17 Prozent sinken.

Abi-Prüfung (in Kaufbeuren): Der Prognose nach werden sich die Reihen lichten
DPA

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Anders als bei den Studenten, deren tatsächliche Zahl in Zukunft etwa vom Ausbau der Studienplätze und vom Einfluss der Studiengebühren abhängt, lässt sich die Schülerzahl anhand der Geburtenstatistik ziemlich präzise voraussagen. Absolut gerechnet verliert das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen demnach mit 436.000 Jugendlichen die meisten Schüler, prozentual ist in Brandenburg der Rückgang mit 35 Prozent am stärksten. Nur in Hamburg nimmt die Schülerzahl aufgrund überproportional starker Zuwanderung um drei Prozent zu.

In der neuen Studie "Demographie als Chance" verrechneten Forscher der Prognos AG im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung diese Schülerzahlen mit den durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben der einzelnen Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen etwa kostet ein Grundschüler pro Jahr 3700 Euro, ein Gymnasiast 5200 Euro, ein Sonderschüler 11.700 Euro. Und weniger Schüler bedeuten weniger Ausgaben, so die Gleichung der Forscher: Auf diese Weise sagen sie Nordrhein-Westfalen Einsparungen von 3,1 Milliarden Euro im Jahr 2020 im Vergleich zu den heutigen Ausgaben voraus. Es folgen Bayern mit 2,8 und Baden-Württemberg mit 2,1 Milliarden Euro.

Milliardensummen werden der noch unveröffentlichten Studie zufolge fast überall in Deutschland wegen des Geburtenrückgangs frei. Bundesweit sollen demnach 2020 rund 13 Milliarden Euro weniger für Schulbildung ausgegeben werden als heute. In dem gesamten Zeitraum summiere sich diese "demographische Rendite", wie es die Forscher nennen, auf fast 100 Milliarden Euro.

"Um jeden Cent kämpfen"

"Die mit der demographischen Entwicklung verbundenen Chancen werden oft ignoriert", sagte Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Bosch-Stiftung, der Tageszeitung "Die Welt". Die Autoren der Studie betonen die positiven Seiten: "Die durch die Entwicklung der Schülerzahlen möglichen Einsparungen könnten 75 Prozent einer umfassenden Reform im Schulbereich finanzieren", heißt es in der Untersuchung. Dabei sollen nicht nur die Ausgaben pro Schüler steigen. Auch könnten obligatorische Ganztagsschulen oder eine Qualitätssicherung in der Lehrerausbildung finanziert werden. Mehr Geld müsse insbesondere in die Grundschulbildung fließen. "Hier weist Deutschland im internationalen Vergleich erheblichen Nachholbedarf auf", so die Autoren. Sie wenden sich aber dagegen, die freien Mittel zur Finanzierung der Hochschulen zu verwenden.

Grafik: Schulausgaben
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Schulausgaben

Dass diese Milliarden tatsächlich frei werden, ist so sicher nicht. Die Ausgaben des Bildungssektors setzen sich aus vielen Komponenten zusammen, die nicht vom einen Tag auf den nächsten abgeschafft werden können – überschüssige Lehrer etwa sind qua Beamtenstatus vor der Entlassung geschützt. Dass die gleiche Anzahl Lehrer weniger Schüler unterrichtet, war etwa zwischen 1975 und 1990 in den alten Bundesländern der Fall, als ein doppelt so starker Schülerrückgang stattfand wie der nun prognostizierte. Doch die Ausgaben der Länder für Lehrer blieben trotz der schnell sinkenden Schülerzahlen unverändert.

Ob eingesparte Beträge wieder dem Bildungssektor zugute kommen oder in den Landesetats versickern, ist völlig offen. Prognos-Direktor Michael Schlesinger warnte davor, diese Renditen zu missbrauchen und sie etwa zur Sanierung strapazierter Haushalte zu nutzen: "Wenn die Länder Mittel aus dem Bildungssystem abziehen, dann gefährden sie ihre eigene Zukunft." Beim Gerangel ums Geld geraten Schulen und Hochschulen, das wissen leidgeprüfte Kultus- und Wissenschaftsminister zur Genüge, gegenüber den Begehrlichkeiten aus anderen Ressorts schnell ins Hintertreffen. Sachsens Kultusminister Steffen Flath etwa sagte, er werde sich darauf einstellen, bei jeder künftigen Haushaltsverhandlung um jeden Cent kämpfen zu müssen.

Johannes Singhammer, familienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, forderte, die Familien- und Kinderförderung zu stärken. Statt die "Kinderschwundprämie zu verfrühstücken", brauche es in Deutschland eine gemeinschaftliche Anstrengung aller öffentlichen Kassen, um die freiwerdenden Mittel entsprechend zu verwenden, sagte der CSU-Politiker in Berlin: "Grund zur Freude wäre, wenn Schulen und Kindergärten geöffnet anstatt geschlossen würden."

cpa/AP



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