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08. August 2016, 06:21 Uhr

Arbeitgeber umgehen Mindestlohn

Vier Monate Praktikum für 120 Euro

Eigenes Büro, spannende Aufgaben, nette Kollegen: Ein Student absolviert in einem Ministerium ein Praktikum, das zunächst ideal klingt. Der Haken: kaum Geld. Dabei steht auch Praktikanten der Mindestlohn zu.

"Ich war vier Monate lang Praktikant in einem Ministerium. Dafür habe ich insgesamt 120 Euro bekommen. Den Stundenlohn kann man kaum noch ausrechnen. Ich finde das ziemlich fragwürdig, denn ich hatte durchaus verantwortungsvolle Aufgaben, die ich eigenständig bearbeitet habe. Es war überhaupt kein Kaffee-kochen-Praktikum.

Ich saß allein in dem Büro eines ehemaligen Mitarbeiters, dessen Stelle noch nicht neu besetzt war, und habe einen Teil seiner Aufgaben übernommen. Es ging darum, ziemlich umfangreich Informationen zu recherchieren und aufzubereiten, die dann für ein Projekt genutzt wurden.

Von der Uni aus hätte ich das Praktikum eigentlich nur acht Wochen lang machen müssen. So ein Pflichtpraktikum müssen Arbeitgeber nicht bezahlen. Ich wollte es aber von Anfang an freiwillig länger machen, weil ich gehofft habe, dann verantwortungsvollere Aufgaben zu bekommen. Das hat ja auch geklappt. Das Praktikum war inhaltlich sehr gut, aber der Haken war eben die Bezahlung.

Von den 120 Euro hätte ich nicht leben können. Ich konnte das Praktikum nur machen, weil ich etwas Geld von meinen Eltern bekomme und noch einen Studentenjob an der Uni habe, der zeitlich sehr flexibel ist.

Um in dem Uni-Job zu arbeiten, durfte ich bei dem Praktikum an zwei Tagen pro Woche schon mittags gehen. Das war mit viel Fahrerei verbunden, weil der Job in einer anderen Stadt war als das Praktikum. Das war schon heftig. Aber nur so konnte ich meinen Job überhaupt behalten und Geld verdienen.

Wenn ich mir vorstelle, dass andere Studenten diese Möglichkeit nicht haben, finde ich das Verhalten der Behörde ziemlich kritikwürdig - vor allem in einem Bundesland, das von der SPD geführt wird, die doch eigentlich für den Mindestlohn eintritt.

Es ist aber schwierig, sich zu beschweren oder bessere Konditionen auszuhandeln, weil man froh ist, wenn man überhaupt einen Praktikumsplatz bekommt. Außerdem hoffe ich, darüber einen Einstieg in den Beruf zu finden. Da will ich es mir natürlich nicht mit dem potenziellen Arbeitgeber verscherzen. Deshalb möchte ich meinen Namen auch lieber für mich behalten."

Arbeitgeber drücken sich vorm Mindestlohn

Praktikanten werden trotz Mindestlohnregel immer wieder zu Minilöhnen oder zum Nulltarif beschäftigt, stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seiner aktuellen Studie "Faktencheck zum Praktikum und Mindestlohn" fest. Dafür wertete er Daten von 635 Praktikanten im Rahmen einer Sekundäranalyse der SOEP-Studie und 33 Telefoninterviews mit Praktikanten aus.

"Die Studie belegt, das Praktika nach wie vor anfällig für Missbrauch sind", sagt DGB-Jugendsekretär Florian Haggenmiller. Vielen Praktikanten helfe der Mindestlohn außerdem nicht. Denn 73 Prozent aller Praktika fänden während des Studiums statt. "Dort hat der Gesetzgeber aber massive Ausnahmen vom Mindestlohn zugelassen."

Grundsätzlich gilt: Auch Praktikanten haben seit Januar 2015 Anspruch auf den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Davon ausgenommen sind aber zum Beispiel freiwillige Praktika während eines Studiums bis zu drei Monaten sowie Pflichtpraktika im Rahmen einer schulischen, betrieblichen oder universitären Ausbildung.

Diese Regeln lassen aus DGB-Sicht Schlupflöcher, die von Behörden und Unternehmen genutzt werden. "Arbeitgeber sind sehr kreativ, wenn es darum geht, bei einem Praktikum den Mindestlohn zu umgehen", sagt Haggenmiller.

So rechnen sie Aussagen von Studenten zufolge zum Beispiel Gratisgetränke am Arbeitsplatz auf den Stundenlohn an, deklarieren freiwillige Praktika in Pflichtpraktika um oder verlangen, dass Praktikanten unbezahlte Überstunden leisten. Das ergibt sich aus Aussagen in den Telefoninterviews mit Studenten:

"Ich habe einen Praktikumsvertrag mit einer Arbeitszeit von 25 Stunden unterschrieben. Mein Arbeitgeber sagte mir bei der Unterschrift, dass die wöchentliche Arbeitszeit in dem Unternehmen von 38 Stunden auch für mich gelte. Bekommen habe ich monatlich 900 Euro brutto."

"Ich habe in einem Unternehmen ein Praktikum von insgesamt neun Monaten absolviert. Die ersten sechs Monate im Rahmen eines Pflichtpraktikums, die letzten drei Monate als freiwilliger Praktikant. Das Unternehmen hat mir zwei verschiedene Praktikumsverträge ausgestellt. Eine Vergütung habe ich nicht bekommen."

Weniger Praktikumsplätze seit Mindestlohnregel

Wie verbreitet solche Methoden sind, belegt die DGB-Studie nicht, weil die Datenbasis zu klein ist. Dass Arbeitgeber den Mindestlohn für Praktikanten vermeiden, legen aber auch andere Studien nahe. So geht etwa aus einer Studie der Uni Würzburg hervor, dass die Praktikumsdauer oft deutlich verkürzt wurde - sodass die Mindestlohnregel nicht greift. Praktikanten verdienen im Schnitt aber auch mehr als früher, zumindest in bestimmten Branchen.

Eine Befragung des Ifo-Instituts und des Personaldienstleisters Randstad ergab, dass knapp jedes zweite Unternehmen, das vor der Einführung der Lohnuntergrenze noch Praktikumsplätze anbot, nun darauf verzichtet. Ifo und Randstad hatten bundesweit rund tausend Personalverantwortliche befragt. Viele beklagten an den neuen Regeln aber nicht nur die höheren Kosten, sondern auch den höheren Aufwand, um etwa Praktikumsbedingungen zu dokumentieren.

Schon vor der Einführung des Mindestlohns hatten Arbeitgeberverbände gewarnt, man dürfe vor allem Praktika zur Berufsorientierung nicht wie Arbeitsverhältnisse behandeln. Viele Unternehmen würden sie sonst nicht mehr anbieten. Der Standpunkt der Arbeitgeber: Praktikanten nützen einem Unternehmen nicht nur, sondern kosten auch viel Zeit und Geld.

Der Gewerkschaft dagegen gehen die jetzigen Regeln nicht weit genug: Die Ausnahmen beim Mindestlohn gerade für freiwillige Praktika während des Studiums müssten abgeschafft werden. Außerdem soll es ein generelles Mindestentgelt für Pflichtpraktika analog zum BAföG-Höchstsatz geben, um niemanden in finanzielle Nöte zu bringen.

fok

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