Minister-Ranking Backpfeifen für Bildungspolitiker

Deutsche Professoren müssen viel Kritik einstecken. Einmal im Jahr keilen sie aus - beim Ranking der Wissenschaftsminister. Seriensieger Jürgen Zöllner holte diesmal nur Silber. Und einige Politiker wollten bei der Online-Abstimmung offenbar ein bisschen nachhelfen.

Von Britta Mersch und


Auf Kritik reagieren Deutschlands Professoren empfindlich. Wenn es um Drittmittel geht, stellen sie sich zwar der Begutachtung ihrer Forschungsleistungen. Aber schon Evaluationen der Lehre durch die Wissenschaftsministerien sind für die meisten Gelehrten ein rotes Tuch, obwohl die Ergebnisse regelmäßig in selten genutzten Aktenschränken endlagern und nicht öffentlich werden. Wo dann Studenten auf eigene Faust die Leistungen ihrer Hochschullehrer bewerten, ist es mit der Tapferkeit vollends vorbei, schiere Panik bricht aus: Uni-Leitungen und Hunderte von Professoren zogen gegen die Seite MeinProf.de zu Felde. Dort benoten Studenten Vorlesungen und Seminare. Das gehe nun aber gar nicht, befanden die so Kritisierten unter Absingen allerhand fadenscheiniger Datenschutzargumente.

Wo einem so viel Schlechtes wiederfährt, ist das ein eigenes Ranking wert. Einmal im Jahr müssen die Wissenschaftsminister zittern. Dann dreht der Deutsche Hochschulverband (DHV) den Spieß um und bläst seinerseits zum Ranking. Die Professorenlobby dreht den Spieß um: Was taugt die Arbeit der Bildungspolitiker? Top oder Flop, stimmen Sie ab!

"Zur Lobpreisung des Ministers abkommandiert"

Seit 2005 tagt das Wissenschaftler-Gericht stets im Winter. Bei den 5200 Teilnehmern ernteten die Politiker abermals kaum Lorbeeren - auch in diesem Jahr pendelten sich die Zensuren zwischen 2,6 und 5,0 ein. Den ersten Platz räumte Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) aus Sachsen-Anhalt ab. Er verdrängte den Sozialdemokraten Jürgen Zöllner, der zweimal gewonnen hatte. Zöllner war bis November 2006 Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz und ist nun Berliner Bildungssenator. Seine Arbeit dort kam aber noch nicht in die Wertung.

Olbertz ist im Minister-Ranking der Aufsteiger des Jahres, sein Notendurchschnitt verbesserte sich stetig auf nunmehr 2,6 - ein Jahr zuvor war es noch eine 3,3, vor zwei Jahren nur eine 4,4. Den dritten Platz hinter Zöllner belegt Dietrich Austermann (CDU) aus Schleswig-Holstein. Er arbeitete sich Wissenschaftsminister von 4,5 auf 2,8 hoch - gleich um zehn Plätze. Für seinen bayerischen Kollegen Thomas Goppel (CSU) ging es um zehn Plätze aufwärts.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) überstand das Föderalismus-Getöse ohne Ranking-Blessuren und landete auf Platz sechs im guten Mittelfeld, für das schon ihre Note 3,8 reichte. Die Parteizugehörigkeit spielte bei der Beurteilung keine größere Rolle. So ließ die konservative Klientel des Hochschulverbandes die Minister Jens Goebel aus Thüringen und Udo Corts (beide CDU) aus Hessen stark abrutschen. Corts teilt sich den letzten Platz nun mit Jörg Dräger (parteilos) aus Hamburg, der ebenfalls eine blamable Fünf einfuhr - Versetzung gefährdet.

Lästern macht Laune

Das Ranking ist eher gehobene Akademiker-Bespaßung, ein Gesellschaftsspiel der Gelehrten. Streng wissenschaftlichen Kriterien folgt es nicht, und darum nimmt es auch niemand richtig ernst. Dennoch scheint man in den Ministerien unter miserablen Noten zu leiden. Verblüfft registrierte DHV-Geschäftsführer Michael Hartmer Manipulationen. Die Zahl der Mehrfach-Abstimmungen habe in diesem Jahr "schon mehr als ärgerliche Ausmaße" angenommen: "In mehreren Bundesländern sind offensichtlich ganze Kohorten von Heloten zur elektronischen Lobpreisung ihres Ministers abkommandiert worden." Man habe sie dazu angehalten, "klumpenweise fettige und peinliche Einzelkommentare hinzuzufügen, die in ihren sülzigen Diktion der letzten Wahlkampfbroschüre entnommen sein mögen", zürnt Hartmer.

Schaurig und "würdelos" findet er Kommentare wie diesen: "Ein Minister, der anpackt, der Mut hat, Neues zu wagen, Top-Mann." Zudem sieht der DHV starke Indizien, dass solche Abstimmungs-Teilnehmer dem Minister des jeweiligen Nachbarlandes auch noch besonders schlechte Noten verpassten. Pech für die Trickser: Die Mehrfachabstimmungen wurden im Ranking nicht gewertet.

Sonst nutzten viele Wissenschaftler die willkommene Gelegenheit, ihren Zorn auf die Bildungspolitiker freien Lauf zu lassen - von "bildungspolitische Platzpatrone" bis zum Stoßseufzer "Wenn Wissenschaftsminister doch etwas von Wissenschaft verstünden...". Mit "Staatsdirigismus" überhole die CDU die PDS links außen, hieß es beispielsweise an die Adresse des Thüringer Ministers Jens Goebel ("reiner Konkursverwalter!"). "Wer seine Kompetenzen freiwillig abgibt, ist falsch besetzt", lautete ein Kommentar zu Schavan. Ein anderer: "Wenn Frau Bulmahn blinder Aktionismus vorzuwerfen war, so zeichnet sich Frau Schavan durch stumme Passivität aus."

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