Ministrantinnen-Premiere Benedikt und ich

So direkt wie Anne Richter, 25, erleben Benedikt XVI. nur wenige: Sie war eine von zwölf Ministranten am Altar im Berliner Olympiastadion. Zu nahe kommen durfte sie ihm dort als Frau zwar nicht, "gigantisch" fand sie es trotzdem. Bericht einer besonderen Begegnung.

Anne Fromm

"Die Minuten vor der Messe waren so stressig, dass ich gar keine Zeit hatte, aufgeregt zu sein. Wir waren gerade mit den Proben fertig und verließen die Bühne, da kam der Papst schon in das Olympiastadion gefahren. Er wurde von allen Seiten bejubelt. Es war grandios, als er in seinem Papamobil an uns vorbei fuhr. Einer der tollsten Momente des ganzen Tages.

Die Messe begann damit, dass alle Beteiligten feierlich die gigantische Altar-Tribüne betraten. Wir vorne weg. Als letztes kam Papst Benedikt nach oben und setzte sich an den Altar. Ich konnte es kaum glauben, so nah an ihm dran zu stehen.

Beim Einzug trug ich eine Kerze. Das ist eine riesige Ehre. Frauen dürfen in der katholischen Kirche noch gar nicht so lange ministrieren. Nach einer Vorgabe aus Rom ist es Frauen zwar nun erlaubt, die Messe mitzugestalten, die Ämter direkt am Papst können sie aber nicht ausführen - sie dürfen dem Papst nicht zu nahe kommen. Das finde ich völlig in Ordnung. Selbst wenn ich heute kein Amt hätte ausführen dürfen und nur dort oben hätte stehen dürfen, wäre das toll gewesen.

Popstar-Stimmung beim Gottesdienst

Die Stimmung im Stadion war unglaublich. Als der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki den Papst begrüßt hat, kam fast schon Popstarstimmung auf: Es wurde viel geklatscht und gejohlt. Die Leute haben in Sprechchören gerufen und Fahnen geschwenkt. Das ist schon merkwürdig, wenn ich das mit einer normalen Sonntagsmesse in der Kirche vergleiche. Aber der Rahmen war ja auch ein ganz anderer.

Während der Messe saßen wir auf der Tribüne hinter den Bischöfen. Von da haben wir alles beobachten und mithören können. Die Predigt fand ich toll. Der Papst hat sich auf die Werte der christlichen Gemeinschaft bezogen und das sehr gut rübergebracht. Das macht ihn einzigartig.

Nach der Messe kam der Papst noch mal zu uns. Er hat sich bei uns bedankt, und wir konnten ein Gruppenfoto mit ihm machen. Was für ein Moment! So nah neben dem Papst zu stehen, das war gigantisch.

Die Vorbereitungen für die Messe waren aufwändig. Anfang der Woche haben wir mit den ersten Proben im Stadion angefangen. Dass ich das Licht tragen würde, wurde erst vor wenigen Tagen festgelegt. Die Sicherheitsvorkehrungen im Voraus und während der Messen waren natürlich groß. Wir wurden gründlich vom Bundeskriminalamt durchleuchtet und mussten durch mehrere Schleusen, um ins Stadion zu kommen. Wir wurden ja in der höchsten Sicherheitszone eingesetzt. Da hatten nur wenige Leute Zutritt. Während der Messe stand überall Polizei, davon hat man aber auf der Bühne nicht viel gesehen.

Kritik an der Kirche finde ich nicht schlimm

Abgesehen vom Papst und den vielen Menschen war es eine ganz normale Messe. Klar, die Abläufe waren ein bisschen anders, das macht ja jede Gemeinde auf ihre Art. Aber die Liturgie an sich ist ein festgelegter Akt.

Die Stimmung, die vielen Leute, der Papst und diese Messe - das war alles so unglaublich. Erst jetzt fällt langsam die Anspannung von mir ab und mir wird bewusst, was ich da erleben durfte. Währenddessen war ich so konzentriert, dass ich das überhaupt nicht realisiert habe.

Von den Protesten rund um den Papstbesuch habe ich kaum etwas mitbekommen. Ich finde es nicht schlimm, dass Leute Kritik an der Kirche und am Papst äußern. Das sollte man sich anhören und ernst nehmen. Ich persönlich sehe das aber alles nicht so eng. In der katholischen Kirche hat jeder seinen Platz, das akzeptiere ich.

Ich bin seit mehr als 15 Jahren Ministrantin, aber diese Messe war die Krönung meines Glaubens. Eine Freundin von mir ist Oberministrantin im Dom. Wir kennen uns aus der Schule und unterstützen die Pontifikalämter, also die Bischofsmessen. Als sie mich vor ein paar Wochen gefragt hat, ob ich beim Papst ministrieren will, habe ich sofort zugesagt. So ein einmaliges Ereignis kommt nie wieder und ich bin glücklich, dass ich dabei sein durfte."

Aufgezeichnet von Anne Fromm

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