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Von Carola Sonnet

2. Teil: Trennung von Kirche und Staat? Nicht in Bayerns Unis


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Mission Hochschule: Wie die Kirchen um Einfluss ringen
An anderer Stelle wird an den Hochschulen seit Jahrzehnten viel subtiler Einfluss genommen: Über die Besetzung der sogenannten Konkordatslehrstühle an bayerischen Hochschulen darf nämlich der Vatikan mitentscheiden. Dabei handelt es sich nicht um theologische Professuren, sondern um Lehrkräfte für Gesellschaftswissenschaften, Pädagogik und Philosophie.

"Das ist doch ein Skandal", findet Alexander von Pechmann. Er ist einer der wenigen Dozenten, die sich getraut haben, gegen dieses seit Jahrzehnten existierende Recht der Kirche zu klagen. Mit sechs weiteren Kollegen wollte er dagegen vorgehen, dass sie von vornherein bei der Besetzung eines Lehrstuhls aus Glaubensgründen nicht berücksichtigt wurden.

Die weitgehend unbekannte rechtliche Grundlage für das Konkordat, das in einem Vetorecht des Bischofs gegen Besetzungsvorschläge der Uni besteht, ist ein Vertrag, den der Freistaat Bayern erstmals 1924 mit dem Vatikan geschlossen hat. Damals ging es in erster Linie um das Mitspracherecht der katholischen Kirche bei der Ausbildung der Religionslehrer. Später jedoch, als in Bayern aus den konfessionsgebundenen Schulen sogenannte Gemeinschaftsschulen wurden, sah die Kirche ihren Einfluss schwinden. Sie bestand auf einen Zusatz im Vertrag.

Bei 21 bayerischen Professuren redet die katholische Kirche mit

Dort ist nun festgelegt, dass gegen die jeweils drei Professoren an den sieben bayerischen Hochschulen Augsburg, Erlangen-Nürnberg, München (LMU), Passau, Regensburg, Würzburg und Bamberg "keine Erinnerung zu erheben ist". Das heißt so viel wie "keine Einwände" - im katholischen Sinne. Der Vertragszusatz sichert der Kirche also bis heute den Einfluss auf 21 Professuren und somit auch auf die Studenten.

Allein in Bayern bedeutet das, dass ein Viertel der Politik-Lehrstühle, ein Drittel der Soziologen-Lehrstühle und sieben von 19 Philosophie-Lehrstühlen indirekt vom Papst beeinflusst sind. Es dürfte also für einen Studenten, der keiner Kirche angehört und auch nicht an Gott glaubt, eher schwierig werden, eine philosophische Ausbildung ohne zumindest einen religiös motivierten Hintergrund zu erhalten. Auch weil die Transparenz fehlt.

Krichlicher Einfluss in anderen Ländern
Spanien
Auch in Spanien gibt es ein Konkordat, einen kirchenrechtlichen Vertrag zwischen dem Vatikan und der Regierung, der dem Vertreter des Papstes ein Einspruchsrecht für die Besetzung bestimmter Lehrstühle zusichert. Nach einer Klage gegen den Vertrag beschied der Richter kürzlich, dass sich eine solche Regelung nicht mit der spanischen Verfassung vereinbaren ließe. Kein Lehrer solle seinen Unterricht vom guten Willen des Bischofs als direktem Vertreter des Papstes abhängig machen müssen. Die katholische Laienorganisation Opus Dei kontrolliert an der Universität von Navarra die beste MBA Schmiede Spaniens, das Instituto de Estudios Superiores de la Empresa (IESE). Es wurde 1958 in Barcelona gegründet.
Brasilien
In Brasilien ist der Anteil der Katholiken und Bischöfe an der Bevölkerung in den letzten Jahren gesunken, trotzdem ist er noch höher als in jedem anderen Land. Der Regierungschef Luiz Inácio Lula da Silva schloss 2008 einen Vertrag mit dem Papst, in dem es um den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen geht und in dem auf die Wichtigkeit der Religion für die Persönlichkeit der Schüler hingewiesen wird. Bis dahin galt die katholische Kirche rechtlich als einer von vielen religiösen Kulten. 2007 war der Papst ins Land gereist, er bezeichnete Lateinamerika als einen „Kontinent der Hoffnung“. Trotzdem verliert die katholische Kirche zunehmend an Einfluss, aufgrund der zahlreichen evangelikalen Abspaltungen.
USA
In den Vereinigten Staaten wuchs der Einfluss der katholischen Kirche mit den Einwanderern aus Europa. Vorher prägten die sogenannten Puritaner das religiöse Selbstverständnis maßgeblich. Sie gründeten auch die heutigen Elite-Universitäten Harvard und Yale.
Heute haben sich sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche ausdifferenziert, zahlreiche kleinere Religionsgruppen wie die Methodisten und Presbyterianer sind entstanden. Die Baptisten bilden die größte der evangelikalen Kirchen, der rund 14 Prozent aller US-Amerikaner angehören. Besonders groß ist der Einfluss der Kirche im Aufklärungsunterricht an den Schulen. Die Rate der Teenager, die in den USA schwanger werden, ist die höchste weltweit.

Frankreich
Seit der Französischen Revolution 1789 gibt es in Frankreich die Religionsfreiheit.
Napoleon schloss später einen Vertrag mit dem Vatikan, der den Katholiken vor allem die freie und ungestörte Ausübung ihrer Religion zusicherte. Das Konkordat hielt sich jedoch nur wenig mehr als hundert Jahre und wurde 1905 von der Französischen Nationalversammlung wieder abgeschafft. Seitdem legt Frankreich die strikte Trennung von Kirche und Staat per Gesetz fest. Im Dezember 2008 wurde jedoch ein neuer Vertrag zwischen dem französischen Staat und dem Vatikan geschlossen, der festlegt, dass unter dem Vorwand des Bologna-Prozesses auch Abschlüsse von katholischen Hochschulen staatlich gefördert werden müssten.

Alexander von Pechmann sieht darin einen Verstoß gegen die Verfassungsmäßigkeit des Landes Bayern und der Bundesrepublik Deutschland und einen Anachronismus. "Unser Ziel ist es, das Konkordat zu beenden", fasst er seinen und den Willen seiner Mitstreiter zusammen, trotz einer ersten Niederlage. Ihre Klage wurde aus formalen Gründen abgewiesen, doch Pechmann findet, der Bayerische Landtag müsste das Mitspracherecht des Vatikans endlich neu verhandeln. "Die CSU hat ganz klar gemacht, dass sie hinter den Konkordatslehrstühlen steht", sagt Pechmann, der die Grünen und die SPD auf seiner Seite weiß und vor Gericht einen neuen Anlauf plant.

Die Kläger sehen sich auch wieder im Aufwind, seitdem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Kraft ist. Außerdem verstoßen die Konkordatslehrstühle gegen die EU-Richtlinie 2000/78/EG, sagt der zuständige Kommissar Vladimir Spidla. Er hat die Bundesregierung um eine Stellungnahme gebeten.

Kommilitone Mormone: "Wann hast du das letzte Mal in der Bibel gelesen?"

Auch viele Studenten sprechen sich gegen den Einfluss auf nicht konfessionell gebundene Lehrstühle aus. Florian Kaiser vom freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften (fzs) hält die bayerische Regelung für völlig überholt: "Wir plädieren für die komplette Abschaffung und die Trennung von Kirche und Staat." Ähnlich argumentieren die "Laizisten", eine studentische Hochschulinitiative gegen Religionsprivilegien.

Dass die Kirchen sich und ihre Interessen überhaupt so an den Hochschulen positionieren können, hat auch viel mit der Geschichte der Universitäten zu tun. Denn der weitgehenden Trennung von Kirche und Staat seit Anfang des 19. Jahrhunderts ging eine Zeit der engen Zusammenarbeit an den Hochschulen voraus. Deutschlands älteste Universität, die Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, wurde 1386 mit Genehmigung des Papstes und mit einem Gottesdienst eröffnet. Hier sollten von nun an Kirchen- und Staatsdiener ausgebildet werden.

Viele weitere Hochschulen wurden aus ähnlichen Motiven gegründet, eine theologische Fakultät gibt es an jeder Volluniversität. 41 Hochschulen sind heute in Deutschland noch in kirchlicher Trägerschaft. Die wohl bekannteste ist die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, die ursprünglich 1564 als Priesterseminar gegründet wurde und von den sieben bayerischen Bistümern getragen wird. Sie ist die einzige katholische Universität in Deutschland. Alle anderen Hochschuleinrichtungen der Kirchen sind Fachhochschulen.

Kirchen sehen sich als Helfer gegen Bachelor-Stress

Katholiken und Evangelen buhlen allerdings nicht alleine um die Gunst der Studenten. Gerade an den großen staatlichen Hochschulen sind Vertreter der Mormonen unterwegs, immer zu zweit und immer im schwarzen Anzug mit weißem Hemd. "Bist du in der Kirche?", fragen sie, "glaubst du an Gott?", oder: "Wann hast du das letzte Mal in der Bibel gelesen?" Wer die ersten beiden Fragen mit Nein beantwortet und bei der letzten mit der Schulter zuckt, hat die Antworten gegeben, auf die die beiden Abgesandten geschult wurden. Denn jetzt verwickeln sie die Passanten, die nicht schnell genug weitergegangen ist, in ein Gespräch über ihren Bibelkreis und den Glauben an sich.

Die Mormonen sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich von den weltlichen Kirchen abgespaltet hat und in Deutschland etwa 40.000 Mitglieder zählt. Dem Vertreter der katholischen Kirche an den Hochschulen, Lukas Rölli, sind ihre Methoden zu direkt. "Wer sich für den Glauben interessiert, der findet den Weg zu uns allein."

Die evangelische Kirche sieht das ähnlich. Die Hochschulen seien ein wichtiger Ort des kirchlichen Engagements. In einem Positionspapier äußert sich der ehemalige Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, zu den neuen Studiengängen, dem hohen Zeitdruck und der schlechten Betreuung: "Nicht selten verdichten sich diese Faktoren zu einer massiven Überforderungssituation." Hier müsse die Kirche ansetzen.

Auch Joachim Ochel, zuständig für Hochschulfragen bei der EKD, bemängelt die fehlende Zeit für kulturelle und religiöse Diskurse in den durchmodularisierten Studiengängen. "Es fehlen die Freiräume, um über den Tellerrand hinauszugucken." Man nehme sich für kirchliches Engagement heutzutage kaum noch Zeit.

Ob die Studenten dafür in Zukunft wieder mehr Muße haben, ist fraglich. Versuchen wollen es die Kirchen trotzdem - und ihren Einfluss auf die Unis nutzen.

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Zyklotron, 21.12.2009
1. Finsterstes Mittelalter.
Zitat von sysopDen Kirchen laufen die Mitglieder davon, darum trommeln sie an Hochschulen. Gerade bei gestressten Bachelor-Studenten wittern sie ihre missionarische Chance. Es geht nicht nur um Nachwuchs und Mitarbeiter - bisweilen bestimmen Bischöfe sogar mit, wer Professor wird. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,667953,00.html
Finsterstes Mittelalter. Es ist ein Schandfleck in der Menschheitsgeschichte, dass diese ganzen religiösen Schmarotzer überhaupt noch etwas in der Gesellschaft zu sagen haben.
Herg 21.12.2009
2. Interessant
Toll, dass das Thema Kirche an Hochschulen mal aufgegriffen wird! Die im Text erwähnte Hochschulgruppe Laizisten findet man übrigens unter www.laizisten.de
eikfier 21.12.2009
3. leidige Imponderabilien...
Zitat von ZyklotronFinsterstes Mittelalter. Es ist ein Schandfleck in der Menschheitsgeschichte, dass diese ganzen religiösen Schmarotzer überhaupt noch etwas in der Gesellschaft zu sagen haben.
Einerseits haben Sie schon recht, wenn Sie vermutlich darauf hinweisen wollen, daß auch bei uns noch keineswegs überall die vorgeschriebene Trennung von Staat und Kirch/Religion in der Praxis selbstverständlich ist. Andererseits muß der Staat wegen der enormen und schlicht staatserhaltenen Sozialleistungen durch die Kirchen auch Kompromisse machen, z.B. das Inkasso der Kirchensteuern durch die staatlichen Finanzämter (war ja bekanntlich eine bittere Boykottmaßnahme der eingegangenen DDR gegenüber den Kirchen!) , wodurch die Kirchen ihrerseits einen ganz schön kostspieligen Inkassobetrieb einsparen...
Klo, 21.12.2009
4. Anachronismus
Zitat von sysopDen Kirchen laufen die Mitglieder davon, darum trommeln sie an Hochschulen. Gerade bei gestressten Bachelor-Studenten wittern sie ihre missionarische Chance. Es geht nicht nur um Nachwuchs und Mitarbeiter - bisweilen bestimmen Bischöfe sogar mit, wer Professor wird. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,667953,00.html
Das Konkordat ist ein Anachronismus und gehört komplett und ersatzlos abgeschafft. Es ist diskriminierend und daher grundgesetz- und menschenrechtswidrig, wenn Dozenten und Studenten an staatlichen Hochschulen aufgrund des Bekenntnisses ausgewählt werden.
lo77 21.12.2009
5. einmal bashing bitte.
Worum geht es dem Autor eigentlich? Kritik am diakonischen, uni-nahen Engagement der Kirchen in Form von Studentenwohnheimen und weiteren sozialen Angeboten? Oder Kritk an der, vor allem in Bayern jahrundertelang gewachsenen, Zusammenarbeit von Hochschule und Kirchen? Oder doch lieber noch ein Absatz über die Mormonen? Jedes dieser Themen hätte sicherlich seinen ausführlichen Artikel verdient. In der vorliegenden Form allerdings undifferenziert (bestehende Zusammenarbeit notorisch als Einflussnahme zu deklarieren...), an der Oberfläche kratzend (siehe oben - einmal den thematischen Rundumschlag bitte) und inhaltlich schwach (was bitte sind "weltliche Kirchen"?) Für tendenziöse Stimmungsmache reichts - für eine differenzierte Diskussionsgrundlage leider nicht.
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