Mit Comics zum Diplom Dipl-Com Mawil

Studienfach Comic-Zeichnen? Noch gleicht die akademische Ausbildung einem Selbstversuch. Markus Witzel alias "mawil" hat es geschafft. Er reichte seine Diplomarbeit als Comic ein ­ und bekam eine glatte Eins. Der Ost-Berliner ist keineswegs der einzige, der im Studium sein zeichnerisches Talent weiter entwickelte.


Zeichner mawil bei der Arbeit: Traurige Sommerliebe ordnungsgemäß als Prüfungsthema angemeldet
SEBASTIAN RAULF / DER SPIEGEL

Zeichner mawil bei der Arbeit: Traurige Sommerliebe ordnungsgemäß als Prüfungsthema angemeldet

Es ist immer wieder das Gleiche mit den Mädels. Wo er sich auch an sie ranmacht - bei der katholischen Tanzgruppe, auf der sommerlichen Radtour an der Ostsee oder beim internationalen Plattenbauprojekt der Kunst- und Designstudenten - die Sache endet stets mit einer Enttäuschung.

"I like you, but I don't want anything from you!", sagen sie am Schluss, oder "Wir können ja Freunde bleiben".

Ziemlich gewöhnliche Geschichten also - nur nicht für eine Diplomarbeit. Erst recht ungewöhnlich für einen akademischen Abschluss ist die Form: eine Folge von Comics. Markus Witzel, 26, hat damit vergangenes Jahr sein Examen als Comic-Zeichner gemacht - in einem Fach, das es eigentlich nicht gibt.

Der Ost-Berliner hatte schon mit acht Jahren die ersten Bildergeschichten gezeichnet, mit 16 veröffentlichte er zum ersten Mal etwas in einem Comic-Fanzine. "Der Junge kann halt zeichnen, das muss er auch studieren", meinten die Eltern großzügig. Dass er sein Studium in Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee in eine Comic-Ausbildung umfunktionieren würde, konnten sie nicht ahnen.

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Katholische Kindergruppe, Kommunion, Tanzschule - schlimme Zeiten, das...




Die Sache mit der Tanzschule: Damenwahl - aus mawils Examens-Band

Es war eine etwas eigenwillige Interpretation der Studieninhalte, aber fünf weitere Kommilitonen teilten seine Leidenschaft. Mit ihnen gründete er die Gruppe "Monogatari" - das heißt auf Japanisch "Geschichten erzählen". Zusammen reichten sie eine Semesterarbeit mit dem Titel "Alltagsspionage - Comicreportagen aus Berlin" ein. Markus Witzel zeichnete dafür den Beitrag "Wie wir uns mal ne 3er WG suchen wollten". Seinem Professor Stefan Koppelkamm gefielen die Storys, und als einige der Monogataris mit Comics auch ihr Diplom bestreiten wollten, gab es keine Probleme.

Markus Witzel war im Sommer vergangenen Jahres gerade mal wieder unglücklich verliebt, und so meldete er das Thema seiner traurigen Sommerliebe ordnungsgemäß zur Prüfung an. "Wir können ja Freunde bleiben" brachte ihm nicht nur die Examensnote eins ein, seit Anfang des Jahres ist der Band auch auf dem Buchmarkt. Und auf der Leipziger Messe im März wurde der Zeichner von Fans umlagert. Unter seinem Künstlernamen "mawil" ist er in der Comic-Szene inzwischen eine anerkannte Größe - die Abkürzung nach dem Vorbild großer Zeichner wie Hergé ("Tim und Struppi") fand er witziger als seinen eigenen Namen.

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Comics sind Kult, längst sind sie über das Schmuddel-Image der Billigheftchen zum Kunstwerk avanciert, das Geschäft mit aufwendigen Zeichenbänden hat eine wachsende Gemeinde. Neben den Klassikern aus den USA und Frankreich konnten sich mittlerweile auch deutsche Autoren wie Ralf König ("Kondom des Grauens"), Bernd Pfarr ("Titanic") oder der UniSPIEGEL- und "taz"-Zeichner ©Tom etablieren. Auch wer es nicht in die Spitze der Bestsellerliste schafft, hat durchaus noch Chancen, sein Geld mit comic-artigen Fähigkeiten zu verdienen: Das Gestalten von Web-Seiten verlangt immer öfter das Denken in Bildabläufen, die Dramaturgie solcher Internet-Storyboards gleicht eher Comics als geschriebenem Text.

In den Heimatländern von Asterix und Obelix und Mickey Mouse gibt es anerkannte Schulen für Comic-Designer. Zeichenfabriken wie Marvel Entertainment in Hollywood bilden systematisch Profis aus. In Deutschland dagegen fehlt es an einem geregelten Ausbildungsweg zum Comic-Diplom.

Henning Wagenbreth, 41, Professor für "Entwerfen mit überwiegend grafischen Medien" am Studiengang Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste (UdK) Berlin empfiehlt: "Erst mal wat Ordentlichet lernen." Wichtig sei die Dramaturgie beim zeichnerischen Erzählen. Selbst der Comic-Kenner hat noch dazugelernt, als eine Theaterdramaturgin seinen Studenten die Techniken des Figurenaufbaus und des sinnvollen Geschichtenstrickens nahe brachte. Zeichnerisches Talent allein fesselt keinen Comic-Leser. Der Autor muss schon wissen, wie man einen "Cliffhanger" - einen Spannungsbogen - erzeugt.

Hendrik Dorgathen ist ein früher Vorläufer der Zeichenkünstler, die mit einem Comic durchs Examen kamen - 1993 lieferte er im 16. Semester an seiner Uni "Spacedog" ab, eine Geschichte ohne jede Sprechblase. Die klassische Ausbildung zum Illustrator für Kinderbücher, Frauenzeitschriften oder Gebrauchsanweisungen, meint er, hilft Comic-Zeichnern für ihre berufliche Zukunft kaum noch. Der gesamte Bereich des Kommunikationsdesigns hat sich verändert. "Das Denken in zeitbasierten Abläufen" (Dorgathen) ist gefordert. Jedes Konzept, sei es für eine Anzeige, einen Fernsehspot oder ein Plakat, muss am Ende auch als ruckelnde Animation auf der Website des Kunden darstellbar sein.

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Überhaupt hat das Internet alles in Bewegung gebracht, so dass ein Web-Designer der eher starren Disziplin Typografie das Laufen beibringen muss, weil der Kunde Animation will. Das Sequentielle wird immer wichtiger im Zeitalter der Fotohandys. Auch wenn es bisher keinen Studiengang "Comic" gibt - an jedem Fachbereich für visuelle Gestaltung kann der Studierende sich das notwendige Handwerkszeug zusammensuchen: Das Zeichnen gilt als beste Grundlage für gestalterisches Schaffen, weil es räumliche Vorstellung und Ausdruck trainiert und ein gutes Gefühl für die zweidimensionale Darstellung dreidimensionaler Situationen gibt. "Am meisten habe ich während der Zeichenkurse eigentlich dadurch gelernt, dass sich andere meine Zeichnungen ansehen und manches nicht verstehen", schildert mawil seine Studienerfahrungen.

Zeichner Mawil: "Erst mal wat Ordentliches lernen"
Stefan Pannor

Zeichner Mawil: "Erst mal wat Ordentliches lernen"

Mit der Qualität der Zeichenkunst steigt die Chance, in die unterschiedlichsten Bereiche "hineinzudilettieren", sagt Dorgathen, der selbst auch schon Bühnenbilder entworfen hat. Storyboarding heißt die zeichnerische Darstellung eines Drehbuchs vor der Verfilmung: Auch damit lässt sich Geld verdienen, wenn man richtig Zeichnen gelernt hat.

Aktzeichnen am lebenden Modell schult die Fähigkeit, die eigenen Helden ohne schmerzhaft wirkende körperliche Verrenkungen darzustellen, ihnen glaubhafte Emotionen in die Gesichtszüge zu legen. Auch Farblehre und Farbgestaltung zu lernen nützte dem zukünftigen Comic-Zeichner, weil er damit die Gefühlswelt seines Albums durch entsprechende Farben entscheidend prägen kann.

Der Umgang mit dem Computer gibt viele Hilfen an die Hand, um bereits gezeichnete Vorlagen mit digitalen Mitteln zu verfeinern und für den Druck vorzubereiten. Für seinen Diplom-Comic nutzte mawil das Gerät, um die für seinen Stil typischen grauen Flächen in den Bildern anzulegen. Vor 15 Jahren hätte er das noch mit selbstklebenden Rasterfolien machen müssen, handgeschnitten Bild für Bild. Auch das für den Comic-Kenner so wichtige "Handlettering" - das Schreiben der Texte mit dem Zeichenstift - lässt sich mit dem Rechner vereinfachen. Aus der eigenen Sprechblasenhandschrift wird ein digitaler Font, eine neue Computerschrift, erzeugt, die per Tastatur wie Drucktypen in die Blasen gesetzt wird.

Etwas Kommunikationstheorie hilft schließlich, Anzeigenkunden für den Selbstverlag zu akquirieren, falls sich nicht gleich einer der Großen der Buchbranche für die Werke des neuen Comic-Stars interessiert.

Marketing und Vertrieb sind lebensnotwendig, aber auch selbstverständlich für den Nachwuchs. Hendrik Dorgathen beispielsweise erinnert sich, wie er früher Heftchen drucken ließ, die dann in seinem Keller verrotteten, weil es am Vertrieb haperte. Da sind die Kids heute kommerzieller drauf. "Moga Mobo" (www.mogamobo.com) ist ein unregelmäßig erscheinendes, kostenloses Comicfanzine, Auflage momentan stattliche 20 000 Exemplare, finanziert durch Anzeigen, das den wechselnd teilnehmenden Zeichnern große Verbreitung und jede Menge Öffentlichkeit bietet. Etwa 80 "Moga Mobo"-Hefte erreichten bis jetzt eine Gesamtauflage von einer Dreiviertelmillion. Man bildet wie von selbst Netzwerke, unterstützt sich gegenseitig und gewöhnt den Markt an das eigene Werk.

Gestrandeter Comic-Held: Sein Name ist Hasi
Mavil

Gestrandeter Comic-Held: Sein Name ist Hasi

Markus Witzel ist das schon gelungen. Noch während des Studiums druckte der auf Qualitäts-Comics spezialisierte Verlag Schwarzer Turm seine "Strandsafari", die Geschichte eines gestrandeten Hasen. Der Held des Comic-Strips, runder Kopf, Brille, lange Ohren, kleiner Körper, gilt als Alter Ego von mawil. Ein weiteres Werk dieses Unglücks-Hasen, "Berg Hasi", brachte dem Zeichner eine Ehrung des "Interessenverband Comic e. V." ein: "Im wahrsten Sinne des Wortes 'schräge' Bilder."

Und auch ein nützliches Netzwerk findet der Ost-Berliner in der Comic-Szene rund um den Prenzlauer Berg. Die einschlägig spezialisierte Bibliothek und Galerie "Bei Renate" ist Treffpunkt des harten Kerns, Gründungsmitglied ist der als Atak bekannte Georg Barber ("Subi & Klubi"), der auch für die "Berliner Zeitung" arbeitet. Die ehemaligen DDR-Bürger zeichnen oft originellere und subtilere Strips als die Wessis. In ihrer prägenden Jugendzeit als Comic-Leser, meint mawil, waren sie kaum der "US-Hochkultur" ausgesetzt und wollten nicht diesen Vorbildern nachzeichnen: "Wir waren da freier."

SEBASTIAN RAULF

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