Studentin mit Diabetes "Ökonomisch gesehen sind Sie ein Schaden"

Ein Stipendium hatte sie, trotzdem wäre für Lea Vehling das Studienjahr in den USA fast geplatzt - weil niemand eine Diabetikerin versichern will. Hier erzählt sie vom harten Kampf um ihr Auslandssemester.
Lea Vehling

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Zur Person

Lea-Melissa Vehling, 21, studiert Geografie und Germanistik an der Universität Göttingen und verbringt derzeit ein Auslandsjahr am Hope College im US-Bundesstaat Michigan. Über ihre Erlebnisse bloggt sie aufLea Vehling: Studying abroad in Michigan 

"'Du wirst auch mit Diabetes ein ganz normales Leben führen!' Das versprachen mir die Ärzte damals, nachdem ich auf dem Schulhof zusammengebrochen war. Zwölf Jahre ist das jetzt her - doch ganz so einfach ist das Leben mit Diabetes nicht, das musste ich jetzt wieder erfahren.

Das Stipendium für zwei Semester in den USA hatte ich, nun brauchte ich nur noch eine Auslandskrankenversicherung. Meine Kommilitonen schlossen mit wenigen Klicks im Internet eine ab, ich telefonierte Krankenkasse nach Krankenkasse ab - und bekam mit jedem Anruf eine weitere Absage.

Ein Mitarbeiter fasste meinen Fall so zusammen: 'Wir werden uns ganz bestimmt keinen Schaden einkaufen - und bei allem Respekt: Ökonomisch gesehen sind Sie genau das für uns.'

Ich leide an Diabetes Typ 1 und brauche kontinuierlich Insulin - der Vorrat für zwei bis drei Monate kostet 200 bis 300 Euro. Dazu kommt Verbrauchsmaterial für die Insulinpumpe, die ich ständig bei mir trage. Alle zwei Tage muss ich den Katheter wechseln und das Reservoir austauschen. Weil für mich eine erhöhte Infektionsgefahr besteht, muss ich mich mit Desinfektionsmitteln eindecken. Und mindestens einmal im Quartal muss ich zum Arzt, um mir ein neues Insulin-Rezept abzuholen.

Wenn ich die Kosten für all das privat tragen müsste, wäre ich längst pleite. Aber in Deutschland hat man nicht nur eine Versicherungspflicht, sondern auch ein Recht auf Versicherung.

Ich fand heraus, dass die gesetzliche Krankenkasse dazu verpflichtet ist, auch Medizinkosten im Ausland zu übernehmen, wenn man mindestens drei Absagen für Auslandskrankenversicherungen nachweisen kann. Ich nervte die Mitarbeiter meiner Krankenkasse also so lange, bis wir uns auf den Deal einigten, dass sie die Kosten für meinen Diabetes zumindest in dem Ausmaß der deutschen Kosten decken würden. Keine perfekte Lösung, aber besser als nichts.

Meine nächste Überlegung: Am einfachsten und günstigsten wäre es, wenn ich genug Insulin für ein Jahr in die USA mitnehmen könnte. Aber in Deutschland darf ein Arzt nur dann Rezepte verschreiben, wenn der Patient mindestens einmal im Quartal in die Sprechstunde kommt. Und auch die Mengen an Medikamenten, die ein Arzt verschreiben darf, sind strikt begrenzt.

Was aber, wenn ich zu verschiedenen Ärzten gehe, die mir alle unabhängig voneinander Insulin verschreiben? Damit könnte ich das Gesetz umgehen. Einziger Haken: Da ich das Insulin mit meiner Krankenkassenkarte bezahle, brauche ich deren Einwilligung. Wieder führte ich ein Telefonat nach dem anderen.

Es ging nur um diese eine Zusage: 'Ja, wir werden für die Kosten der Jahresmenge an Insulin auf einen Schlag aufkommen.' Niemand konnte mir diese geben. Aber niemand konnte mir sagen, warum nicht.

Einziges Zugeständnis der Krankenkasse: Ich bekam ein einjähriges Dauerrezept für Verbrauchsmaterial der Insulinpumpe. Damit konnte ich sichern, dass diese Produkte in regelmäßigen Abständen zu meiner Mutter geschickt werden, ohne dass ich zum Arzt muss. Und meine Mutter schickt sie dann zu mir in die USA. Umständlich, aber machbar.

Mit Insulin für nur zwei Monate zog ich also los. Die Einreise war, wie gewohnt, eine einzige Tortur. Dieses Mal wurden meine Medikamente nicht nur einmal, sondern drei Mal durch den Security-Check gejagt und dann auf dem Band vergessen. Niemand wusste, wo sie hingekommen waren. Ich hätte beinahe meinen Anschlussflug verpasst.

In den USA schien dann alles ganz einfach. Mein College hat eine eigene Arztpraxis, die von Studenten gratis besucht werden kann. Ich bekam sogar eine Rabattkarte für meine Medikamente.

In Deutschland hatte ich mich bereits informiert: Allen Informationen im Internet zufolge würde mich das Insulin rund 200 Euro mehr kosten als in Deutschland. Teuer, aber machbar.

Umso größer mein Schock, als mir die Apothekerin mit einem strahlenden Lächeln entgegenflötete, dass ich mit meiner Rabattkarte nun 1200 Dollar zu zahlen hätte.

Ich bekam Panik. Es geht hier um ein Mittel, das mich am Leben hält, und ich kann es nicht bezahlen. Und selbst wenn ich das Geld hätte: Meine Studenten-Kreditkarte hat ein Limit von 1000 Dollar.

Meine Familie setzte nun alle Hebel in Bewegung. Sie brachten einen Arzt dazu, Rezepte für Insulin auszustellen, mit dem Versprechen, ihm meine Krankenkassenkarte nachzureichen. Meine Schwester fuhr einmal quer durch Deutschland, um die Medikamente zu besorgen und setzte sich dann in den Flieger in die USA - in der Hoffnung, nicht vom Zoll ertappt zu werden.

Sie hat es geschafft: Ich habe jetzt Insulin für die nächsten vier Monate. Und genieße jeden Shot."

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