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Mixed Martial Arts: Prügeln fast ohne Regeln

Foto: Diego Azubel/ picture alliance / dpa

Student als Kampfsportler Zu Schmerzen aufgelegt

Für Vladimir Sikic, 23, ist es ein Lebenstraum, für Kritiker reine Brutalität: Der Student betreibt Mixed Martial Arts. Bei dem ultraharten Kampfsport ist fast alles erlaubt. Was fasziniert ihn an Kopftritten und Faustschlägen?
Von Lara Sogorski

Wer wissen will, was der Frankfurter Sportstudent Vladimir Sikic so treibt, wenn er nicht an der Uni ist, könnte die Buchstabenkombination "MMA" in der Google-Bildersuche eingeben. Dort stößt man dann vor allem auf Bilder glatzköpfiger und tätowierter Muskelmänner, die aufeinander einprügeln. Oder auf blutverschmierte Gesichter, gebrochene Nasen und geschundene Körper, die am Boden liegen und mit Tritten traktiert werden.

MMA steht für "Mixed Martial Arts" und ist eine Kampfsportart, bei der man viele Möglichkeiten hat: Man darf den Gegner zu Boden werfen wie beim Judo, man darf ihm mit dem Fuß an den Kopf treten wie beim Karate und ihn mit Faustschlägen ausknocken wie beim Boxen - mit dem Unterschied, dass man keine dicken Handschuhe tragen muss, die die Schläge abfedern. Die Finger sollen frei bleiben, damit man seinen Gegner besser greifen und niederringen kann.

MMA ist hart, anstrengend und äußerst umstritten: Warum macht man so was? "Weil es Spaß macht", sagt Vladimir. "Weil die körperliche und mentale Herausforderung in keiner Sportart größer ist. Das fasziniert mich total."

"Ich bin am Ende"

Vladimir, der mit seinen 23 Jahren schon zu den besten deutschen Kämpfern zählt und von allen Vlado genannt wird, liebt das Archaische an MMA: Mann gegen Mann, Körper gegen Körper. So lange, bis der Schiedsrichter den Kampf abbricht oder einer der Kämpfer entkräftet am Boden liegt und durch ein Klopfzeichen signalisiert: "Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende."

An einem Frühlingsabend sitzt Vlado rücklings auf einem Stuhl in einer Umkleidekabine des Sportcenters in Dormagen. Es ist Kampftag. Die etwa 5000 Zuschauer in der Halle warten auf Vlado und die anderen Fighter. Zwölf Kämpfe in unterschiedlichen Gewichtsklassen stehen auf dem Programm, auch zwei Frauen sind dabei. Vlado startet mit seinen 70 Kilogramm in der Leichtgewichtsklasse.

Ein Teamkollege, der ihm gegenübersitzt, reißt mehrere Streifen weißes Tape-Band von einer Rolle. Dann überklebt er Vlados Handgelenke und Finger. Die Bandagen sollen seine Hände vor Verletzungen schützen, wenn er gleich in den Ring steigt.

MMA erfreut sich in Deutschland wachsender Beliebtheit, allerdings nur in Turn- und Veranstaltungshallen. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien verhängte 2010 ein Sendeverbot für Events der amerikanischen Ultimate Fighting Championship, des weltweit größten MMA-Verbands. MMA-Kämpfe finden daher nicht statt im deutschen Fernsehen. Ein ehemaliger Vorsitzender des Sportausschusses des Bundestags verglich MMA einmal mit den "Gladiatorenkämpfen im alten Rom zu Zeiten der Christenverfolgung": Die Brutalität des Sports sei "unfassbar", man müsse "über ein Verbot nachdenken". Darüber wird derzeit nicht mehr diskutiert, aber die Kritik reißt nicht ab.

Vlado ist über einen Tipp seines älteren Bruders in die Szene gekommen. Nach den ersten Trainingsstunden fasste er einen Entschluss: "Ich will einer der ganz Großen im MMA werden, weltweit." Er ist auf einem guten Weg: Zehn Fights hat der gebürtige Kroate bereits bestritten, neun gewann er, einmal reichte es nur für ein Unentschieden.

Für seinen Verein "MMA Spirit" zog er extra aus seiner Heimatstadt Berlin nach Frankfurt. An der Uni, wo er ein Sportstudium begann, käme niemand auf die Idee, dass er eines der größten deutschen MMA-Talente ist. Schon wegen seiner Statur geht er nicht als Kampfsportler durch, außerdem ist er ein fröhlicher Typ, der immer einen witzigen Spruch parat hat.

Je mehr Blut, desto besser die Stimmung im Publikum

Fünf Tage die Woche ist Vlado in der Sporthalle, in den Wochen vor einem Kampf trainiert er manchmal bis zu acht Stunden am Tag. In jeder Übungseinheit geht es um eine andere Kampfsportdisziplin, denn ein MMA-Kämpfer sollte im besten Fall jede Technik perfekt beherrschen: Er sollte Karate können, etwas vom Ringen verstehen, Taekwondo draufhaben. Ein guter MMA-Fighter muss kämpfen, ohne nachzudenken - aber gehört er deswegen auch in die Brutalo-Ecke?

Die Internetbilder und Kampfvideos auf YouTube strotzen nur so vor Blut und Aggression, vor allem wenn sie aus den USA kommen, wo MMA inzwischen mehr Menschen vor die Bildschirme lockt als Wrestling. Die dortigen Veranstalter wissen: je mehr Blut, desto besser die Stimmung im Publikum.

Viel Blut macht MMA aber nicht automatisch besonders gefährlich, behaupten einige Lobbyisten. Meist seien es nur oberflächliche Verletzungen, die MMA-Kämpfer im Ring erlitten. In Deutschland gelten zudem strengere Regeln als in den USA - ein Kampf wird schneller abgebrochen, manchmal schon, bevor das erste Blut fließt.

"Wir sind keine Bahnhofsschläger", sagt Vlado. Sein Kampf rückt näher. Er hat sich hingesetzt, mit Kopfhörern auf den Ohren, die Augen geschlossen. Er geht im Kopf verschiedene Kampfschritte durch. Dieses Mentaltraining sei enorm wichtig, sagt er. Seine Stärke hänge vor allem davon ab, ob er die Nerven behalte und an sein Können glaube. Die Musik, die er vor dem Fight hört, klingt nach Yoga, nicht nach Kampfsportart. Er weiß: Wenn er gleich rausgeht in den Ring, muss er hellwach sein und die Schmerzen wegdrücken, so gut wie möglich.

Ringrichter bricht nach 1:27 Minuten ab

Noch wenige Minuten. Ein letztes Mal simuliert er mit seinem Trainer die wichtigsten Schläge und Tritte. Der Trainer redet ruhig auf ihn ein. "Relax", sagt er, "get yourself together." Vlado atmet tief ein und aus. Die Tür zur Halle geht auf.

Die Zuschauer jubeln. Vlados Gegner steht schon im Ring, er ist 18 Jahre älter. Der Ringrichter wünscht ihnen einen fairen Kampf. Dann geht es los.

Vlado stürmt direkt auf seinen Gegner zu, trifft ihn mit einem kräftigen Fußkick am Oberschenkel. Kurz gehen beide zu Boden, ringen, stehen auf. Dann bekommt Vlado seinen Gegner wieder zu fassen. Mit zwei Kniestößen trifft er ihn an Nase und Brust, der andere geht zu Boden. Mit beiden Händen boxt der Frankfurter jetzt auf seinen Kontrahenten ein, der sich nicht mehr wehren kann. Der Ringrichter beendet den Kampf. Nach 1:27 Minuten. Vlado hat gewonnen - und ist um 800 Euro reicher.

Wieder zurück in der Umkleidekabine ist alle Anspannung verflogen. Nur eine Sache beschäftigt Vlado noch: Er hat seinem Gegner die Nase gebrochen. "Das tut mir leid", sagt er.

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