Musikstudentin bei der "Fame Academy" Big Brother mit Singen und Tanzen

Am Sonntag hatte Ji-In Cho, 26, ihren großen Soloauftritt in der "Fame Academy" von RTL2. Das wirft Fragen auf: Was treibt eine durchaus clevere Musikstudentin und Theologie-Absolventin in eine so lausige Big-Brother-Variante? Und was halten eigentlich ihre Professoren davon?

Von Michael Hahn


Ji-In Cho: Hofft auf Karriere als Pop-Prinzessin
ENDEMOL

Ji-In Cho: Hofft auf Karriere als Pop-Prinzessin

Mit sechs Jahren am Klavier, mit 17 im Schülermusical, mit 26 ein Popstar - so soll es laufen. Geht alles glatt, hat Ji-In Cho aus Leverkusen in ein paar Wochen einen Plattenvertrag in der Tasche. Für all das nimmt sie einiges in Kauf. Die 43 Kameras in der "Fame Academy" am Kölner Rheinufer lassen keinen ihrer Schritte unbemerkt. Die 72 Mikrofone hören sogar ein Flüstern: Die Produktionsfirma Endemol hat das Gebäude gründlich verwanzt. Und veranstaltet hier so etwas wie "Big Brother" mit Singen und Tanzen.

Den Akademie-Paten gibt ausgerechnet der Schweizer Frohsinnspopper DJ BoBo. Wie bei Big Brother stehen die Teilnehmer unter Dauerbeobachtung; jeden Sonntag wird bei einer bemerkenswert öden und mühsam auf zwei Stunden aufgepumpten Liveshow einer 'rausgewählt. Davor ist der Publikumsliebling ("most wanted") jeweils geschützt. Letzten Sonntag war es Ji-In - und zur Belohnung steht ab Donnerstag ihre erste CD (mit dem Titel "Ironic" von Alanis Morissette) in den Läden.

Einzug der Kandidaten: Gründlich verwanztes Gebäude
ENDEMOL

Einzug der Kandidaten: Gründlich verwanztes Gebäude

Ji-In hat sich auf das Format eingelassen - zur Verblüffung einiger Freunde. "Ich bin auch nicht gerade vor Begeisterung an die Decke gesprungen damals", beschreibt Ji-In ihre Eindrücke aus der Zeit, als die Big-Brother-Welle durchs Land schwappte. "Und natürlich ist das hier so eine Art Big Brother. Aber das ist mir nicht wichtig."

Sofern die TV-Bilder von RTL2 ein Urteil zulassen: Auch der Zuschauer kann den Eindruck gewinnen, dass Ji-In tatsächlich zum Lernen eingezogen ist - sie ist ganz sicher nicht die Ulknudel unter den jungen Talenten im Haus. Ob es überhaupt irgendwem Spaß macht, einmal pro Woche einen seiner Mitstudenten per Abstimmung aus dem Haus zu kegeln, ist ohnehin fraglich. Die Regel stört den derzeit durchaus vorhandenen Zusammenhalt in der Akademie empfindlich.

Rückendeckung von der Professorin

Auch im richtigen Leben ist Ji-In Studentin. Das Staatsexamen in evangelischer Theologie hat sie bereits in der Tasche, und seit fünf Semestern legt die Tochter koreanischer Eltern an der ehrwürdigen Musikhochschule zu Köln nach. "Ich möchte eben alles singen können, auch klassisch", rechtfertigt sie ihren Genre-Spagat: Bach und Mozart hier, Alanis Morissette und No Doubt dort. Aber eigentlich ist sie in der Popmusik zu Hause und steht seit Jahren für verschiedene Bands auf der Bühne. "Insofern bin ich hier in der Fame Academy genau richtig."

Teilnehmer mit Stargast Ricky Martin: "Gar nicht anrüchig"
ENDEMOL

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Und mag auch mancher Kommilitone die Nase rümpfen - von ihrer Professorin gibt's Rückendeckung: "Das ist gar nicht anrüchig." Mechthild Georg zappt schon mal rein in die tägliche Sendung. "Das Tanztraining, die Arbeit mit der Technik - wie die da arbeiten, das ist schon hervorragend", sagt sie, "nur hat das mit echtem Singen nichts zu tun."

Die Opernsängerin meint nicht, dass man wirklich gut singen können muss, um ein Popstar zu werden. Es sei sogar sehr schwer, Klassik und Schlagerwelt auseinanderzuhalten. "Aber Ji-In ist klasse - sie kann beides. Ich wünsche ihr, dass sich ihre Träume erfüllen."

Vier Prozent sehen bei Zahnreinigung zu

Aber taugt eine Casting-Show wirklich für die ganz große Karriere? Die Idee scheint verwässert: Jeder Sender will mitmischen im Casting-Geschäft, egal ob "Popstars" (Pro 7) oder "Star Search" (Sat 1): "Deutschland sucht den Superstar" (RTL). Selbst das öffentlich-rechtliche ZDF mochte nicht mehr auf ein Casting-Format verzichten und startete die pomadige "Deutsche Stimme".

Vorbild No Angels: Nicht so leicht kopierbar
DPA

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Die Aufmerksamkeit der Zuschauer müssen sich die Gewinner all dieser Formate teilen - so etwas wie die No Angels wird es wohl kein zweites Mal geben. Und die "Fame Academy" ist von hohen Einschaltquoten weit entfernt: Bestenfalls schaltet eine halbe Million der Deutschen zu, wenn Ji-In, Inesse, Danilo, David und die anderen sich die Zähne putzen oder im Tanzsaal schwitzen. Der maximale Marktanteil liegt bei schwachen vier Prozent. Zum Vergleich: "Deutschland sucht den Superstar kommt bisweilen auf 36 Prozent.

"Verheizt zu werden, ja klar, das kann sehr leicht passieren", weiß Ji-In. Sie will Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen, ist zu realistisch für Träumereien. Trotz CD und Solo-Auftritt in der TV-Show am Sonntag: "Zukunftspläne schmiede ich nicht. Dann werde ich direkt nervös."




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