Bundesbericht Unsicher und kinderlos - Juniorforscher leben prekär

Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter, Juniorprofessoren: Ein Regierungsbericht beleuchtet die Situation junger Akademiker. Ihre Lage ist oft schwierig, an Familiengründung kaum zu denken.
Angehende Akademiker an der Uni Hamburg (Archivbild)

Angehende Akademiker an der Uni Hamburg (Archivbild)

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa

Die Schlüsselzahlen dieses Berichts sind 93 und 40. Der lange Text soll über die Situation von jungen Wissenschaftlern in Deutschland aufklären. Und streicht heraus: 93 Prozent aller Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind befristet. Und das Durchschnittsalter für Berufungen auf Professorenstellen liegt knapp über 40 Jahre.

Wer sich also in Deutschland für eine Karriere in der Wissenschaft entscheidet, muss mit vielen Unsicherheiten leben, eine Lebensplanung ist schwer möglich. Das macht das Akademikerleben für viele unattraktiv. Und es führt dazu, dass junge Wissenschaftler seltener eine Familie gründen als gleichaltrige Hochschulabsolventen.

All das kennen junge Akademiker aus ihrem Alltag - der "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs"  liefert dazu die Zahlen. Seit 2008 wird er im Auftrag der Bundesregierung von mehreren Einrichtungen der Hochschulforschung erstellt, zuletzt im Jahr 2013.

Wanka: "Wissenschaftliche Karrieren immer attraktiver"

Das Bundesbildungsministerium pickte sich am Donnerstag zur Vorstellung des Berichts vor allem die positiven Punkte heraus. Demnach werden Doktoranden heute immer besser bei der Arbeit an der Dissertation unterstützt, zum Beispiel in eigenen Doktorandenkollegs oder vergleichbaren Einrichtungen. Außerdem freut sich Ministerin Johanna Wanka (CDU) über ein Plus an wissenschaftlichem Personal: Von 82.400 zur Jahrtausendwende stieg die Zahl auf 145.000 im Jahr 2014. Daraus leitet sie ab, dass wissenschaftliche Karrieren "immer attraktiver" werden.

Allerdings ist nicht sicher, wie viele Stellen da doppelt gezählt werden, weil ihre Vertragslaufzeit unter einem Jahr liegt. Die Autoren des Berichts schätzen den Anteil solcher Kurzzeitverträge bei wissenschaftlichen Mitarbeitern auf rund 50 Prozent. Zudem: Von den knapp 200.000 Promovierenden in Deutschland liegen zwölf Prozent unter der Armutsgrenze und verdienen weniger als 826 Euro pro Monat.

Wie wenig attraktiv akademische Karrieren auf Dauer für viele sind, zeigt sich auch an einer anderen Zahl: dem so genannten Verbleib nach der Promotion, die ja die Einstiegvoraussetzung für die Hochschullaufbahn ist. Nur 19 Prozent der jungen Doktoren bleiben nach der Dissertation an Hochschulen und Unis. 65 Prozent suchen sich lieber eine Stelle in der Wirtschaft, 16 Prozent im öffentlichen Dienst.

Und wer an der Uni bleibt, muss oft zurückstecken. So ist die Hochschulkarriere offenbar nur schwer mit einem Familienleben vereinbar: Unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern bleiben 49 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer kinderlos.

Andreas Keller von der Bildungsgewerkschaft GEW fordert deshalb, dass sich die Hochschulen auf einen Kodex für "gute Arbeit in der Wissenschaft" verpflichten: "Befristet beschäftigte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Arbeitsvertrag tatsächlich verlängert wird, wenn sie Kinder betreuen."

mamk