Nazi-Vergleich eines US-Professors "Echter Test für die Redefreiheit"

In den USA ist eine heftige Diskussion um die akademische Meinungsfreiheit losgebrochen. Ausgelöst wurde sie durch die zynischen Thesen eines Hochschullehrers, der in einem Essay die Opfer der Attentate des 11. September mit dem NS-Schergen Adolf Eichmann verglich.


11. September 2001: Abstruse These
REUTERS

11. September 2001: Abstruse These

Ward Churchill lehrt an der University of Colorado in Boulder Ethnologie und ist Experte für die amerikanischen Indianer. Das Mitglied des Indianervolkes der Cherokee brachte es bis zum Dekan des Ethnic Studies Department. Dort machte der Hochschullehrer vor allem durch abstruse und zynische Thesen auf sich aufmerksam.

Kurz nach den Terrorangriffen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 schrieb Churchill einen Essay, der sich rasch im Internet verbreitete. Das elfseitige Traktat sucht alle Schuld für die Attentate in der Nahost-Politik der USA, die Churchill als aggressiv bezeichnet. Daran, so behauptet der Professor, seien auch die großen Konzerne beteiligt, die in den Zwillingstürmen ihre Büros gehabt hätten.

Angehörige protestieren

Daraus leitet Churchill in einem seiner verworrenen Sätze Ungeheuerliches ab: "Wenn es einen besseren, effektiveren oder irgendwie passenderen Weg gegeben hätte, diese kleinen Eichmanns, die die sterilen Schutzräume der Zwillingstürme bewohnen, für ihre Teilnahme zu bestrafen, wäre ich sehr interessiert daran, ihn kennen zu lernen."

So schrieb es Ward Churchill vor über drei Jahren - und lehrte danach munter weiter in Colorado. Erst als das Hamilton College in Clinton, New York, ihn zu einem Vortrag über indianische Aktivisten einlud, den er in dieser Woche halten soll, kochte der Skandal hoch. Angehörige der Toten und viele Studenten starteten Protestaktionen.

Und plötzlich wurden die obskuren Ausführungen des Hochschullehrers aus den Rocky Mountains zu einem Prüfstein amerikanischer Bürgerrechte. Denn das Hamilton College will Churchill trotz des Protestes keineswegs wieder ausladen. Vielmehr wurde sein Vortrag in einen größeren Hörsaal verlegt. Statt vor 300 soll er nun vor 2000 Zuhörern sprechen.

"Persönlich abstoßend"

Joan Stewart, Präsidentin des Hamilton Colleges, verteidigte diese Entscheidung. Das College fühle sich verpflichtet, Churchills Recht auf freie Rede zu wahren, und werde deshalb die Einladung nicht zurückziehen. "Wir haben hier einen echten Test für die Redefreiheit", sagte Stewart der "New York Times". Und die Redefreiheit wolle Stewart verteidigen, obwohl sie Churchills Ideen "persönlich abstoßend" finde.

Sicherheitsvorkehrungen vor der New York Stock Exchange
AFP

Sicherheitsvorkehrungen vor der New York Stock Exchange

Während in New York Mahnwachen gegen Churchill vorbereitet werden, gerät der Professor auch in Colorado unter Druck. Seine Universität zwang ihn, als Dekan seiner Abteilung zurückzutreten - drei Jahre nachdem er den umstrittenen Essay veröffentlicht hatte. Seine Professorenstelle und die Lehrerlaubnis behält Churchill allerdings vorerst.

Und wieder ist von Grundrechten die Rede: "Ich muss die Redefreiheit respektieren. Universitäten sind nun einmal Orte, wo gute und schlechte Gedanken aufeinanderprallen", sagte Philip DiStefano, Interims-Kanzler der University of Colorado.

Ward Churchill verteidigte sich in einem Interview mit dem TV-Sender KCNC in Denver. Er sei kein Befürworter von Gewalt, sagte er. "Die Frage, die damals am häufigsten gestellt wurde, war doch: Warum ist das passiert?", erklärte Churchill im Rückblick auf die Zeit nach den Anschlägen im Herbst 2001.

Und die Antwort auf diese Frage sieht er immer noch in der aggressiven amerikanischen Außenpolitik und den Geschäften der Aktienhändler, die damals in den Zwillingstürmen arbeiteten. Unbelehrbar sagt er auch heute noch: "Wenn Du so etwas den Familien und Kindern anderer Leute antust, ist solch ein Anschlag die ganz natürliche Folge."



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