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22. Juni 2016, 14:48 Uhr

Hochschulstart

Chaotische Studienplatzvergabe sorgt für Frust

Es ist ein Scheitern mit Ansage: Auch in diesem Jahr funktioniert das zentrale Verteilverfahren für Numerus-clausus-Studiengänge nicht richtig. Nicht nur Studienanfänger sind frustriert.

Die Verteilung von Studienplätzen mit Numerus clausus (NC) läuft auch nach sechsjähriger Anlaufphase immer noch nicht rund. Nur 100 von 180 staatlichen Universitäten und Fachhochschulen, die NC-beschränkte Bachelor-Studiengänge anbieten, beteiligten sich im Wintersemester 2015/16 an der eigens dafür eingerichteten bundesweiten Studienplatzbörse, dem "Dialogorientierten Vergabeverfahren" (DoSV).

In Mecklenburg-Vorpommern war von sechs staatlichen Hochschulen nur eine einzige mit einem Studiengang dabei, in Schleswig-Holstein nur eine von sieben, in Hamburg eine von fünf, in Hessen drei von zehn. Am Ende blieben im vorigen Wintersemester von 252.000 Bachelor-Plätzen in NC-Fächern gut 11.500 unbesetzt - frustrierend für Studierende, die vorher Absagen erhalten hatten. Das entsprach einer Quote von 4,6 Prozent, immerhin weniger als im Jahr davor (6,3 Prozent).

Fast die Hälfte aller Studiengänge in Deutschland ist aktuell mit einem Numerus clausus belegt. Um auf Nummer sicher zu gehen, bewerben sich viele Abiturienten an mehreren Unis auf ihr Wunschfach - und blockieren so begehrte Plätze etwa in Rechtswissenschaften, Betriebswirtschaftslehre oder Humanmedizin.

Weil viele Hochschulen die Zulassungsbeschränkungen in Eigenregie verwalten, äußern Studieninteressenten in sozialen Netzwerken immer wieder ihren Frust:

Auch die Kultusminister der Länder bewerten das zentrale Online-Verfahren der zuständigen Stiftung für Hochschulzulassung mittlerweile als höchst problematisch. Die Situation sei "nicht zufriedenstellend", heißt es in einem Bericht der Kultusministerkonferenz ans Bundesbildungsministerium. Die derzeitigen Möglichkeiten des Zulassungsmanagements seien "ausgereizt", nötig sei eine flächendeckende Einführung des DoSV, um Bewerbungen in einer gemeinsamen Datenbank zu erfassen und abzugleichen. Doch manche Bewerber haben längst ihre Konsequenzen gezogen.

Das Bundesbildungsministerium hatte schon Mitte April einräumen müssen, das DoSV werde mit seiner Bewerbungswebseite hochschulstart.de noch bis mindestens 2018 nur unzureichend funktionieren. "Um volle Wirksamkeit entfalten zu können, müssen möglichst alle der rund 180 Hochschulen mit örtlich zulassungsbeschränkten grundständigen Studiengängen an das DoSV angebunden sein", hieß es in einer Stellungnahme auf Anfrage der Linken im Bundestag.

"Jahr für Jahr erleben wir durch willkürliche Zugangsbeschränkungen und unnötige Mehrfachbewerbungen das reinste Chaos bei der Studienplatzvergabe", sagt Nicole Gohlke, Hochschulexpertin der Linken. Leidtragende seien alle Bewerber, die wertvolle Zeit verlören, "weil sie oftmals zu spät von Zu- oder Absagen erfahren und dann nicht mehr die Möglichkeit haben, sich zum Beispiel noch rechtzeitig auf einen Ausbildungsplatz zu bewerben".

Die Linke will schon länger ein "Bundeshochschulzulassungsgesetz" zur besseren zentralen Steuerung des Verfahrens. Das Bundesbildungsministerium sieht "keinen Regulierungsbedarf", die Hochschulrektorenkonferenz warnt derweil davor, zusätzliche Kosten für das DoSV auf die Unis abzuwälzen, und sieht die Länder in der Verantwortung.

Werner Herpell/dpa/him

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