NDR-Bericht Hamburgs Ex-Innensenator verliert Doktortitel

Hamburgs Ex-Innensenator Michael Neumann soll bei seiner Doktorarbeit noch umfangreicher abgeschrieben haben als bisher vermutet. Daraus hat die betroffene Uni laut NDR-Informationen nun offenbar Konsequenzen gezogen.

Michael Neumann (Archivbild)
DPA

Michael Neumann (Archivbild)


Die Helmut-Schmidt-Universität Hamburg hat dem früheren Hamburger Innensenator Michael Neumann (SPD) seinen Doktortitel aberkannt. Das haben Recherchen des NDR Politikmagazins "Panorama 3" ergeben. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür von der Helmut-Schmidt-Universität, einer Hochschule der Bundeswehr, nicht.

Die Hochschule bleibe bei ihrer Position, "keine Stellungnahme abzugeben", teilte ein Sprecher auf Anfrage des NDR mit. Auch der SPD-Politiker selbst habe Anfragen unbeantwortet gelassen. Gegen Neumann waren vor einem Jahr erste Plagiatsvorwürfe an die Öffentlichkeit gelangt, die sich den Informationen zufolge nun erhärteten. Nach NDR-Informationen soll er in seiner Doktorarbeit noch umfänglicher abgeschrieben haben als bislang vermutet.

So soll Neumann sich etwa massiv bei zwei anderen Promotionsarbeiten bedient haben, ohne diese Quellen anzugeben, wie der NDR berichtet. Das sei anscheinend bei einer Prüfung der zuständigen Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften herausgekommen. Der Entzug des Doktortitels sei "unvermeidlich" gewesen, wie "Panorama 3" aus internen Kreisen erfuhr.

Neumann hatte seit seinem überraschenden Rücktritt 2016 eine Karriere an der Hochschule angestrebt. Er legte eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit vor und wurde im Juni 2017 zum Dr. rer. pol. promoviert.

Im Juli 2018 enthüllte der NDR erstmals Verdachtsmomente gegen Neumann: An Dutzenden Stellen seiner Doktorarbeit ließ sich demnach nachvollziehen, dass der ehemalige Innensenator entweder die Quellen für seinen Text gar nicht oder nicht korrekt angegeben hatte. In dem öffentlich zugänglichen PDF-Dokument nach "Panorama 3"-Recherche zufolge erkennbar, dass er ganze Textpassagen aus dem Internet, zum Beispiel aus dem Onlinelexikon "Wikipedia", kopiert haben muss.

Die Prüfer
Wer prüft eine verdächtige Doktorarbeit?
Das unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule. Im Fall von Annette Schavan war es der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät, bei Karl-Theodor zu Guttenberg die Prüfungskommission der Juristischen Fakultät, die damals eigens um zwei externe Experten erweitert wurde. Mit Ursula von der Leyens Doktorarbeit hat sich die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt.
Welche Befugnisse hat die Kommission?
Hochschulkommissionen sind keine Gerichte, sie dürfen nicht über Betrug im strafrechtlichen Sinne urteilen, wohl aber Anzeige erstatten. Ihre Aufgabe ist vielmehr, angesichts von Fehlern und nachweislich abgeschriebenen Stellen in Doktorarbeiten eine Empfehlung darüber abzugeben, ob der Doktortitel entzogen werden sollte oder nicht.
Welche Rolle spielt VroniPlag Wiki?
VroniPlag Wiki ist eine Internetplattform, auf der sich Plagiatsjäger austauschen. Sie überprüfen Doktorarbeiten, die unter Plagiatsverdacht stehen, indem sie die Texte Seite für Seite auswerten. Alle Fundstücke werden transparent dokumentiert. Kritisiert wird das Portal, weil die Plagiatsjäger mehrheitlich anonym bleiben.

Für Juraprofessor Gerhard Dannemann von der Berliner Humboldt-Universität war dieser Befund laut NDR-Bericht ein untrügliches Zeichen für systematisches betrügerisches Vorgehen. "Kein Mensch fügt im Nachhinein versteckte Links aus dem Internet in ein PDF-Dokument ein," sagte Dannemann, der auch für die Platform VroniPlag Wiki tätig ist, dem Sender.

VroniPlag hatte schon Manipulationen in den Doktorarbeiten von Silvana Koch-Mehrin (FDP), Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Annette Schavan (CDU) nachgewiesen. Dannemann hatte sich auf Anfrage des NDR zusammen mit einem Kollegen die Arbeit von Ex-Senator Neumann angesehen. Innerhalb kurzer Zeit stellten die beiden Fachleute Dutzende Plagiate fest. Dannemann schloss ein Versehen aus. "Einmal kann es jedem passieren. Aber es kommt einfach zu häufig vor", so der Experte.

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Strittige Promotionen: Von Guttenberg bis von der Leyen

Michael Neumann war von 2011 bis 2016 Hamburgs Innensenator. Seinen Rücktritt begründete er mit "Amtsmüdigkeit". Genauere Gründe für seinen Rückzug aus der Politik wurden nicht bekannt. Rund ein Jahr später, 2017, legte er laut NDR die 274-seitige Doktorarbeit mit Titel "Länderneugliederung im deutschen Föderalismus am Beispiel des Nordstaates" vor.

Die Hochschule hat sich bisher offenbar nicht vollständig von dem SPD-Politiker distanziert. Neumann sei nach wie vor als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rang eines Bundesbeamten an der Helmut-Schmidt-Universität beschäftigt, heißt es in dem NDR-Bericht.

Die Hochschule beauftragte ihn den Angaben zufolge im Januar 2019, als die Überprüfung seiner Doktorarbeit noch lief, mit der Bearbeitung eines Forschungsprojekts in den USA. Das geht aus der Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Christine Buchholz (Die Linke) hervor. Für dieses Projekt sei ein Doktortitel nicht unbedingt erforderlich, ließ das Ministerium wissen. Ein Abschluss als Diplompolitologe reiche aus. Den hat Neumann schon vor seiner Zeit als Senator erlangt.

fok

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rosenrot367 06.06.2019
1. Mannomann....
TvuzG, Schavan, vdL, Giffey, Neumann - alles Politiker. Wie sieht es denn bei den Nichtpolitikern aus? Die ahl lässt einen schaudern!
dunnhaupt 06.06.2019
2. Die Moral von der Geschichte
Wer bei seiner Dissertation gemogelt hat, sollte lieber nicht in die Politik gehen, denn das ist offenbar der einzige Beruf, wo Mogelei Konsequenzen hat.
eckawol 06.06.2019
3. Das Wahlvolk mag wohl Promo-Titel
und deshalb gibt es in der Welt der Politik vom Ehrgeiz zerfressene Menschen, die sich gerne mit Promotionen schmücken, um ihre Wählbarkeit zu erhöhen und inhaltslose Statements akzeptabler zu machen. Somit ist leider nicht nur den Plagiats-Doktoren sondern auch einem anonymen Teil des unkritischen Wahlvolkes ein Vorwurf zu machen.
mantrid 06.06.2019
4. Promotionsrecht muss überarbeitet werden
Über die Promotion sollten nur Professoren entscheiden dürfen, die nicht an der Unvisersität des Promovierenden arbeiten bzw. gearbeitet haben. Das würde schon einmal für eine gewisse Neutralität sorgen. Wesentliches Kriterium sollte dabei sein, dass ein echter Mehrwert für die Wissenschaft entsteht. Für reine Fleißarbeiten sollte es keine Doktortitel geben. Klar schmückt so ein Titel ungemein, aber genau deswegen sollte man sie nur für außergewöhnliche Leistungen verleihen und die sollten im Bereich der Wissensmehrung liegen.
wdiwdi 06.06.2019
5. Promoviert 2017?
Also als schon lange bekannt war, dass jetzt endlich genauer hingeschaut wird? Das gibt satte Bonuspunkte für Chuzpe (oder Dummheit). Oder hatte er gar den Eindruck, es gäbe einen SPD-Schutzschild, weil bislang eher Vertreter anderer Partien mit dieser Sache aufgefallen sind?
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