Hotel Mama Junge Männer wohnen länger bei den Eltern

Sie sind Anfang 20 und wohnen noch bei ihren Eltern: 62 Prozent der jungen Deutschen sind Nesthocker. Ob jemand lange zu Hause bleibt, hängt auch von Wohnort und Geschlecht ab.

Sohn, Mutter (Symbolbild)
Getty Images

Sohn, Mutter (Symbolbild)


Sie teilen das Bad, den Kühlschrank und den Esstisch mit ihren Eltern - und das, obwohl sie längst erwachsen sind: Wie das Statistische Bundesamt berichtet, lebten zwei Drittel (62 Prozent) der 18- bis 24-Jährigen im vergangenen Jahr mit ihren Eltern in einem Haushalt.

Der Anteil blieb in den vergangenen zehn Jahren nahezu unverändert, 2005 waren es zum Beispiel 64 Prozent. Ein Zeitvergleich zeigt allerdings, dass Kinder heute länger im Elternhaus wohnen bleiben als noch vor rund 40 Jahren. Dies könnte, so die Statistiker, daran liegen, dass die Ausbildungszeiten früher kürzer waren.

Die Neigung zum Nesthockerdasein hängt dabei auch vom Geschlecht und vom Wohnort ab. So leben Töchter deutlich weniger lange bei den Eltern als Söhne. 2015 wohnten nur 56 Prozent der jungen Frauen zu Hause, aber 68 Prozent ihrer männlichen Altersgenossen zwischen 18 und 24 Jahren. Im Alter von 25 Jahren lebten noch 34 Prozent der männlichen Bevölkerung bei den Eltern. Selbst mit 30 Jahren gehörten noch 12 Prozent und mit 40 Jahren noch vier Prozent der Männer als lediges Kind dem Haushalt der Eltern an.

"Töchter haben oft weniger Freiheiten, das kann die Motivation erhöhen, das Weite zu suchen. Sie helfen häufiger im Haushalt und sind daher selbstständiger", sagte der Hamburger Kinder- und Jugendpsychologe Michael Thiel jüngst in einem SPIEGEL-Interview. Schuld daran seien auch die Eltern, die, so Thiel, "ihr Kind nicht so erziehen, dass es ohne sie zurechtkommt".

Lange bei den Eltern zu wohnen, ist auf dem Land verbreiteter als in der Stadt. In Gemeinden unter 10.000 Einwohnern lebten 78 Prozent aller jungen Erwachsenen bei den Eltern, in Großstädten ab 500.000 Einwohnern traf das nur auf 45 Prozent der 18- bis 24-Jährigen zu.

Bereits vor zwei Jahren zeigte eine europaweite Studie, dass immer mehr 18- bis 29-jährige Europäer noch oder wieder bei ihren Eltern wohnen. 48 Prozent streckten im Jahr 2011 ihre Füße unter den elterlichen Tisch - ein Anstieg um vier Prozentpunkte verglichen mit dem Jahr 2007.

So viele junge Erwachsene leben bei ihren Eltern

Ergebnisse der Eurofound-Studie, wie viel Prozent der 18- bis 29-Jährigen in den 28 EU-Ländern in ihrem Elternhaus leben. Klicken Sie auf die Länder für weitere Informationen.

15%
85%

Demnach sind auch EU-weit vor allem junge Männer Nesthocker. Was nach Bequemlichkeit klingen mag, hat in den meisten Fällen wirtschaftliche Gründe: Viele können es sich schlicht nicht leisten, allein oder mit Freunden zu wohnen. Die Abhängigkeit vom Elternhaus ist in jenen Ländern am höchsten, die am meisten unter der Wirtschafts- und Eurokrise zu leiden haben.

lgr/sun/dpa



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tempus fugit 22.11.2016
1. Die meisten hocken,...
...weil es ihnen an sicherem und ausreichendem Einkommen mangelt um sich selbst Wohnung und Unterhalt leisten zu können - und das, was mal die Jugend ausmac hte: eine Familie! So seh' ich das in meinem realen Umfeld!
bayernmuenchen 22.11.2016
2. Wo
ist das Problem? Stellen Sie sich vor, jeder sucht ab 18J. schon eine eigene Wohnung, dann wäre die Wohnungsnot noch größer. Das Sozialamt übernimmt Kosten erst ab dem 25. LJ.
unzensierbar 22.11.2016
3. Woher kommt das wohl?
Ob das wohl etwas mit den steigenden Mietpreisen und allgemein Lebenskosten und den sinkenden Löhnen und höheren Anforderungen der Arbeitgeber zu tun hat?
Nobody Niemand 22.11.2016
4. Hotel Mama ?
Wenn junge Menschen kein Geld und keine Unterstützung erhalten, können Sie logischerweise kein eigenes Leben führen. Die Konsequenz wird sich in 30 Jahren zeigen wenn diese Kinder mit 50 eigene Kinder bekommen ... Viel Glück mit dem demografischen Wandel.
nichtstreifenfrei 22.11.2016
5. Faulheit...
...ist auch oft ein Grund. Die Meisten wollen doch nur nicht selber putzen und kochen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.