Neue Serie "Der Herr Studiosus" Die Beistellziege

Pferde und Studenten sind Herdentiere, man darf sie nicht zu lange allein lassen. Deutschstudent Paul hätte vor allem beim Essen gern Gesellschaft. Aber nicht unter seinem Niveau, also auf keinen Fall in der Mensa. Ihm fehlt eine Jurastudentin - oder eine Beistellziege.

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Gestern Mittag wäre ich beinahe in die Mensa gegangen. Dann kam zu meinem Hunger aber noch Appetit, und mit Appetit gehe ich nur in die Mensa, wenn der Tag ohnehin schon nicht mehr zu retten ist. Ich aß also zu Hause und kam ins Grübeln. Beim Nachtisch habe ich beschlossen: Ich brauche eine Beistellziege.

Muss ich erklären, was das ist?

Pauls Welt: Der Herr Studiosus träumt von blutjungen Juristinnen
Ludger Bröcker

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Ich kenne übrigens sehr viele Jura-Studentinnen, die reiten. Einige sieht man nur noch im Hörsaal, wenn der Gaul gerade Hufrehe hat oder entwurmt wird. Richtig, das ist ein anderes Thema. Ich kam nur darauf, weil ich denen nicht erklären müsste, was eine Beistellziege ist.

Eine Beistellziege ist also eine Ziege, die man zu einem alleinstehenden Pferd in die Weide sperrt, damit das Pferd keinen Vogel bekommt. Pferde sind Herdentiere und deshalb nicht gern allein. Offenbar sind Pferde auch nicht sehr helle, sonst würden sie wohl kaum eine Ziege als Herdenmitglied akzeptieren.

Ich frage mich manchmal, was Pferd und Beistellziege so den Tag über unternehmen; gemeinsam über die Wiese galoppieren fällt sicherlich flach.

Meine Beistellziege in Anführungszeichen sollte mir vor allem zu den Mahlzeiten Gesellschaft leisten. Ich unterhalte mich gern über Bücher und Musik, weniger gern über Oberflächliches wie tägliche Fernsehserien oder die Uni.

Hilfe, meine Tischsitten verlottern

Ganz alleinstehend bin ich auch wieder nicht. Der Vermieter hat mir vor kurzem einen Mitbewohner zugewiesen, der aber so viel feiert und so lange schläft, wie Studenten nach landläufiger Meinung eben feiern und schlafen. Da er nur die "PC-Games" liest, kann ich es hier ja schreiben: Ich mag meinen Mitbewohner nicht. Selbst wenn er zu den Mahlzeiten wach wäre, würde ich lieber mit einer Ziege über die Wiese galoppieren, als mit ihm gemeinsam zu essen.

Gerade beim Essen hätte ich gern eine Beistellziege, weil meine Tischsitten ohne soziale Kontrolle völlig verlottern. Ich koche zwar für mich, nehme die Mahlzeiten aber in meinem Zimmer ein. Dort hänge ich dann vornübergebeugt wie ein Primat auf meinem Schreibtischstuhl und führe Nahrung zu, nebenbei läuft meistens das ARD-Buffet.

Der Teller steht auf dem Bett statt auf einem ordentlichen Tisch. Als Unterlage benutze ich mein Deutschbuch aus der Oberstufe, weil es das größte in meinem Regal ist. Vorher habe ich lange Zeit einen Bildband der Winterspiele 1992 in Albertville genommen, doch das Umschlags-Foto mit Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann konnte ich irgendwann nicht mehr sehen.

Ist es schon sexistisch, wenn ich schreibe, dass meine Beistellziege ruhig ein wenig hübscher sein dürfte als Gunda Niemann-Stirnemann? Eine Jurastudentin vielleicht. Die meisten sind sehr attraktiv, und wenn sie nicht den ganzen Tag reiten, oft auch sehr belesen.



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