Neue Studienabschlüsse "Ein Bachelor-Arzt? Niemals!"

Drei Jahre noch, dann soll der europäische Hochschulraum mit einheitlichen Bachelor- und Master-Abschlüssen Realität sein. Frankfurts Uni-Präsident ist mit der Gesamtsituation unzufrieden: zu viel Praxis, zu wenig Wissenschaft, erklärt Rudolf Steinberg im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Europas Bildungsminister tagen gerade in London. Der Bologna-Prozess an deutschen Unis nimmt richtig Fahrt auf, knapp die Hälfte der Studiengänge ist schon auf das neue Zwei-Stufen-Modell umgestellt - und da mahnen Sie zur Zurückhaltung. Was haben Sie gegen Bachelor und Master, Herr Steinberg?

Rudolf Steinberg: Grundsätzlich nichts, die Umstellung bietet im europäischen Zusammenhang schon deutliche Vorteile. Für fatal halte ich aber den deutschen Weg, insbesondere den Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK), dass alle Bachelor-Studiengänge praxisorientiert sein sollen. Eine Trennung in Anwendungsorientierung und Forschungsorientierung kann damit erst auf der Master-Ebene erfolgen - und das halte ich für völlig inakzeptabel. Wissenschaft funktioniert so nicht, durch einen solchen Einheits-Bachelor geht uns der wissenschaftliche Nachwuchs verloren.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt aber arg pessimistisch...

Steinberg: Nein. Wenn junge Menschen interessiert und begabt sind, dann muss man sie zum frühestmöglichen Zeitpunkt an wissenschaftliche Fragestellungen heranführen. Da gilt Humboldt nach wie vor: Wissenschaft ist etwas noch nicht Gefundenes, ständig zu Suchendes - damit kann man gar nicht früh genug beginnen. Die Vorstellung, erst nach drei Jahren Praxis-Bachelor mit dem wissenschaftlichen Denken anzufangen, ist absolut lebensfremd, wissenschaftsfeindlich und töricht.

SPIEGEL ONLINE: Klammern Sie sich da nicht an die alte Lebenslüge der Universitäten, dass alle Studenten Forscher werden wollen? In Wirklichkeit möchten die meisten doch möglichst schnell eine praxisnahe Hochschulausbildung machen - und dann zügig in den Job wechseln. Den Berufswunsch Wissenschaft haben nur wenige.

Steinberg: Das bestreite ich ja gar nicht, und natürlich sollte es auch praxisorientierte Bachelorstudiengänge geben - aber eben nicht als von der KMK vorgeschriebenes Einheitsmodell! Bei den aktuellen Plänen überwiegt leider viel zu sehr der praktische Anteil, ein klassisches wissenschaftliches Studium ist da kaum noch möglich. Im Übrigen bin ich überzeugt davon, dass auch die Inhalte eines wissenschaftlichen Bachelorstudiums eine Relevanz für die Praxis haben. Aber es kann an der Universität nicht, gewissermaßen wie in einer betrieblichen Lehre, um die Einübung von beruflich verwertbaren Handlungsroutinen gehen. Die Theorie der Praxis und die wissenschaftliche Reflektion müssen an den Unis im Mittelpunkt stehen. Sonst schneiden wir uns selber vom Nachwuchs ab.

SPIEGEL ONLINE: Bachelor-Studenten an der Frankfurter Uni werden also in Zukunft als einzige in Deutschland auf eine Wissenschaftskarriere eingenordet?

Steinberg: Sicher nicht als einzige, wir erfahren für unsere Kritik am Bologna-Prozess auch aus anderen Universitäten viel Unterstützung. Aber es stimmt: Wer an unserer Uni einen Bachelor anstrebt, der sollte wissen, worauf er sich einlässt. Und er wird seine Berufsaussichten sicher nicht verschlechtern, denn in diesem Land wird es niemals einen Bachelor-Richter, -Arzt oder -Pfarrer geben, um nur einige Professionen zu nennen, in denen diese Vorstellung weit von der Realität entfernt ist.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie den in London versammelten europäischen Wissenschaftsministern? Soll etwa der gesamte Bologna-Prozess gestoppt werden - acht Jahre nach dem Beginn und drei Jahre vor dem geplanten Abschluss?

Steinberg: England ist ein guter Ort, um über Bologna-Korrekturen nachzudenken, nachdem ja gerade die englische Seite immer schon nachdrücklich vor einer Über-Bürokratisierung des Prozesses gewarnt hat. Genau diese Bürokratisierung sehe ich aber in Deutschland: der von der KMK gewollte Einheits-Bachelor, dazu ein absonderliches Akkreditierungssystem mit ausufernden Kosten und einer wahnwitzigen Privatbürokratie. Und das in einer Zeit, wo der Trend eigentlich in Richtung Ausdifferenzierung und Autonomie der Hochschulen geht! Die Minister sollten wirklich noch einmal sehr kritisch überdenken, ob das alles so richtig läuft. Noch wäre schließlich Zeit für Korrekturen.

Das Interview führte Armin Himmelrath

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