Skandal um Datenmissbrauch Forschungsgemeinschaft bestraft renommierten Hirnforscher

Als "Gedankenleser"" wurde der renommierte Hirnforscher Niels Birbaumer nach Veröffentlichung seiner Studien gefeiert. Nun bekommt er fünf Jahre keine Fördergelder mehr - wegen Datenfälschung.

Hirnforscher Niels Birbaumer: Nach Datenskandal werden seine Forschungsgelder gesperrt
Horst Haas/ DPA

Hirnforscher Niels Birbaumer: Nach Datenskandal werden seine Forschungsgelder gesperrt


Wegen Datenmissbrauchs sperrt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den renommierten Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer und seinen Mitarbeiter Ujwal Chaudhary für mehrere Jahre. Sie wirft den Forschern wissenschaftliches Fehlverhalten vor.

Daten in einer Studie über die Kommunikation mit gelähmten Patienten sind demnach gefälscht. Birbaumer wird für fünf Jahre von der Antragsberechtigung und von jeder Gutachtertätigkeit bei der DFG ausgeschlossen, sein Mitarbeiter für drei Jahre, teilte die DFG am Donnerstag in Bonn mit.

Zudem will die Forschungsgemeinschaft Fördermittel zurückfordern, die bereits bewilligt und verwendet wurden - sofern die Forschungsprojekte Grundlage der zwei Publikationen waren, in denen die DFG Falschangaben feststellte. Angaben zur Höhe der Rückforderung machte die DFG nicht.

Die beiden Veröffentlichungen muss Birbaumer zurückziehen. Dass die DFG im Zusammenhang mit den Sanktionen auch die Namen der Forscher nennt, ist ungewöhnlich und spricht für eine besondere Bedeutung des Falls. Andererseits heißt es in dem Beschluss, die DFG verbinde mit der Entscheidung "keine Aussage zur Validität der von den beiden Forschern aufgestellten Thesen".

Antworten per Gedankenübertragung?

Birbaumer hatte im Jahr 2014 Patienten mit der Nervenkrankheit ALS untersucht und die Ergebnisse 2017und 2019 im Fachmagazin "Plos Biology" veröffentlicht, auch der SPIEGEL hatte darüber berichtet. Sie galten als Sensation: Die vollständig gelähmten und sprachunfähigen Menschen sollten Fragen in Gedanken beantworten, während die Wissenschaftler mit einer speziellen Kopfhaube und Computern ihre Hirnaktivität maßen. Dabei stützten sich die Forscher ihren eigenen Angaben zufolge unter anderem auf Messungen von Hirnströmen (EEG) und Sauerstoffgehalt verschiedener Hirnregionen (Infrarotspektroskopie). Der Studie nach sollte auf diese Weise eine Kommunikation möglich sein.

Einen ersten Hinweis auf mögliche Fehler in der Studie gab ein Postdoktorand bereits 2018. Mehrere Untersuchungen konnten die Vorwürfe gegen die Studie nicht entkräften. Birbaumer hingegen hatte in einer Stellungnahme die Vorwürfe als falsch zurückgewiesen und angekündigt, alle "angeblichen Fehler" zu widerlegen.

Insgesamt stellte der DFG in drei Fällen Falschangaben fest: Unter anderem zeichneten die Wissenschaftler die Untersuchungen ihrer Patienten nur unvollständig per Video auf - anders als von ihnen in der Studie von 2017 beschrieben. Außerdem sei eine Datentiefe vermittelt worden, "die es de facto so nicht gegeben habe".

Nach der Entscheidung der DFG räumte Birbaumer "Unzulänglichkeiten bei der Publikation" ein. Die Untersuchungen der schwer kranken Menschen hätten immer wieder unterbrochen werden müssen, weil der Zustand der Patienten dies erfordert habe. Deshalb sei unter anderem nicht jeder einzelne Schritt der Datenauswertung beschrieben und durch begleitende Videoaufnahmen dokumentiert worden, so Birbaumer in einer Erklärung. Die Stellungnahme des Forschers können Sie hier nachlesen:

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faq/dpa



insgesamt 2 Beiträge
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territrades 19.09.2019
1. Gibt es mittlerweile eine Begründung?
Also ehrlich gesagt verstehe ich den Artikel nicht bzw. kann in den beschriebenen Mängeln kein grobes wissenschaftliches Fehlverhalten erkennen. Rosinenpickerei bei den Ergebnissen und übermäßige Anpreisung der Resultate sind leider heute in der Wissenschaft Alltag, die Politik will es so, sonst hätte sie die Wissenschaft nicht als übergroßes Hamsterrad aufgebaut, in dem sich alle Beteiligten nur im Halbjahrestakt um Kennzahlen kümmern müssen. Früher war das in Deutschland anders, und zu diesen Zeiten sind wir nicht hinterher gerannt, sondern haben Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Besonders den Kritikpunkt die Datenwertung(!) wäre nicht komplett auf Video aufgezeichnet wurden finde ich abstrus. Aber die DFG wird schon einen guten Grund haben, der vermutlich im Artikel einfach nicht widergegeben wird.
Titanus 20.09.2019
2. Wissenschaftlicher Durchbruch?
Interessant wäre, zu erfahren, ob der genannte Wissenschaftler nun eine Kommunikation mit den ALS-Patienten erreichen konnte oder nicht. Formfehler und falsche Angaben zur "Datentiefe" sind zwar unschön, sollten aber einen wissenschaftlichen Durchbruch (wenn es denn einer war) nicht schmälern.
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