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Auslandsstudium im Niger: Hausa-Lernen bei über 40 Grad

Foto: Charlotte Sophie Meyn

Studieren in Niger Bitte verlassen Sie nicht die Hauptstadt

Für ihren Plan, im staubtrockenen Niger zu studieren, erntete Charlotte Meyn viel Unverständnis. In Westafrika erlebte sie ihre Uni als Oase, Vorlesungen mit Gebetspausen, jede Menge Freundlichkeit und viel Familie - manchmal zu viel.

Als ich verkündet habe, wo ich meine Semesterferien verbringen will, fragten viele: "Wo liegt denn das?" "Ist das ein anderer Name für Nigeria?" Und: "Das ist doch viel zu gefährlich!"

Was das Auswärtige Amt zu dem Land schreibt, machte mir auch ein wenig Angst. Aber dieses Angebot war meine einzige Möglichkeit, in Afrika Hausa zu lernen, eine westafrikanische Sprache, die ich seit einem Jahr an der Uni studiere. Also wagte ich das Abenteuer: Zwei Monate verbrachte ich an der Abdou-Moumouni-Universität in Niamey in Niger.

Der Campus überraschte mich positiv: Er wirkte wie eine grüne Oase inmitten der heißen, staubigen Straßen der nigrischen Hauptstadt. Wenn ich morgens mit dem Taxi dorthin fuhr, kam ich an mit Matten beladenen Kamelen vorbei. An der Einfahrt zur Universität verkaufte eine alte Frau frisch gebackene Maniokfladen. Neben ihr boten jüngere Frauen "Shap-Shap" an, Guthaben für Handys. Daneben Süßigkeiten, irgendwo dahinter weideten Ziegen.

Auf den Bänken unter Palmen lernten Studenten, schrieben auf Tafeln, die mitten auf dem Campus standen. Frauen trugen bunte Gewänder, Männer Hemd und Stoffhose, manche sogar Anzug. Es ist wichtig in Niger, gut angezogen zu sein, selbst wenn man arm ist. Viele Nigrer denken, die Weißen zögen sich schlecht an, weil sie das Land nicht respektierten. Seitdem ich das wusste, achtete ich mehr auf meine Kleidung. Einmal kaufte ich mir sogar mehrere Ballen Stoff auf dem Markt und ließ mich von einer Schneiderin komplett neu einkleiden.

"Wir halten zusammen"

Ich lebte in einer Gastfamilie, die Frau war nur zwei Jahre älter als ich, sie und ihr Mann hatten nur zwei Kinder. Einige meiner Mitstudenten landeten bei Großfamilien. Vom Kleinkind bis zur Greisin: alle unter einem Dach. Manchmal kamen zusätzlich Verwandte zu Besuch. Außerdem wohnten in jedem Haushalt Dienstboten, manche mit ihren eigenen Familien. Zum Teil wussten meine Kommilitonen bis zur Abreise nicht, wer mit ihnen im Haus wohnte und wer nicht.

Soziale Beziehungen sind wichtig in Niger. Ständig besucht man jemanden oder wird besucht, nicht selten nur für zehn, fünfzehn Minuten. Hauptsache, man hat sich gesehen. Manchmal wurde mir der Trubel zu viel, und ich zog mich in mein Zimmer zurück, um zu lesen. Meine Gastfamilie akzeptierte das, verstand es aber nicht.

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Afrika, Asien, Ozeanien: Einmal Kulturschock, bitte

Foto: Carolin Swillus

In den europäischen Medien höre er nur Schlechtes über Afrika, sagte mir einmal der Geografiestudent Harouna Laouali Daba, 26. "Aber unsere Stärke ist die Solidarität untereinander. Wir halten zusammen." Hier teilt man, was man hat. Im Studentenwohnheim zum Beispiel gibt es nur wenige Plätze. Offiziell werden die Zimmer nur an zwei Personen vermietet, trotzdem quetschen sich oft acht oder zehn Leute hinein. Es sei doch normal, Freunde bei sich übernachten zu lassen, sagte Harouna. "Und zwar nicht nur für ein paar Tage, sondern für das ganze Studium." Manche schlafen auch auf dem Gang. Die meisten Studenten wohnen allerdings in der Stadt, bei Eltern, Verwandten oder Freunden der Familie.

Mehr als 70 Prozent der Nigrer sind Analphabeten, so auch die Eltern von der 24-jährigen Fatima Alher, einer Kommilitonin Harounas. Sie verstünden nicht, was sie studiert. "Trotzdem sind sie stolz auf mich." Harouna fügte hinzu: "Wenn wir Studenten in unser Dorf zurückkommen, respektieren uns alle, sogar der Dorfchef. Wir repräsentieren die Zukunft."

Wie, keine Religion?

Die meisten Studenten stammen aus armen Familien oder aus der kleinen Mittelschicht des Landes. Wer in Niger viel Geld hat, der studiert oft im Ausland, in Algerien, an der Elfenbeinküste, in Frankreich. Umgekehrt kommen aber auch Ausländer an die Abdou-Moumouni-Universität, darunter viele Kameruner. Die Anglistikstudentin Tatiana Kawa Adamu, 25, zog mit ihren Eltern nach Niger. In ihrem Heimatland gebe es massive Probleme mit Korruption, man müsse Geld zahlen, um das Abitur zu bestehen, um einen Studienplatz zu bekommen. In Niger habe sie das nicht erlebt.

Als Christin gehört sie an der Uni zu einer Minderheit. Fünfmal am Tag beten die meisten Studenten nach Mekka, dafür werden auch die Vorlesungen unterbrochen. Auch in den Studentenwohnheimen verabreden sich abends immer wieder Studenten, um den Koran zu lesen. Tatiana fühlt sich unter all den Muslimen trotzdem wohl: "In Niger sind die Leute tolerant. Jeder kann glauben, was er will." Nur dass ich gar keiner Religion angehöre, das konnten die meisten schwer nachvollziehen. Manchmal, wenn ich keine Lust auf erstaunte Blicke hatte, gab ich mich deswegen einfach als Christin aus.

Gegen Ende meines Aufenthalts machte es mir immer mehr zu schaffen, dass ich mich im Land nicht frei bewegen konnte. Der Botschafter hatte uns dringend davor gewarnt, die Hauptstadt zu verlassen. Auch in Niamey musste ich immer aufpassen: Während meines Aufenthalts wurden zwei Franzosen entführt.

Ich möchte gern wiederkommen, um den Rest des Landes zu sehen - aber erst wenn sich die Sicherheitslage stabilisiert hat. Und auch wenn es mich manchmal angestrengt hat, ständig Leute um mich zu haben: Jetzt kommt mir meine Wohnung in Berlin irgendwie leer vor.


Foto: Carolin Swillus

ICH MUSS HIER RAUS!

Ob in Kairo oder Kapstadt, Tokio oder Taipeh, Darwin oder Durban: In Afrika, Asien oder Ozeanien kommt man richtig weit weg aus dem alten Europa. Diese Studenten lernen und leben an Orten, vor denen manche Eltern schon immer gewarnt haben. mehr...


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