Ninas Chicago-Report Kunst und Kühe

Nina Breitsprecher, 25, arbeitet für einige Monate an einem Museum in Chicago. Für UniSPIEGEL ONLINE führt die Studentin Tagebuch - über den Alltag in der US-Metropole, ihr Praktikum und die Kunstszene. In der zweiten Folge: die kleine Farm, eine Gruselpuppen-Kollektion und seltsame Reste der Siedlermentalität.


29. November: "Wisconsin, America's Dairy Land"
(auf den Nummernschildern des Bezirks)


Am Abend mache ich mich auf, um ein paar Tage aufs Land zu fahren, Freunde zu besuchen und mich von der großen Stadt zu erholen.

Wisconsin: Fünf Millionen Einwohner, zwei Millionen Kühe
REUTERS

Wisconsin: Fünf Millionen Einwohner, zwei Millionen Kühe

Die "Northwestern Union Pacific Railway Line" hat den amerikanischen Fünfziger-Jahre-Look: Die zweistöckigen Waggons mit den langen, schmalen, grün getönten Fensterschlitzen sind ausgestattet mit dunkelgrünen Kunstlederbänken auf Chromrahmen. Ich fahre bis Harvard, draußen nur Lichter im Dunkeln, es ist schon 19 Uhr.

In Wisconsin gibt es bei rund fünf Millionen Einwohnern rund zwei Millionen Milchkühe. Steffi und Steve wohnen in einer kleinen Stadt, die für US-Verhältnisse uralt sein muss, denn die Main Street sieht fast noch so aus wie vor hundert Jahren, nur die Gehsteige aus Holz fehlen.

Das Haus der beiden, balloon frame (aus mit Plastik beschichtetem Spanholz, wie nahezu alle Einfamilienhäuser hier), weiß mit grünen Fensterläden und einer Veranda hinten zum Garten, steht etwas außerhalb in einer typischen Vorstadtsiedlung: ein Haus wie das andere, mit Vorgarten, Garage und Pick Up, wahlweise Geländewagen auf der Einfahrt vor der Garage.

1. Dezember: "…and on his farm he had some cows…"
(Kinderlied)

Wisconsin: Jede Menge Landidylle
DER SPIEGEL

Wisconsin: Jede Menge Landidylle

Wisconsin ist die Illustration aus einem Kinderbuch, Titel: "Old MacDonald had a farm". Inmitten unendlicher, leicht gewellter Maisfelder erheben sich in regelmäßigen Abständen Hügel mit kurz geschorenem Gras, ebenmäßig grün, wie geschrubbt. Darauf steht jeweils ein Farmhaus, rot lackiert mit weißen Fensterrahmen, ebenso wie die große Scheune daneben mit dem rund gewölbten Dach, hinter der zwei silberglänzende Getreidespeicher stehen.

Der blank geputzte Hof ist umgeben von einem strahlend weißen Lattenzaun. Auf dem Gemüsebeet liegen noch ein paar dicke Kürbisse, die Halloween und Thanksgiving überlebt haben. Vor diesem Zaun weiden schwarzbunte Milchkühe unter einem mächtigen alten Baum. Sogar die Traktoren strahlen hier in sattem Grün und Gelb. Was für eine Idylle… zumindest eine Version des American Dream.

Es gibt natürlich auch viele verfallene und ungepflegte Höfe, und entlang der Highways häufen sich geplatzte Autoreifen und überfahrene Waschbären. Die Menschen hier breiten sich mit einer raumgreifenden Selbstverständlichkeit über das Land aus, die ahnen lässt, dass sie es für unerschöpflich halten. Sie lassen die Automotoren laufen, wenn sie einkaufen gehen; Supermärkte, Cafes und Restaurants werden auf tropische Temperaturen aufgeheizt.

Das nimmt vor allem in den Quadratkilometer umfassenden Malls bedrohliche Ausmaße an. Unwillkürlich fragt man sich: Und wo ist das zugehörige Kraftwerk? Doch weit und breit nichts außer betonierter Parkplatzwüste. Und in der nächsten Kleinstadt das nächste Einkaufszentrum.

All das wirkt so unkontrolliert und planlos, dass der Eindruck entsteht, die Amerikaner sind immer noch dabei, dieses Land zu erobern. Die Häuser aus Sperrholz und Plastik, jederzeit ohne großen Verlust aufzugeben, um weiterzuziehen. Die riesigen Autos, bereit, jede Wildnis zu bezwingen, auch wenn es nur täglich den Weg von der Garageneinfahrt bis downtown zu bewältigen gilt. Das Fast Food, Essen on the run - all das erinnert an die Mentalität der Siedlerzeit.

3. Dezember: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit"
(Karl Valentin)

Kunst am Bau: "Flamingo" vor Hochhaus
Nina Breitsprecher

Kunst am Bau: "Flamingo" vor Hochhaus

Der tiefe Teppich im verwaisten Ballroom der School of The Art Institute of Chicago schluckt meine Schritte. Der riesige Saal ist gehalten im amerikanischen Stil der Gründerzeit: roter Plüsch, Säulen aus grünem Marmorimitat, schwarz-weiß gewürfelter Fußboden, sehr bunte Glasfenster und viel, viel Stuck und Goldfarbe.

Letzte Woche ähnelte die ehrwürdige Halle noch eher einem Basar mit einem Labyrinth aus Verkaufstischen, die unter den Werken der dahinter sitzenden Künstler zusammenzubrechen drohten. Jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit findet hier der "Art Sale" statt - die Studenten der Kunsthochschule bieten ihre Werke zum Verkauf.

Die Produktpalette reichte vom ordinären Gemälde bis zur Gruselpuppenkollektion, deren schwarz gekleideter Schöpfer seinen Kreaturen erschreckend ähnlich sah. Sein Haupt zierten ellenlange schwarze Haar-Antennen, sein Gesicht war weiß geschminkt. Damit hat er ein überraschend griffiges Konzept entwickelt, um seine bizarren Puppen zu vermarkten. Er selbst war der beste Werbeträger, eine Attraktion, weithin sichtbar im Gewirr von Künstlern und Künstlerinnen, Publikum und Sicherheitskräften. Seine Puppen standen in selbst entworfenen Pappschachteln, und kleine Broschüren gab es auch.

Wrigley Building: Freundliche Wolkenkratzer
Nina Breitsprecher

Wrigley Building: Freundliche Wolkenkratzer

Andere Studenten verhielten sich weniger professionell, eher wie auf dem Flohmarkt. Sie saßen hinter einem mit Objekten jeglicher Güte voll gepackten Tisch und guckten ab und zu freundlich von ihren Stricknadeln auf. Aber es gab auch Anbieter mit Preislisten, Portfolios und Servicepaketen. Megan bot ihre Fotos gerahmt an und ungerahmt, eingeschweißt oder nicht, im Dutzend billiger. Auf der Galerie im zweiten Stock rund um den Saal hatten sich Goldschmiedinnen und Fotografen versammelt, außerdem gab es Videokünstlerinnen und "Glaskünstler".

Hier können Studenten ihre Markttauglichkeit testen. Gwen ist in ihrem zweiten Jahr an der Schule, sie habe schon einen großen Teil ihrer Ölgemälde verkauft, flüstert sie mir zu und gesteht mit einem Grinsen: Vor Aufregung habe sie ihre Stimme verloren, sei aber dafür jetzt um 700 Dollar reicher.

6. Dezember: "Wild ist the Wind"
(Nina Simone)

Chicago: Verkehrszeichen werden nicht mal ignoriert
Nina Breitsprecher

Chicago: Verkehrszeichen werden nicht mal ignoriert

Heute wird mir einmal mehr klar, was es heißt, in windy city zu leben: Auf dem Nachhauseweg wäre ich fast weggeweht. Den anderen Fußgängern ergeht es nicht besser. Alle haben Schwierigkeiten, geradeaus zu gehen, so stark bläst es einem entgegen. Wer vom Einkaufen kommt, hat es besonders schwer - je größer die Tüten, desto mühsamer der Weg über die Kreuzung. Und dann beginnt es auch noch zu schneien.

Ampeln scheinen übrigens nur als ungefährer Richtwert zu gelten, sowohl Fußgängern als auch Autofahrer ignorieren sie meist. Wenn keiner kommt, geht's weiter. Am coolsten ist, wer weiter geht oder fährt, obwohl jemand kommt. Wer trotz freier Kreuzung an einer roten Ampel stehen bleibt, gilt als Verkehrshindernis. Das habe ich mir also abgewöhnt.

Von Nina Breitsprecher



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.