Brandbrief zu EU-Austritt Britische Universitäten fürchten ungeregelten Brexit

"Eine der größten Bedrohungen, denen unsere Unis je gegenüberstanden": Mehr als 150 britische Hochschulen warnen vor einem ungeordneten Brexit. Förderungen in Milliardenhöhe könnten wegbrechen.
University of Manchester (Archivbild)

University of Manchester (Archivbild)

Foto: Phil Noble/ REUTERS

Sollte Großbritannien ungeregelt aus der EU austreten, hätte das nicht nur für den Handel und Verkehr gravierende Folgen. Auch in der Welt der Forschung und Lehre ist die Angst vor einem sogenannten No-Deal-Brexit groß: Am Freitag veröffentlichten Vertreter von mehr als 150 britischen Hochschuleinrichtungen einen offenen Brief, in dem sie massiv vor einem solchen Brexit warnen. 

"Dass das Vereinigte Königreich die EU ohne ein Abkommen verlassen könnte, ist eine der größten Bedrohungen, denen unsere Universitäten je gegenüberstanden", heißt es in dem Schreiben, das an alle Parlamentsabgeordneten gerichtet ist. Der wichtige Austausch von Wissen, Personal und Studierenden sei in Gefahr.

Die Unterzeichner fürchten, dass britische Hochschulen künftig von den Fördermaßnahmen des Europäischen Forschungsrats (ERC) ausgeschlossen sein könnten. Für die nächsten zwei Jahre seien 1,3 Milliarden Euro aus EU-Fördertöpfen für die britische Forschung veranschlagt. "Wissenschaftler, die ihre Forschungsanträge monate- oder sogar jahrelang ausgearbeitet haben, säßen plötzlich auf dem Trockenen", warnte die Präsidentin der University of Manchester, Nancy Rothwell.

Ein chaotischer Brexit gilt als nicht ausgeschlossen. Das britische Parlament soll in der dritten Januarwoche über den mit Brüssel ausgehandelten Vertrag über den EU-Austritt abstimmen. Wird der Deal abgelehnt - wonach es bislang aussieht -, droht am 29. März ein ungeregeltes Ausscheiden.

Fördermittel in voller Höhe ersetzen

Etwa 50.000 Mitarbeiter und 130.000 Studierende aus EU-Ländern könnten sich dann wohl nicht länger ohne Visa in Großbritannien aufhalten. Tausende Regeln für den grenzüberschreitenden Handel und Verkehr zwischen Großbritannien und der EU würden abrupt ungültig werden, Grenzkontrollen müssten eingeführt werden.

Die Sorge ist groß, dass es britischen Hochschulen dann schwerer fallen würde, die besten Forscher aus dem Ausland anzuziehen. Die Russell Group, der Verband von 24 Elitehochschulen, veröffentlichte am Freitag eine Statistik , wonach die Zahl der Masterstudenten und Doktoranden aus EU-Ländern im Vergleich zum Vorjahr um fünf bis neun Prozent zurückgegangen sei. Die Zahl der Bachelor-Studenten stieg hingegen leicht um ein Prozent.

Die Hochschulvertreter fordern in ihrem Brief, dass die Regierung alle EU-Fördermittel, die im März wegbrechen könnten, in voller Höhe aus der Staatskasse ersetzen müsse.

In anderen Punkten hat die Regierung schon Entgegenkommen signalisiert: Im Juli hatte Bildungsminister Damian Hinds angekündigt, dass Studenten aus der EU, die von Herbst 2019 an in England studieren, keine höheren Studiengebühren als bisher bezahlen müssten. In einem Interview mit dem SPIEGEL  sagte der Präsident der Universität von Glasgow, Anton Muscatelli: "Bei meinen Gesprächen in Westminster gibt es keinen Dissens darüber, wie bedeutend die Forschungskooperation und der Studentenaustausch sind."

lov