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16. Januar 2010, 10:39 Uhr

Nord-Irak

Warum junge Kurden von Deutschland träumen

Von Robert Chatterjee

Es ist eine schwierige Mission für die Aufbauhelfer, die im Nord-Irak Deutsch als Fremdsprache fördern. Die Bildungszusammenarbeit blüht im kurdischen Autonomiegebiet auf, doch stets schwingen Spannungen zwischen Kurden und Arabern mit.

Dicht drängen sich die etwa 120 Jugendlichen auf dem Schulhof, berichten in fließendem Deutsch über ihre Heimatstädte: Münster, Frankfurt, Bochum, Berlin. Aufgewachsen in Deutschland, besuchen die 10 bis 17-Jährigen nun die Nohat-Schule in Duhok - im Nordirak. Ihre Eltern sind Teil der Welle von Remigranten, die seit 2004 in den kurdischen Teil des Irak zurückgekehrt sind, um beim Wiederaufbau ihrer Heimat zu helfen.

Wirklich heimisch fühlen sich die meisten Teenager auf dem Schulhof aber kaum. Was sie hier machen? "Warten", antworten sie lakonisch und zeigen stolz ihre deutschen Pässe vor. "Hier gibt es nichts für uns zu tun. Ich habe Angst, dass ich mein Deutsch verlerne, denn dafür wird hier nichts getan", beklagt der 17-jährige Dilan, der nun schon seit vier Jahren wieder in Duhok lebt. "Deshalb will ich nach dem Schulabschluss so schnell wie möglich zurück nach Deutschland zum Studieren."

Das Treffen mit den Schülern an der Nohat-Schule macht die Aufgabe der deutschen Bildungsdelegation erstmals menschlich greifbar, und die Vertreter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), des Goethe-Instituts und des Sprachentestzentrums "Testdaf" bleiben nicht unberührt. Deutsch als Fremdsprache zu fördern sowie Kooperationen zwischen deutschen und irakischen Universitäten anstoßen, sind die Ziele ihrer einwöchigen Mission in den Nordirak. Fernziel beider Programmpunkte ist die Vision einer deutsch-irakischen Hochschule. Bereits im Schulbetrieb sollen dafür die Grundlagen geschaffen werden.

"Wir brauchen Deutsch für Ingenieure"

Immerhin steht Deutsch seit drei Jahren an vier Projektschulen im kurdischen Autonomiegebiet auf dem Lehrplan, neben Arabisch und Englisch. Dank der Förderung des Goethe-Instituts innerhalb des Partnerschulen-Programms sind die Modellklassen, wie etwa an der Gara-Schule in Erbil, hervorragend ausgestattet. Die jungen kurdischen Lehrer wirken ebenso motiviert wie ihre aufgeweckten Schüler.

Dennoch hat die deutsche Sprache hier einen schweren Stand. Sprachlich und pädagogisch qualifizierte Lehrkräfte sind noch immer Mangelware und überhaupt stellt sich die Frage: Was nützt den Schülern die deutsche Sprache? "Der Markt für Dolmetscher ist begrenzt, und der Abschluss von Deutschkursen an den Schulen wird nicht als Sprachnachweis, etwa von deutschen Universitäten, anerkannt", bemerkt Judith Mirschberger, die Leiterin des Goethe-"Dialogpunkts" in Erbil. Ihr kleines Büro hat sie erst vor ein paar Monaten bezogen, ab 2010 sollen hier regelmäßig zertifizierte Deutschkurse und Sprachtests angeboten werden. Zusätzlich noch Deutschlehrer ausbilden - das kann das Institut alleine nicht leisten, sondern höchstens unterstützen.

Diese Aufgabe soll in Zukunft den Universitäten des Landes zufallen. Lars Gerold, Leiter der DAAD-Mission, fasst die zukünftige Bedeutung der Deutsch-Ausbildung noch weiter: "Qualifizierte Lehrer sind ohne Zweifel wichtig. Aber Deutsch soll langfristig auch als zweite Wissenschaftssprache etabliert werden." Man fängt hier fast bei Null an, schließlich hat im gesamten Irak lediglich die Universität Bagdad Deutschkurse im Programm. Deren germanistische Abteilung erweist sich jedoch als schwieriger Partner.

Wichtig ist Fachsprache, nicht Walther von der Vogelweide

"Mit Walther von der Vogelweide kommt man heutzutage nicht weit. Wir brauchen Deutsch für Ingenieure, Ärzte und Informatiker", fordert Hans-Joachim Althaus von Sprachentestzentrum "Testdaf". Im Gepäck hat der stämmige Schwabe die Lernsoftware "Deutsch Uni Online" (DUO), das auf eben jene Anforderungen solcher unterschiedlichen Disziplinen ausgerichtet ist. Bei der Präsentation des Programms staunen die Anwesenden Uni-Vertreter nicht schlecht, als Althaus vorführt, wie etwa ein deutsch lernender Medizinstudent im virtuellen OP-Saal nützliche Vokabeln wie "Fasszange", "Nadelhalter" und "Wundhaken" vermittelt bekommt.

Die Web-basierte Lernsoftware ermöglicht es den Studenten, ihr Lernpensum selbst zu bestimmen, und wird von Tutoren aus Deutschland virtuell begleitet. So soll der Student in Bagdad oder Basra die Chance bekommen, Deutsch zu lernen, auch wenn vor Ort keine Lehrinstitution vorhanden ist. Allerdings, so wenden einige der hiesigen Uni-Vertreter ein: Wie soll man Online lernen, wenn es kein Internet gibt? Die unzureichende Netzstruktur in weiten Teilen des Irak ist wohl eines der größten Hindernisse bei der Umsetzung solch ambitionierter Pläne. Weitaus bessere Voraussetzungen bietet in dieser Hinsicht das kurdische Autonomiegebiet. Kein Wunder also, dass die Vertreter aus Erbil, Duhok und Sulaimaniya DUO am liebsten an Ort und Stelle installieren würden.

Schwierige Mission: Arbeiten in Kurdistan, denken an den ganzen Irak

Es ist nur ein Beispiel für das immense Konfliktpotenzial deutscher Bildungskooperation und das grundlegende Dilemma der DAAD-Delegation. Denn der Grundstein des neu gestarteten deutschen Engagements wurde beim Besuch des vorigen Außenministers Frank-Walter Steinmeier im Februar 2009 gelegt - und zwar in Bagdad gemeinsam mit dem irakischen Hochschulministerium. Der DAAD muss im Laufe der Gesprächsrunden immer wieder betonen, dass alle Aktivitäten prinzipiell auf den gesamten Irak zielen.

Es ist ein schmaler Grat, der dem gelernten Juristen Gerold einiges an diplomatischem Geschick abfordert. "Wir versuchen, unseren arabischen Partnern ständig zu vermitteln, dass wir aus Sicherheitsgründen in Erbil und nicht in Bagdad tagen. Auf der anderen Seite können wir hier im kurdischen Autonomiegebiet einfach sehr viel schneller und direkter mit unserer Arbeit ansetzen."

Die Regionalregierung bemüht sich sichtlich, den DAAD vom Standort Kurdistan zu überzeugen. Der kurdische Hochschulminister Idris Salih etwa stößt fast jeden Tag zur Delegation, verspricht kurze Behördenwege und preist das Potential der rasch expandierenden Universitätslandschaft im Autonomiegebiet. Der Bauboom in Kurdistan lässt Hochschulen in Gegenden aus dem Boden sprießen, die etwa im Vergleich zu Bagdad keine lange Bildungstradition aufweisen. So zum Beispiel in Duhok.

Das Fernziel heißt deutsch-irakische Universität

Der dortige Universitätsdirektor führt die DAAD-Delegation emsig durch die entstehenden Institute, Sport- und Konferenzhallen, die inmitten einer steinigen Geröllwüste stehen, nur dreißig Kilometer entfernt von der türkischen Grenze. Das Tempo der Aufbauarbeit hier am nördlichen Rand des Iraks beeindruckt auch Gerold. "Wichtiger aber wird es sein, die Gebäude mit Inhalten und Qualität zu füllen - und das wird sehr viel länger dauern."

Der Schlüssel dafür soll in den Kooperationen mit deutschen Hochschulen liegen. Die Abgesandten der TU Berlin, TU Dortmund, Uni Erlangen und der Bergakademie Freiberg werden dementsprechend eifrig umgarnt, schließlich haben sie vom DAAD den Zuschlag für gemeinsame Master- und PhD-Programme erhalten. Wen sie letztendlich als Partner wählen, ist noch nicht endgültig entschieden. Auch hier werden die Spannungen zwischen kurdischen und arabischen Universitäten deutlich spürbar, denn niemand will zu kurz kommen. Besonders die Vertreter der kleineren arabischen Universitäten aus Basra oder Baquba sehen ihre Chance gekommen, etwas für ihre bisher kaum bekannten Hochschulen herauszuschlagen, während die Bagdader Universitäten ihre angemessene Berücksichtigung stets mit dem Hinweis auf ihren Hauptstadtstatus einfordern.

Zurück zu den Wurzeln der deutsch-irakischen Zusammenarbeit

Die Standortfrage des langfristigen Ziels, einer deutsch-irakischen Hochschule, birgt nicht weniger Konfliktpotenzial. "Diese Einrichtung sollte nicht als ein Gebäude verstanden werden, das wir schlüsselfertig übergeben, sondern aus der Kooperation deutscher und irakischer Universitäten erwachsen", versucht Gerold zu entschärfen. Ein Grundstein dafür soll auch das neuaufgelegte Stipendienprogramm des DAAD bilden, von dem ab 2010 jährlich bis zu hundert Iraker profitieren sollen.

Die Verantwortlichen vor Ort freilich denken schon in größeren Dimensionen. So erklärte der neue kurdische Premierminister Barham Salih Gerold seine Vision, an die deutsche Bildungskooperation der sechziger und siebziger Jahre anzuknüpfen: "Damals haben wir zehntausende Studenten in die DDR und die BRD geschickt, die den Irak aufgebaut haben, bevor unser Land dann in Krieg und Gewalt versank. Genau so ein Programm wollen wir in den nächsten Jahren wieder starten."

Es ist ein langfristiges Ziel und zurzeit vielleicht eher politische Absichtsbekundung, denn ein konkreter Plan. Zumindest für die Jugendlichen von Duhok kann der DAAD etwas Handfestes erreichen. Ihnen werden spezielle Deutschkurse zugute kommen, die sie zur Rückkehr nach Deutschland zwingend benötigen. So rückt Dilans Traum vom Maschinenbaustudium in Bochum ein Stück näher.

Von Robert Chatterjee, "Zenith - Zeitschrift für den Orient"

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