Studienplatzvergabe in NC-Fächern Endspurt der Unentschlossenen

Noch bis Mitternacht können sich Studienanfänger um Plätze in begehrten Numerus-Clausus-Fächern bewerben. Nach Fristende droht das übliche Zulassungschaos - und der Streit: Wie viel sagt eine Abi-Note aus?

Erstsemester in Freiburg (2012): Hurra, wir sind drin
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Erstsemester in Freiburg (2012): Hurra, wir sind drin

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Weder das Aktfoto noch das Geld halfen den Abiturientinnen. Sie hatten versucht, mit Bild und Bestechung ihre Studienplatzbewerbung aufzuwerten, denn die Konkurrenz bei NC-Fächern, das wussten sie, ist hart. Die ungewöhnlichen Maßnahmen haben nicht genutzt - geschadet allerdings auch nicht: Eine Anzeige wegen Bestechung gab es nicht.

Eine Bewerberin bekam sogar ihr Geld zurück. "Wir konnten und wollten nicht ausschließen, dass sie das Geld versehentlich eingeschickt hat", sagte der damalige Behördenchef der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) dem SPIEGEL. Das war 1973, die Bestechungssumme belief sich auf 790 Mark; Willy Brandt regierte die Bundesrepublik, Angela Merkel hatte gerade in der DDR ihr Abitur mit 1,0 gemacht und strebte ein Physik-Studium an.

Der Westen Deutschlands stritt darüber, wie sich rare Studienplätze in begehrten Fächern möglichst gerecht verteilen lassen. Eine Diskussion, die 40 Jahre später noch immer nicht vorbei ist - und jetzt wieder aufscheint, da an diesem Montag die Bewerbungsfristen für NC-Fächer enden. Es beginnt der Endspurt der un- und spätentschlossenen Abiturienten - und der verpeilten, die gerade erst aus Lloret de Mar zurückkommen.

Längst ist mehr als die Hälfte der rund 9500 Studiengänge in Deutschland, die der auflistet, zulassungsbeschränkt, Master-Studiengänge nicht eingerechnet. Seit Jahren schwankt der Wert nur geringfügig. Da gibt es die Dauerfavoriten wie Medizin und Pharmazie, die bundesweit mit einem NC belegt sind (etwa hundert Studiengänge); und es gibt den örtlichen NC - in Hamburg etwa ist Mathematik zulassungsbeschränkt, an den Berliner Unis nicht. In Köln wiederum ist kein Fach mehr frei zugänglich.

Es droht ein neues Vergabechaos

Schon jetzt ist absehbar: Wieder droht ein Vergabechaos. "Natürlich bewerben sich die künftigen Studenten an mehreren Unis", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Denn die Bewerber wollen so ihre Chancen auf einen Platz im Wunschstudium erhöhen. So bekommen viele auch mehrere Zusagen, wovon sie jedoch nur eine annehmen können. Dadurch bleiben Jahr für Jahr Tausende Studienplätze unbesetzt.

Das Chaos verhindern oder wenigstens eindämmen soll eigentlich der ZVS-Nachfolger Hochschulstart.de und das sogenannte Dialogorientierte Zulassungssystem. (Wie es funktionieren soll, zeigen diese Videos.) Doch auch um dieses Portal tobt seit Jahren Streit. Zum einen ist die Software vieler Hochschulen veraltet - sie können nicht mit dem neuen System kommunizieren. So können sich Studienanfänger auch für das kommende Wintersemester lediglich für 170 der fast 4000 infrage kommenden Studiengängemit Numerus Clausus zentral dort bewerben. Zum anderen streiten Politik und Hochschulen darüber, wer die Kosten für das Portal übernehmen soll.

Wie gerecht ist der NC?

Zu den Problemen bei der praktischen Umsetzung gesellt sich der grundsätzliche Streit: Wie gerecht ist der Numerus Clausus? Das wichtigste Kriterium ist bei den meisten zulassungsbeschränkten Fächern schließlich der Abiturschnitt. Aber Was sagt die Note über das Talent eines Bewerbers tatsächlich aus?

Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), kritisiert denn auch, die Noten ließen sich bundesweit nicht vergleichen, dafür sei das Schulsystem viel zu vielfältig. Er fordert stattdessen Eignungstests und Auswahlgespräche. Auch Ärztefunktionäre plädieren mittlerweile für ein Ende des strengen NC-Verfahrens. "Wir brauchen Nachwuchs in der Patientenversorgung und müssen deshalb die zu starke Fokussierung auf die Einser-Abiturnote aufgeben", hieß es etwa beim Westfälischen Ärztetag, wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" berichtet. Das Abitur solle zwar Basis bleiben, aber die Gewichtung der Note durch einen Numerus Clausus sei zu stark.

Auch diese Diskussion reicht weit zurück, bis zu den Anfängen der ZVS. Die Richter des Bundesverfassungsgerichts hatten damals verlangt, dass es "einheitliche Auswahlkriterien" für Studienbewerber gibt, so entstand die Vergabestelle.

Das Abitur "als Glanzstück deutschen Bildungsguts einst Garant für einen Studienplatz", warnte damals der SPIEGEL, sei dann "kaum noch mehr als Futter für die Computer". Denn die Maschinen würden anhand von Nachkommastellen berechnen, wer welchen Studienplatz bekäme. Von unsinniger "Notenarithmetik" war die Rede. Der Südwestfunk ließ gar ausrechnen, dass viele Klinikdirektoren nie hätten Medizin studieren dürfen, wenn es zu ihrer Zeit schon einen NC gegeben hätte. Und empörte Zeitungsleser wetterten, selbst ein Losverfahren sei gerechter als die Auswahl nach Abiturnote.

Um eine fristgerechte Bewerbung kamen Studenten allerdings noch nie herum. Die aktuelle NC-Frist endet am Montag. Und weder Aktfotos noch Bargeld dürften helfen.


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Seite 1
DeFMUDE 15.07.2013
1. Jedes Jahr dasselbe
Zitat von sysopDPANoch bis Mitternacht können sich Studienanfänger um Plätze in begehrten Numerus-Clausus-Fächern bewerben. Nach Fristende droht das übliche Zulassungschaos - und der Streit: Wie viel sagt eine Abi-Note aus? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/numerus-clausus-bewerbungsfrist-fuer-studienplaetze-endet-a-910566.html
Ich bin es Leid. Und ich sehe schon die Kultusminister im Chor rufen: "Wir müssen etwas ändern, jetzt ist Handlungsbedarf!" In Sachen Bildung versagt der Staat. Er hat schon immer versagt und wird weiter versagen. Potentielle private Hochschulträger stehen Schlange, ringen mit Akkreditierungsverfahren und führen einen aussichtslosen Wettbewerb gegen die billige gratis-"Bildung" des Apparats. Was muss noch geschehen - oder wie oft - bis irgendjemand den Würgegriff der etatistischen Gleichschalter löst? Viel Luft zum Atmen haben wir nicht mehr! Achwas, solange unser herausragendes Schulsystem im Akkord Prediger des Klimawahns und Jünger der EUdSSR weiht, schreiten wir einer leuchtenden Zukunft entgegen!
TS_Alien 15.07.2013
2. .
Wer mittelmäßig begabt und sehr fleißig ist und für das (Auswendig)Lernen viel Zeit aufbringt, kann in jedem Bundesland einen Einserschnitt im Abitur schaffen. Damit hat man noch lange nicht gezeigt, dass man auch im Studium erfolgreich sein wird, geschweige denn im späteren Beruf. Im Studium funktionieren die typischen Lernmethoden vieler Schüler nicht, da muss man den Stoff wirklich verstehen und jahrelang parat haben. Besser als ein NC ist sicherlich ein fachspezifischer Auswahltest, in dem ein völlig neues Thema (es kann auch ein Fantasiethema sein) geschickt bearbeitet werden muss, um gut abzuschneiden. Da trennt sich der Weizen von der Spreu.
spon-facebook-10000004408 15.07.2013
3. Abitur=Unsinn
Abgesehen von der mangelnden Unvergleichbarkeit der Abiturnote, man vergleiche einfach nur mal Bremen/das Saarland mit Bayern/BW, ist auch die Zusammensetzung der Note völlig unsinnig. Was sagen Noten in Fächern wie Musik/Kunst/Sport/meinetwegen auch Biologie usw. über die Studierfähigkeit aus, sofern man diese Fächer nicht studieren möchte? Auch die 50/50 Zusammensetzung der Note bezüglich der mündlichen und schriftlichen Leistung sollte jedem, der sich noch an seine eigene Schulzeit erinnern kann, suspekt erscheinen. Zu guter Letzt: mit meinem Abischnitt habe ich nur noch ganz knapp während des Hauptvergabeverfahrens einen Studienplatz bekommen. Für den bald folgenden Master kommen auf einen Platz 4 Bewerbungen. Ich werde ihn mehr als locker bekommen...
markus.mund 15.07.2013
4. Qualitäten eines Abiturientens
Ich bin der Meinung das ein NC-Verfahren, nicht mehr Zeitgemäß ist. Ich kenne viele Schüler die ihr Abitur mit Bestnoten absolvieren, jedoch nicht mit Menschen umgehen können oder einem Arbeitsdruck in der Branche die sie anstreben gar stand halten können. Ich denke das hierbei ein Eignungstest eine viel größere Aussagekraft hat als ein NC. Mir ist durchaus bewusst welcher Aufwand hinter so einem Verfahren steckt, jedoch könnte hiermit die Deutsche "Bildungselite" einen gewaltigen Schritt nach vorne machen. Ich denke das eine Bewerbung wie für einen späteren Job (abgesehen von den Noten) eine solide Basis darstellen sollte, welche unter anderem auch Soziales Engagement in der Schulzeit mit beinhaltet.
mori1982 15.07.2013
5. Abitur
Ich halte auch nicht viel vom Abitur. Ich habe nach meiner Bundeswehrzeit erst mein Abi gemacht, also ein Spätentschlossener. Anfangs hatte ich im Abi das Glück, das in meinem Leistungsfach mehrere Kurse angeboten wurden. Leider verabschiedeten sich immer mehr Mitschüler, so das der Leistungskurs auf 6 Schüler zusammen schmolz - Glück für mich, ich konnte mit meinem Wissen glänzen und der Unterricht war quasi ein Dialog zwischen Lehrer und mir. Die Schule aber legte zum folgenden Semester die Leistungskurse zusammen, plötzlich waren wir 30 Schüler. Bei 30 Schülern kann nicht ich immer als erstes rangenommen werden und irgendwann ist auch der letze Inhalt ausgequetscht, so das ich das Gesagte nicht wiederkäuen muss, um auf meine Leistung zu kommen. Im Gespräch mit dem Lehrer akzeptierte und verstand ich deshalb, das die mündliche Note von 15 Punkten auf 12 absank. Mein Lehrer wusste, das dieses Fach meine Leidenschaft ist und bot mir an, wenn ich darauf bestünde wieder 15 Punkte zu geben, aber das fand ich nicht richtig. Naja allgemein legte ich nicht viel Wert auf den Notendurchschnitt, der liegt mir auch immer noch fern. Nur bei der Bewerbung für einen Studienplatz merkte ich dann, wozu ein guter Durchschnitt nötig ist. Aber ich wäre nicht ich würde ich aufgeben, was man nicht auf dem Papier hat, hat man im Kopf ;) Allen Studienbewerber hilft das vielleicht: Mein jetziger Studiengang hat auch einen einser NC, ich habe mich daraufhin auf einen verwandten Studiengang beworben der ohne NC ist. Nach einem halben Jahr hätte ich schon zu dem NC Studiengang wechseln können, durch die vielen die aufhören oder garnicht erst das Studium an dieser Uni begonnen haben. Da aber einige Module über zwei Semester gingen, bin ich erst später gewechselt. Bis auf zwei Module, bei denen ich mich selber um die Anerkennung kümmern musste, wurden alle anderen automatisch anerkannt. Nun stehe kurz vor meinem Abschluss. Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist die Gerade. Liegt da aber ein Berg zwischen und man ist selbst nicht der beste Profisportler, kann man auch drumherum laufen - dauert zwar länger, aber man kommt auch als durchschnittlicher Schüler am Ziel an.
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