Numerus-Clausus-Flüchtlinge Wie Österreich deutsche Uni-Anwärter vergrätzt

In Österreich gilt eine strenge Quotenregel für Studierwillige aus dem Ausland, vor allem deutsche NC-Asylanten sollen draußen bleiben. Doch nicht für alle ist die Grenze zur Alpenrepublik so schwer zu überspringen: Einige Norditaliener gelten in Schulfragen sogar als Inländer.
Von Benedikt Mandl

Sie werden abgeschottet, die österreichischen Unis; abgeschottet gegen einen Ansturm von studierwilligen NC-Flüchtlingen aus dem Ausland. Mit Quotenregeln und Aufnahmeprüfungen begrenzt Österreich den Zugang zum Studium medizinischer Fächer - und das ziemlich streng. Doch für Studierwillige aus bestimmten österreichischen Nachbarstaaten sind die Grenzen durchlässiger als für andere. Besonders undurchlässig sind sie für deutsche Uni-Anwärter.

Sturm auf Wien: Studierwillige beim Medizin-Eignungstest

Sturm auf Wien: Studierwillige beim Medizin-Eignungstest

Foto: DPA

Doch gerade die drängen häufig an die Unis im südlichen Nachbarland - vor allem seit Österreich die Studiengebühren abgeschafft hat. Zudem ist der NC bei medizinischen Fächern hierzulande besonders niedrig.

Bei der Vergabe der begehrten Studienplätzen an EU-Ausländer wählt Österreich jedoch ziemlich willkürlich aus, unterscheidet zwischen erwünschten und unerwünschten Nachbarn: Italiener aus Südtirol haben deutlich bessere Chancen, in Wien, Graz oder Innsbruck zu studieren, als deutsche Bewerber aus Bayern oder Baden-Württemberg.

Für die Zulassung zählt weniger die Leistung, sondern die Herkunft. Wer im Süden der Alpen ausgewachsen ist, hat Glück, wer aus dem Norden kommt, nicht.

Wie die Ösi-Quote ausländische Uni-Anwärter benachteiligt

Möglich macht das eine ziemlich obskure Auslegung der eigenen Vorschriften: Schon seit 2006 reserviert Österreich 75 Prozent der Studienplätze in den Fächern Medizin und Zahnmedizin für Absolventen österreichischer Schulen; 20 Prozent gehen an Bewerber aus dem übrigen EU-Raum, die verbleibenden fünf Prozent sind für Bewerber aus dem Nicht-EU Ausland vorgesehen.

Ab kommenden Herbst gilt diese Quote auch für die Fächer Psychologie und Veterinärmedizin. Und deswegen müssen EU-Ausländer, also auch Deutsche, bei Aufnahmetests deutlich besser abschneiden als Österreicher. Schon das sorgte für Ärger, eine deutsche Uni-Anwärterin wollte dagegen klagen - vor dem Europäischen Gerichtshof, der Österreich schon einmal wegen diskriminierender Zulassungshürden verurteilt hatte.

Jetzt zeigt sich: Zu den 75 Prozent Inländern, für die die Zulassung deutlich leichter ist, werden auch großzügig Italiener, Liechtensteiner und Luxemburger hineingerechnet.

Während die beiden letzteren Gruppen kaum ins Gewicht fallen, ist die Zahl der italienischen Bewerber aufgrund der zweisprachigen Minderheit in Südtirol vor allem an der Uni Innsbruck traditionell hoch. Bis 2004 nahmen jährlich etwa hundert Südtiroler dort ein Medizinstudium auf. Zwar ist der Wert seither stark zurückgegangen, doch an der Ungleichbehandlung ändert das nichts.

Einige Bewerber sind gleicher als andere

Warum also gehen manche EU-Bürger als Österreicher durch, jedenfalls in Bildungsangelegenheiten, und andere nicht?

Seit 1965 gelten Zeugnisse für Personen mit einer "Nahbeziehung" zu Österreich als in Österreich ausgestellt - vor dem Beitritt zur Europäischen Union völlig rechtens. Seit 1997 räumt eine Vorschrift mit dem sperrigen Namen Personengruppenverordnung einigen Privilegierten Sonderrechte ein, etwa Diplomaten und Auslandsjournalisten samt Familien.

Ein Jurist, der im österreichischen Wissenschaftsministerium arbeitet, sagte SPIEGEL ONLINE: Für Italiener, die bestimmte deutschsprachige Schulen in Südtirol besuchten, heiße das, sie seien "den Absolventen österreichischer Gymnasien hinsichtlich des Studienzugangs gleichgestellt". Ähnliches gelte auch für Uni-Anwärter aus Südtirol, an deren Schule Ladinisch gesprochen wurde - eine Sprache, die von etwa 30.000 Menschen gesprochen wird, und damit nicht viel verbreiteter ist als etwa Nordfriesisch.

Ein Südtiroler, der Ladinisch und Italienisch spricht, hat damit viel leichter Zugang zur Uni Innsbruck als ein deutschsprachiger Bayer - obwohl beide unter Umständen nur wenige Kilometer von Innsbruck entfernt zur Schule gingen. Denn noch immer versteht sich Österreich als Schutzmacht der Südtiroler.

Als Österreich 1995 der Europäischen Union beitrat, verpflichtete sich das kleine Land dazu, Bürger aus anderen EU-Mitgliedsländern nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung zu benachteiligen. Dieses Prinzip gilt auch heute für die gesamte EU und bringt Österreichern viele Vorteile im Ausland, aber auch Verpflichtungen im eigenen. Verpflichtungen, die Österreich in Sachen Hochschulzugang seit nunmehr 14 Jahren nicht einhält.

Die EU hält still - mindestens bis 2012

In Brüssel verfolgt man die Entwicklungen genau. Denn die EU-Kommission hatte bereits im Jahr 2005 eine Klage gegen Österreich angestrengt, um jegliche Diskriminierung zu unterbinden. Die aktuelle Quotenregelung wurde im November 2007 in Brüssel zähneknirschend für die Dauer von fünf Jahren akzeptiert. Während dieser fünf Jahre muss Österreich nun belegen, dass der Ösi-Schutz gerechtfertigt ist.

Bis dahin will die EU-Kommission vor allem eines tun - abwarten. "Die österreichischen Behörden haben konstruktiv mit der Kommission zusammengearbeitet", sagt ein Sprecher von EU-Kommissar Jan Figel SPIEGEL ONLINE. Der Kommission sei die ungleiche Behandlung von Südtirolern und Luxemburgern bekannt. Doch "glaubt die Kommission, dass diese Umstände in einem breiteren Kontext gesehen werden müssen". Vor dem Ende der Fünf-Jahres-Frist wolle man weder über die Quote noch über Ausnahmeregelungen urteilen.

Aus Brüssel ist also kein weiterer Rüffel für Österreich vor 2012 zu erwarten. Klagen könnten darüber hinaus aber auch alle EU-Mitgliedsländer und betroffene Studienbewerber. Eine abgewiesene Deutsche hatte im letzten Wintersemester österreichische Medien mit einer entsprechenden Drohung in Aufruhr versetzt, letztlich aber nicht geklagt, da sie einen Studienplatz an einer deutschen Uni erhielt.

Diesen Herbst werden die Karten neu gemischt. Zwar soll es mehr Studienplätze geben, was die Chancen auf eine Zulassung für alle Bewerber erhöht, also auch für Deutsche. Allerdings wurden im letzten Herbst in Österreich die Studiengebühren abgeschafft, was zusätzliche Bewerber an die Unis Wien, Innsbruck und Graz locken könnte. Für NC-Fächer außer Medizin, Zahnmedizin, Veterinärmedizin und Psychologie gilt die Quote indes ohnehin nicht.

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