Zweifel am Numerus clausus So findet man bessere Mediziner

Ist der Numerus clausus für Medizin rechtens? Das Bundesverfassungsgericht ändert womöglich das bisherige Auswahlverfahren. Manche Unis wählen bereits jetzt anders aus - und setzen weniger auf die Abi-Note.

Anatomie-Vorlesung an der Universität Halle-Wittenberg (Archivfoto)
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Anatomie-Vorlesung an der Universität Halle-Wittenberg (Archivfoto)

Ein Interview von


Wer Medizin studieren will, braucht ein Top-Abitur, viel Glück im Bewerbungsverfahren und viel Zeit für lange Wartesemester. Die Studienplätze reichen hinten und vorne nicht, die Auswahl ist entsprechend streng. Ein Ärgernis, weil manch talentierter Schulabgänger keine Chance hat, und weil Zweifel daran bestehen, ob so die besten Mediziner gefunden werden.

Wird ab Dienstag alles anders? Dann entscheidet das Bundesverfassungsgericht, ob das Verfahren noch mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Alternative Konzepte gibt es längst, zum Beispiel experimentieren Medizinfakultäten in Hamburg und Augsburg mit Zulassungsverfahren, bei denen der Numerus clausus nicht mehr so wichtig ist.

An der Privatuni in Witten/Herdecke arbeitet man schon lange anders: In einem aufwendigen Interview-Marathon werden Bewerber auf ihre menschliche und wissenschaftliche Eignung überprüft. Kann das ein Vorbild für andere Hochschulen sein?

Im Interview empfiehlt der Wittener Medizinprofessor Stephan Roth das Verfahren. Aber auch für das Wittener Konzept gilt: Alles, was vom einfachen Numerus clausus abweicht, kostet viel Geld.

Zur Person
  • Helios Klinikum
    Stephan Roth ist Direktor der Klinik für Urologie in Wuppertal und hat den Lehrstuhl für Urologie an der privaten Universität Witten/Herdecke.

SPIEGEL ONLINE: Herr Roth, das Bundesverfassungsgericht prüft, welche Rolle die Abiturnote bei der Zulassung zum Medizinstudium spielen darf. Hatten alle guten Mediziner ein gutes Abi?

Roth: Sicher nicht, auch wenn ein gutes Abitur nicht schadet: Die Quote der Studienabbrecher in Medizin ist bei den Studenten mit gutem oder sehr gutem Abitur geringer. Aber mit dem Abi werden bei weitem nicht alle Eigenschaften geprüft, die später einen guten Arzt ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Medizin gilt als Fach mit viel Auswendiglernerei. Hat ein guter Abiturient nicht bewiesen, dass er viel Stoff bewältigt?

Roth: Selbstverständlich muss ein Arzt viel Fachwissen parat haben. Aber in meinem Klinikalltag macht das vielleicht noch zehn Prozent der Arbeit aus. Viel wichtiger ist, dass ich mich für die Menschen interessiere, die ich untersuche, und auch jenseits der klassischen Prüfschemata nach den Ursachen für ihre Beschwerden suche. Was mir spontan nicht einfällt oder schlüssig erscheint, das schlage ich nach oder beratschlage es mit Kollegen anderer Fachrichtungen. Entscheidend ist, dass ich die richtigen Fragen stelle.

SPIEGEL ONLINE: Sie legen in Witten/Herdecke viel Wert auf die Persönlichkeit der Bewerber. Warum?

Roth: Ich erinnere mich beispielsweise an eine Bewerberin, die mich sehr überrascht hat - weil sie eine Meinung vertrat, die ich nicht teile. Sie hat sie so schlüssig erklärt, dass wir sie gerade deshalb genommen haben. Wir sprachen über Pränataldiagnostik, also Untersuchungen am Fötus, mit denen wir feststellen können, mit welchen Behinderungen ein Kind später zur Welt kommt. Sie sagte: Hätte man bestimmte Untersuchungen bei ihrer älteren Schwester durchgeführt, hätte das wohl zur Abtreibung geführt. Sie aber verbindet mit ihrer Schwester großes Lebensglück in der Familie, daran haben deren Behinderungen überhaupt nichts geändert. Entsprechend abwägend und reflektiert konnte man mit ihr über das Thema sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Ist persönliche Betroffenheit oft nicht eher problematisch?

Roth: Nicht, solange die Kollegin als Ärztin damit professionell umgeht: Sie zeigte großes Verständnis für die Gegenmeinung. Wie problematisch solche Behinderungen für eine Familie sein können, muss man ihr ja nicht erklären.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ausführlich mit der jungen Frau diskutiert, bevor sie sich überhaupt eingeschrieben hat - das ist an anderen Hochschulen selten. Was sind die Besonderheiten ihres Bewerbungsverfahrens?

Roth: In allen Stadien legen wir Wert auf neugierige Bewerber, auf Reflektionsbereitschaft und auf eine Herangehensweise, die den Patienten als Mensch begreift. Unser Auswahltag besteht hauptsächlich aus medizinischen und ethischen Debatten. Die Bewerber sollen sich eine gut begründete Meinung bilden und erkennen, wo Probleme liegen, medizinisch, technisch, menschlich.

SPIEGEL ONLINE: Zeugnisse spielen keine Rolle?

Roth: Doch, als Hochschulzugangsberechtigung. Aber wir betrachten den Abiturschnitt nicht isoliert. Wir gucken: Welche Leistungskurse hatte ein Bewerber, wie hat er da abgeschnitten? Wenn das zur Medizin passt, wiegt das viel auf. Wird eine schlechte Note schlüssig begründet, hilft das ebenfalls.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende des Auswahltages diskutieren die Interviewer aus, wer einen Platz bekommt und wer nicht.

Roth: Wenn jemand in einem bestimmten Bereich einen Ausreißer nach oben oder unten hat, entscheiden wir in der Schlussdiskussion, welches Gewicht wir dem beimessen. Deswegen sitzen die Bewerber im Interview immer zwei Gesprächspartnern gegenüber, einem Lehrenden und einem Wittener Studenten. So berücksichtigen wir unterschiedliche Perspektiven.

SPIEGEL ONLINE: Besonders objektiv klingt das alles nicht.

Roth: Jeder einzelne Schritt des Verfahrens ist recht subjektiv, ja. Aber bei uns fließen viele subjektive Sichtweisen auf den jeweiligen Bewerber in einem Gesamtbild zusammen, das am Ende objektiver ist als die Abiturnote oder ein Multiple-Choice-Test. Wir gewinnen so gestaltungsfreudige Menschen, denen es liegt, problemorientiert zu lernen statt stumpf zu pauken. Das heißt, bei uns stehen konkrete Fälle im Mittelpunkt, mit denen wir die Theorie vermitteln. Ein Verfahren, mit dem wir in den Achtzigerjahren Vorreiter waren, und das andere Hochschulen später nachahmten.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Auswahlverfahren ist sehr personalintensiv. Ist das auf andere Hochschulen übertragbar?

Roth: Nach dem heutigen Personalstand: nein. Die Medizinfakultäten müssen sehr viel leisten, mehr als früher. Wenn dann die Ressourcen fehlen, wird oft zuerst am Auswahlprozess gespart. Die Abiturnote als Hauptkriterium ist bequem und billig.

SPIEGEL ONLINE: Und leicht nachvollziehbar, das müssen Sie zugeben.

Roth: Nur auf den ersten Blick. So unterschiedlich, wie die Schulnoten in den verschiedenen Bundesländern zustande kommen, ist das Abitur bestenfalls pseudo-objektiv.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es Verbesserungen geben?

Roth: Wenn das Bundesverfassungsgericht Vorgaben machen sollte, die den Einfluss der Abiturnote verringern, finde ich das richtig. Die Politik muss außerdem erkennen, dass ein besseres Auswahlverfahren einfach Geld kostet.

SPIEGEL ONLINE: Aber höhere Subventionen führen nicht automatisch zu besser geeigneten Bewerbern. Da ist die Hochschulfreiheit vor.

Roth: Das stimmt. Aber vielleicht könnten öffentliche Gelder mit der Verpflichtung verknüpft werden, eine bestimmte Zahl von Stellen der Bewerberauswahl zu widmen. Das wäre eine echte Investition: in weniger Studienabbrecher und bessere Ärzte.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
ambulans 18.12.2017
1. by the way:
und, ein prof von einer normalen, sprich: staatlichen uniklinik war "zufälligerweise" nicht zur stelle? immer noch dieser inzwischen völlig überflüssige privat-hype ...
badbentham 18.12.2017
2. Der NC und der voraussichtliche
zukünftige Ärztemangel: Da geht Vieles nicht zusammen. Ich begrüße ganz allgemein, dass nicht alleine ein Zeugnis, das allenfalls allgemeine Lernfähigkeit widerspiegeln kann, keinesfalls aber unbedingte fachliche Eignung, als Qualifikationsgrundlage herangezogen wird. Das wesentlich grundsätzlichere Problem, dass Universitäten aufgrund rein betriebswirtschaftlicher Überlegungen ihren individuellen Mangel verwalten, -ungeachtet des gesamtwirtschaftlichen Umfeldes und dessen Erfordernissen-, der dann an die Gesellschaft weitergereicht wird, löst dies noch nicht.
forumgehts? 18.12.2017
3. Solange
Krankenhäuser und Arztpraxen als Profit-Center gesehen werden, ist es eigentlich egal, aufgrund von welchen Kriterien jemand den Dr.-Titel oder Ausbildung in der Pflege erhalten hat. Das ausgebeutete Personal wird dort immer hauptsächlich unfreiwillige Sterbehilfe leisten.
m.m.s. 18.12.2017
4. Alternative Verfahren sind nicht automatisch ein Vorbild
Ein alternatives Bewerbungsverfahren führt nicht automatisch zu guten Ärzten. Es ist genauso unfair wie die NC-Bewertung, nur halt auf eine andere Art. Oft zeigt sich erst Jahre später wer wirklich ein guter Arzt ist. -- Nur 10% der Zeit für den medizinischen Inhalt in der Arbeit zu verwenden zeugt von einer schlechten Ressourcenverwendung. Da gibt es sehr viel Potenzial um zu delegieren, und mehr der Zeit dafür zu verwenden wofür studiert wurde. Im Bezug zu den hohen Kosten im Gesundheitswesen könnte hier die Politik ansetzen.
Ökofred 18.12.2017
5. Nc
Zitat von m.m.s.Ein alternatives Bewerbungsverfahren führt nicht automatisch zu guten Ärzten. Es ist genauso unfair wie die NC-Bewertung, nur halt auf eine andere Art. Oft zeigt sich erst Jahre später wer wirklich ein guter Arzt ist. -- Nur 10% der Zeit für den medizinischen Inhalt in der Arbeit zu verwenden zeugt von einer schlechten Ressourcenverwendung. Da gibt es sehr viel Potenzial um zu delegieren, und mehr der Zeit dafür zu verwenden wofür studiert wurde. Im Bezug zu den hohen Kosten im Gesundheitswesen könnte hier die Politik ansetzen.
Bei den staatlichen Unis spielt der NC nur noch bei 20% der Plätze eine Rolle. Den Großteil können die Unis nach eigenen Verfahren vergeben (unter Einbeziehung der Abinote). Da hätte ich von SPON etwas mehr Recherche zu diesem Thema erwartet.
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