Einkommensabhängige Gebühren OECD-Bildungsdirektor fordert Bezahlstudium

Studierende in Deutschland sollten sich an den Kosten ihres Studiums wieder beteiligen, fordert OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Sie sollen allerdings nicht sofort zahlen - und nur unter bestimmten Bedingungen.

Andreas Schleicher (Archiv): Facharbeiter zahlten "für das Studium der Kinder wohlhabenderer Eltern"
Jörg Carstensen/dpa

Andreas Schleicher (Archiv): Facharbeiter zahlten "für das Studium der Kinder wohlhabenderer Eltern"


Der Bildungsforscher und OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hat die Debatte über Studiengebühren wieder angefacht. Er sprach sich zum Start des Wintersemesters für nachgelagerte Studiengebühren in Deutschland aus. Das sorge unter anderem für mehr soziale Gerechtigkeit und eine höhere Qualität des Studiums, sagte er.

Deutschland gehöre zu den wenigen Staaten, in denen die Ausgaben pro Student in den vergangenen Jahren gesunken seien, sagte Schleicher der Nachrichtenagentur dpa. "Viele der Hochschulen verfügen nicht mehr über ausreichende finanzielle Mittel, um im Zeitalter der Massenuniversität wirklich qualitativ hochwertige Studienbedingungen zu gewährleisten."

Schleicher plädierte vor diesem Hintergrund für ein Modell der Studienfinanzierung wie in Australien oder England. Dort würden die Hochschulen über Studiengebühren finanziert, die einkommensabhängig nachgelagert seien.

Nach dem Modell erhalten Studierende ein staatlich garantiertes, unverzinstes Darlehen, aus dem sie die Studiengebühren bezahlen können. Zurückzahlen müssten sie erst - und nur dann -, wenn sie ein bestimmtes Einkommensniveau erreicht haben, sagte Schleicher.

"Sozial gerechter"

Nach Ansicht des OECD-Experten wären solche Studiengebühren sozial gerechter als das heutige gebührenfreie Studium. Denn Geringverdiener müssten sie gar nicht oder nur teilweise zurückzahlen. Absolventen mit "größeren privaten Erträgen" müssten hingegen "weniger öffentliche Subventionen erhalten". Beim gebührenfreien und aus Steuergeldern finanzierten Studium zahlten laut Schleicher am Ende "die Facharbeiter für das Studium der Kinder wohlhabenderer Eltern".

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen keine allgemeinen Studiengebühren erhoben werden - allerdings war das zwischenzeitlich bereits anders.

Die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Saarland hatten um das Jahr 2007 Studiengebühren von meist 500 Euro pro Semester eingeführt. Hamburg probierte unter der schwarz-grünen Stadtregierung auch das Modell der nachgelagerten Studiengebühren aus. Dabei werden fertige Akademiker nach ihrem Studium zur Kasse gebeten.

Bezahlstudium zurzeit nur für EU-Ausländer

Nach teils großen Studentenprotesten wurden die Gebühren nach wenigen Jahren wieder abgeschafft. Als letztes Bundesland hatte Niedersachsen das Bezahlstudium 2015 wieder gekippt. Gegner von Studiengebühren argumentieren unter anderem, dass sie gerade junge Menschen aus einkommensschwachen Familien von einem Studium abschreckten.

Zuletzt wurden Gebühren für ausländische Studierende debattiert und etwa von Baden-Württemberg eingeführt. Seit dem Wintersemester 2017 müssen Studenten, die nicht aus der EU kommen, dort 1500 Euro pro Semester zahlen.

Für fast drei Millionen Studenten in Deutschland beginnt am 1. Oktober das Wintersemester.

sun/dpa

insgesamt 122 Beiträge
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MisterD 30.09.2019
1. Schön, dass solche Ideen...
immer von Leuten kommen, die ihr kostenloses Studium längst abgeschlossen haben und auch nicht mehr in die Verlegenheit kommen werden, es im Nachgang teilfinanzieren zu müssen. Schleichers Vater ist bzw. war Professor... wir müssen langsam mal aufhören immer weiter auf die (gehobene) Mittelschicht einzuprügeln. Wir sollen doch schon heute: Ein Haus bauen, fürs Alter vorsorgen, den Kindern ihr Studium finanzieren, unsere Eltern pflegen bzw. die Pflege bezahlen. Nebenbei müssen wir noch konsumieren, damit die Wirtschaft weiterbrummt und weiterbilden neben dem Beruf sollen wir uns am Besten auch noch. Und jetzt also noch nachgelagerte Studiengebühren bezahlen. Danke nein, so treibt man die Mittelschicht immer weiter in die Arme von Rattenfängern am rechten Rand...
newliberal 30.09.2019
2. Es ist schon merkwürdig
für alles und jeden war in den letzten Jahren ausreichend Geld vorhanden, nur für die Bildung nicht. Jetzt wird nach der Klimasteuerkeule die Bildungsteuerkeule geschwungen. Aber finden alle irgendwie klasse. Na ja, have fun.
claudio_im_osten 30.09.2019
3. Natürlich ist das richtig.
Und auch nicht sozial ungerecht. Grundsätzlich sollte jeder zu den öffentlichen Bildungsaufwendungen nach seiner Leistungsfähigkeit beitragen. Ich kann verstehen, dass die Studenten gern etwas anderes wollen. Aber die derzeitige Praxis, die Hochschulen unterfinanziert mit dem Studierendenansturm alleine und damit letztlich auch die Studierenden im Regen stehen zu lassen, schadet allen Beteiligten.
vothka 30.09.2019
4.
Ich hab mein Studium auch selbst bezahlt - kann nur sagen: Davon geht die Welt nicht unter. Ich bin in sofern dafür dass man zumindest einen erheblichen Anteil tragen sollte damit die Zahl der nutzlosen Studiengänge wieder zurück geht. Es bringt einfach nichts Dauerstudenten durchzufüttern die nachher keine 30k verdienen
WilhelmMeister 30.09.2019
5. Da ist sie wieder,
die Zahnarzthelferin, die das Studium des Sohnes ihres Chefs bezahlt. Ein altes, aber dennoch richtiges Argument. Aber nur deshalb richtig, weil unser Spitzensteuersatz viel zu niedrig ist und Erbschaft und Vermögen völlig unzureichend bzw. gar nicht besteuert werden. Die Idee des Herrn Schleicher ist die typisch neoliberale Idee des gebührenfinanzierten Staates und dessen Leistungen können sich eben nur die Reichen leisten.
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