Ösis Titel-Schnörkel Jetzt bitte einatmen, Herr Diplomingenieur!

Satte 819 Titel gibt es in Österreich zu erlangen. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten über ihre Erfahrungen im Land der Bergräte und Honorarkonsuln - vom sperrigen "Bakkalaureus" über schwülstige Anreden bis zur Angst vor dem Doktor.
Von Benedikt Mandl

Mit Bologna sollte alles anders werden. Das Abkommen der EU-Partnerländer, das 1997 unterzeichnet wurde, soll internationale Standards im Hochschulwesen schaffen. Dazu gehört auch der Umstieg auf das Bachelor-Master-System nach angelsächsischen Vorbild, um den Studenten Europas mehr Flexibilität zu erlauben.

Weil das Wort "Bachelor" aber so englisch und durchaus vermeidbar ist, führten Hochschulen das dreijährige Basisstudium zum Teil als "Bakkalaureat" ein. In Deutschland blieb das die Ausnahme, in Österreich ist es die Regel - latinisiert also, sprachlich neutral, in die Titel "Bakkalaureus" für die Herren und "Bakkalaurea" für die Damen zu übersetzen. Fachhochschulen bevorzugten dagegen teils den viel trendigeren, zweifelsfrei kosmopolitischen "Bachelor".

Den Anfang wagten voller Pioniergeist die Universität Salzburg im Fach Biologie und die Wirtschaftsuniversität Wien. Schon bald nach der Umstellung im Jahr 2001 gab es die ersten Absolventen mit dem sperrigen Titel "Bakkalaureus" zu vermelden.

Ein angehängter Titel - dubios

Auch in anderer Hinsicht war die Bezeichnung ein Novum im Alpenland, gab es nun doch plötzlich einen Titel, sogar einen akademischen, international anerkannten, der ganz entgegen der Landessitte nicht vor dem Namen anzuführen war. Üblicherweise bestehen vor allem auf dem Land lebende ältliche Witwen darauf, wie zu K.u.K.-Zeiten mit "Frau Primar" angesprochen zu werden, um den Titel ihrer längst verstorbenen Gatten wie eine Standarte vor sich herzutragen.

So kurios war der neue Grad mit dem "Hintanstellen", dass das Dekanat der Naturwissenschaftlichen Fakultät in Salzburg extra in Abschlusszeugnissen darauf hinwies, ein "Bakk. biol." sei unter keinen Umständen vor dem Namen zu führen, sondern stets dahinter.

Das dachte auch Astrid Obermayer. 2002 hielt sie jenes Zeugnis in den Händen, das sie zu "Astrid Obermayer, Bakk. biol." ernannte. Einigermaßen erstaunt war die frischgebackene Biologin allerdings zwei Wochen später, als ihr erstmals ein Schreiben mit Unibezug ins Haus flatterte: Die Absolventenvereinigung mit dem selbstbewussten Namen "Alumni Club Salzburg" gratulierte zum Abschluss, warb um Mitgliedschaft und begann das Schreiben mit einem ehrerbietenden "Sehr geehrte Frau Bakkalaurea Obermayer!"

"Grüß Gott, Herr Diplomingenieur"

Vor ein paar Wochen hat sich SPIEGEL ONLINE schon einmal den Österreichern und ihrer Schwäche für schwülstige Anreden und Ehrentitel gewidmet. Worauf uns zahlreiche Leser begeistert eigene Erfahrungen berichteten, vornehmlich selbst Österreicher oder Deutsche, die in der Alpenrepublik leben. Sie unterschätzen beispielsweise die Notwendigkeit, den Titel präzise in ihre österreichischen Dokumente eintragen zu lassen.

"Als ich nach Wien kam, habe ich zu wenig Wert darauf gelegt, weshalb auf meiner Versicherungskarte 'Dipl.-Ing.' als Titel eingetragen wurde - der Österreicher kennt den Titel 'Diplom-Statistiker' nämlich nicht", schreibt Achim Zeileis aus Wien. Die Nachlässigkeit hatte Konsequenzen. Beim nächsten Arztbesuch vernahm Herr Zeileis alsbald auch das freundliche "Grüß Gott, Herr Diplomingenieur!" von seiner Ärztin, ein "Machen sie sich bitte frei, Herr Diplomingenieur", gefolgt von einem "Jetzt bitte einatmen, Herr Diplomingenieur" und zwangsläufig auch "Und jetzt bitte ausatmen, Herr Diplomingenieur".

"Da war's mir dann irgendwie zu viel. Ich habe gesagt, dass ich eigentlich kein Diplomingenieur bin, sondern ein Diplomstatistiker, aber dass das relativ egal ist, weil ich eh viel lieber einfach mit 'Herr Zeileis' angeredet würde." Aus war's. So etwas sagt man nicht im Kaiserrei... pardon, in der Republik Österreich. Fortan sprach Frau Doktor den verwirrenden Herrn Zeileis einfach nur noch mit "Sie" an, ohne weiteren Namen oder Titel.

Frau Diplomkaufmann gibt sich stur

"Seit meiner Promotion steht aber der 'Dr.' auf meiner Versicherungskarte und das Problem gibt es nicht mehr," berichtet Zeileis vom Happy End seiner Titel-Erfahrungen. "Jetzt haben die Ärzte dafür immer ein bisschen Angst, dass man ein Kollege sein könnte. Sie wirken immer recht erleichtert, wenn ich sage, dass ich Statistiker bin und an der Uni arbeite." Als "Univ.-Ass. Dipl.-Stat. Dr. rer. nat. Achim Zeileis".

Ein Leser aus der Steiermark weist auf einen etwas grotesken Streit zwischen Feministinnen und der Politikerin Waltraud Klasnic hin, die der steirischen Landesregierung vorstand - und zwar betont als "LandeshauptMANN". So laute der Titel schließlich, und eine künstliche Verweiblichung etablierter Titel lehnte die streitbare Landesmutter vehement ab.

Dabei ist sie in guter Gesellschaft: Elisabeth Gürtler, Chefin des Traditionshotels Sacher, lässt sich mit "Frau Diplomkaufmann" anreden. Diesen Titel hat sie sich seinerzeit durch ein Wirtschaftsstudium hart erarbeitet. Und nun steht sie auch dazu wie ein ganzer Mann.

Wenigstens der Adelsprädikate hat man sich schon nach dem Ersten Weltkrieg entledigt. Während das "von" in Deutschland Teil des edlen Namens wurde, ist es in Österreich nicht anzuführen. Seine kaiserliche Hoheit wurde zum Herrn Habsburg-Lothringen. Kaiserenkel Karl versagte sich die Chance, den schnöden Namen durch Titel auszuschmücken. Sein Studium der Rechtswissenschaft in Salzburg blieb ohne Abschluss.


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