Als Student in Österreich "Aber 'Grüß Gott' sage ich nicht!"

Mehr als 30.000 deutsche Studenten sind an Österreichs Unis eingeschrieben, Tendenz steigend. Von einer "Deutschenschwemme" ist die Rede. Wie lebt es sich als Piefke unter Ösis?

Daniel Sauer ist seit anderthalb Jahren in Wien
Florian Rainer/UNI SPIEGEL

Daniel Sauer ist seit anderthalb Jahren in Wien

Von Josef Saller


Beim Gruß hört für ihn der Spaß auf. Er verlangt im Supermarkt schon ein "Sackerl" statt einer Tüte. Er ordert an der Fleischtheke "zehn Dag Salami" statt 100 Gramm. Und er bestellt in der Kneipe "ein Krügerl" statt eines großen Biers. "Aber 'Grüß Gott' sage ich nicht", protestiert Daniel Sauer, der in Wien seinen Psychologie-Master macht. "Grüß Gott" klinge altbacken und passe schon deswegen nicht zu ihm, weil er es mit Gott und der Kirche nicht so habe. "Da bleibe ich dann doch lieber beim Hallo."

Bisher hat es dem 27-Jährigen nicht geschadet, dass er die geläufigste aller österreichischen Begrüßungsformeln so beharrlich ablehnt. Wahrscheinlich wird das auch so bleiben, aber in Österreich, wo man Fremden gegenüber seit Monaten eher skeptisch ist und auch als deutscher Student mittlerweile zu einer umstrittenen Spezies zählt, weiß man nie.

Weil jeder zehnte Hochschüler in Österreich einen deutschen Pass hat, ist schon von der "Deutschenschwemme" die Rede. Manch einer fordert sogar, die Zahl der "Piefkes", wie die Deutschen in Österreich despektierlich genannt werden, konsequent zu begrenzen. Ob den Worten auch Taten folgen, ist ungewiss. Klar ist jedoch, dass Sauer und viele andere der mehr als 30.000 deutschen Studenten in Österreich die Diskussionen verfolgen. Aber sind sie auch schon Anfeindungen ausgesetzt?

Die Uni in Wien hat 95.000 Studenten
REUTERS

Die Uni in Wien hat 95.000 Studenten

Sauer, der in Mainz sein Bachelorstudium absolvierte, ist seit Anfang 2015 in Österreichs Hauptstadt. Er kam, weil er in Deutschland nicht den gewünschten Masterplatz ergattern konnte. Er bekam aber eine Einladung zum Aufnahmetest in Wien - und bestand diesen mit Bravour. Sauer war einer von 32, die das schafften - zu vergeben hatte die Uni aber insgesamt 50 Plätze. Der Vorwurf, dass deutsche Studenten den österreichischen Kommilitonen etwas wegnehmen, trifft für den Mann aus Mainz jedenfalls nicht zu.

"Die Österreicher haben manchmal halt eine deftige Art"

Die Gründe dafür, dass immer mehr Deutsche ihr Glück im Nachbarland suchen, liegen auf der Hand. Es geht nicht nur darum, dass es ein großzügiges Angebot an Plätzen gibt, sondern auch um die räumliche Nähe zur Heimat und die Möglichkeit, weiter Deutsch zu sprechen. Außerdem gibt es keine Studiengebühren und kaum Zugangsbeschränkungen - dafür aber eine wunderschöne Berglandschaft und attraktive Städte. Bei einer Umfrage im Februar gaben 96 Prozent der Wiener an, mit der Lebensqualität in ihrer Heimatstadt zufrieden zu sein. Und eine Studie des Beratungsunternehmens Mercer kürte die österreichische Hauptstadt 2016 zum siebten Mal in Folge zur lebenswertesten Metropole der Welt.

Für Sauer ist Wien mittlerweile schlicht sein "Zuhause". Bevor er hierherkam, wusste er nicht viel über die Stadt. Er hatte von den prunkvollen Gebäuden, den vielen Museen und den Parks gehört, aber auch davon, dass die Österreicher ihre deutschen Gäste nicht immer sonderlich lieb haben. Bisher kam er ungeschoren davon, er erlebte nur einmal mit, wie sein Mitbewohner, der ebenfalls Deutscher ist, als "Scheißpiefke" beschimpft wurde und der Streit so weit eskalierte, dass beinahe die Fäuste geflogen wären.

Die Österreicher hätten manchmal halt eine "deftige Art", sagt Sauer, und eigentlich schätze er sie auch dafür. "Ein Österreicher setzt sich mittags einfach mal in ein Lokal, trinkt zwei, drei Weinschorlen, raucht ein paar Kippen und denkt nicht darüber nach - ich finde das gut."

Als er nach Wien kam, stand für Sauer fest, dass er nach dem Studium wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Jetzt ist er sich nicht mehr sicher. Er wohnt in einer Altbauwohnung mitten in der Stadt und bezahlt für sein 16-Quadratmeter-Zimmer etwa 400 Euro - weniger als für seine Bleibe in Mainz, die nicht ansatzweise so schön war. Außerdem gibt es Dutzende Bars, Ateliers und Restaurants in seinem Viertel, und zu den wichtigsten Kunstmuseen der Stadt geht er nur ein paar Minuten.

Rektor Heinz Engl hat kein Problem mit den Deutschen
Florian Rainer/UNI SPIEGEL

Rektor Heinz Engl hat kein Problem mit den Deutschen

Etwas entfernt von Sauers Wohnung sitzt Heinz Engl in seinem prunkvollen Büro, die Decken fünf Meter hoch, die Wände holzvertäfelt, der Schreibtisch wuchtig. Engl ist seit 2011 Rektor der Universität Wien, die mit 95.000 Studenten die größte Hochschule im deutschsprachigen Raum ist. Der Professor sieht in der hohen Zahl der deutschen Studenten "kein grundlegendes Problem", schließlich werde mittlerweile auch jeder dritte Wiener Lehrstuhl von Deutschen und Schweizern besetzt. Für ihn ist diese Entwicklung "eine ganz natürliche Konsequenz der europäischen Einigung".

Für problematisch hält es Engl allerdings, dass an den grenznahen Unis in Salzburg und Innsbruck aktuell mehr als zwei Drittel der Bewerber für ein Psychologiestudium aus Deutschland kommen. Das könne auf Dauer nicht funktionieren, sagt er, und daher halte er es in einigen Ausnahmefällen für unumgänglich, die Aufnahmeverfahren neu zu regeln.

Tatsächlich gibt es in einigen Fächern schon seit zehn Jahren Beschränkungen für Deutsche. 2006 führte die österreichische Regierung eine Quotenregelung für Human- und Veterinärmedizin ein: Drei Viertel der Studienplätze sind seither für Einheimische reserviert. Zudem wurden immer wieder Forderungen laut, ausländische Studenten dazu zu verpflichten, nach dem Abschluss eine Zeit lang in Österreich zu arbeiten: Wer auf Kosten des österreichischen Steuerzahlers studiere, müsse der einheimischen Bevölkerung etwas zurückgeben, wird argumentiert.

Österreich fühlt sich nicht so an wie ein anderes Land

Jasper von Bodenhausen, 23 Jahre alt, hat all diese Diskussionen verfolgt und wusste, dass es Vorbehalte gegen die Flut der deutschen Studenten gibt. Trotzdem wunderte es den Studenten der Theater-, Film- und Medienwissenschaften, was ihm am Anfang des Studiums passierte. Ein Kommilitone, mit dem er sich auf Anhieb gut verstand, "ignorierte mich total", nachdem er von Bodenhausens Nationalität erfuhr.

Der Vorfall mit dem Piefke-Hasser sei aber "eine absolute Ausnahme" gewesen. Bodenhausen fühlt sich wohl in Wien - und er ist auch nicht wegen eines zu schlechten Abiturschnitts gekommen, sondern wegen der Vielfalt, die die Stadt zu bieten hat. Er liebt die Opernhäuser, die vielen Theaterbühnen, die Studentenkneipen und die kreative Energie, die oft spürbar ist. Von der Dachterrasse seiner Wohnung aus kann er die ganze Stadt überblicken.

"Der Umzug von Göttingen nach Wien fühlte sich nicht an wie ein Umzug in ein anderes Land", sagt Bodenhausen. Anfang des Jahres, als er von einer mehrmonatigen Reise aus Ghana nach Wien zurückkam, traf er sich mit einem Freund, einem Österreicher. Auf die Frage, wie es denn so war in Afrika, sagte er, ohne groß nachzudenken: "Es war super, es ist aber auch schön, wieder in Deutschland zu sein!"

Philip Flacke kommt aus Osnabrück
Florian Rainer/UNI SPIEGEL

Philip Flacke kommt aus Osnabrück

Auch für Philip Flacke, der in Osnabrück geboren wurde, ist Österreich längst Heimat geworden. Seit 2012 wohnt er in Klagenfurt, studiert Psychologie und hat das lang gezogene "a" des Kärntner Dialekts längst verinnerlicht.

Flacke, der Hornbrille, Seitenscheitel und dichten Vollbart trägt, hat es als deutscher Student sehr weit gebracht: Der 36-Jährige ist der erste deutsche Bundesvorsitzende der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Politisch sieht sich Flacke "ein wenig links der Mitte". Den Numerus clausus nach deutschem Vorbild lehnt er ab, alle anderen Zugangsbeschränkungen ebenso, Quotenregelungen und Studiengebühren sowieso. Die einzige Lösung für ihn: mehr Geld vom Staat, mehr Geld für Bildung, für Professoren, Labors, Bibliotheken.

Dass er als Deutscher der wichtigsten Studentenvertretung Österreichs vorsteht, ist für Flacke nicht weiter erwähnenswert. Seine Herkunft, sagt er, sei ohnehin fast nie Thema gewesen. Auch nicht im Wahlkampf für die Studentenvertretung. Und wenn doch? "Na, wenn doch mal einer Piefke zu mir sagt, dann nenne ich ihn eben Ösi. Und dann sind wir auch wieder gut."

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insgesamt 171 Beiträge
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Illya_Kuryakin 05.09.2016
1. Österreich
Österreich ist mir von der Mentalität her näher als Ostdeutschland. Wäre ich wieder Student, fiele die Wahl 1000x eher auf Wien als auf z.B. Dresden.
hman2 05.09.2016
2. Dag?
"Er ordert an der Fleischtheke "10 Dag '10 Dag Salami' statt 100 Gramm." Vermutlich ordert er 10 Deka, das wird zwar SI-konform "dag" _abgekürzt_ (und steht daher so auf Schildern), aber in allen mir bekannten österreichischen Orten wird es "Deka" _ausgesprochen_. Dekagramm gibt es auch bei uns, nur ist es bei uns ungebräuchlich.
nibonar 05.09.2016
3. Genau so nicht
Ich lebe selbst seit 09/2009 in Österreich, zwei Semester als Student, seit dem als Angestellter. Und eines kann ich sagen: Die viel zitierte Deutschenfeindlichkeit ist vielmehr eine Integrationsverweigerer-Feindlichkeit. Genau solche Aussagen wie "'Grüß Gott' sage ich nicht" oder "Österreich ist für Deutsche kein Ausland" machen einen unbeliebt. Österreich ist sehr wohl ein anderes Land als Deutschland, auch von der Mentalität her und die Sprache ist eben auch nicht die selbe, sondern nur die gleiche. Ich erlebe das immer wieder von Deutschen, die in Österreich sind, dass sie recht eingebildet und herablassend auf Österreicher reagieren. Und jeder zweite Satz beginnt mit "Bei uns in Deutschland ist das aber...." Damit macht man sich echt keine Freunde. Integration ist das A und O. Dazu gehört eben mehr, als nur die Wörter zu verstehen. Die Sprache und die Mentalität, Umgangsform und so weiter ist eben in Österreich ganz anders als in Deutschland. Und wer das ignoriert, der wird nunmal Probleme kriegen. Völlig zu Recht, wie ich meine.
dj_bee 05.09.2016
4. Vielleicht sollten Sie noch ein paar Jahre in Wien bleiben,
dann geht ein kurzes "Tag!" oder auch mal ein "Grüß Sie! leichter über die Lippen. Hier in Wien braucht man Gott überhaupt nicht zu grüßen, es gibt aber ländliche Gegenden, da kommt es selbst eingefleischten Atheisten fast automatisch über die Lippen. Noch leichter geht's, wenn Sie statt einer (oder mehrerer) Weinschorle ein paar G'spritze zu Ihren Tschick trinken.. Und jja, für alle Fälle - im Eissalon keinesfalls ein Sackerl Eis bestellen.
Menschundrecht 05.09.2016
5. Ein Wiener im Himmel
---Zitat von den Studierenden:--- Als Student in Österreich: "Aber 'Grüß Gott' sage ich nicht!" ---Zitatende--- Und wenn zu Ihnen jemand 'Grüß Gott' sagt, dann antworten Sie 'Wenn ich'n treff'.'
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