Aufregung in Österreich Student erhält für rassistische Abschlussarbeit ein "sehr gut"

Ein österreichischer Student will mit seiner Bachelorarbeit den Einfluss der "Rasse" eines Menschen auf dessen Stimme belegen. Die Hochschule schließt bis heute aus, ihm den Titel abzuerkennen.

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Im Zuge der Skandale um Rechtspopulisten in Österreich gibt es derzeit besondere Aufregung um eine Bachelorarbeit aus Graz: Darin versucht ein Student, einen Zusammenhang zwischen der "Rasse" eines Menschen und dessen Stimme herzustellen. Der Mann, der in rechten Kreisen als Autor bekannt ist, hatte die Arbeit bei der Fachhochschule Joanneum eingereicht. Ein Gutachter bewertete sie im vergangenen Jahr mit "sehr gut".

Der Fall wurde erst jetzt durch einen Bericht des "Standard" bekannt - und erlangt in einer Zeit Brisanz, in der die rechtspopulistische FPÖ um den ehemaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache stark unter Druck geraten ist und Österreich neu über seinen Umgang mit Rechten diskutiert.

Die Bewertung des Gutachters: "sehr gut"

Der Grazer Student hatte die Arbeit mit dem Titel "Die innerartliche Variation des menschlichen Vokaltrakts und der Stimme" 2018 im Studiengang Logopädie eingereicht. Ein externer Gutachter, der laut der Fachhochschule inzwischen "wissenschaftlicher Mitarbeiter eines renommierten Instituts in Leipzig" ist, bewertete sie anschließend im Erstgutachten und befand sie als einwandfrei. Ein zweiter Gutachter überprüfte den Angaben zufolge danach nur noch die Zitate - und hatte ebenfalls nichts zu beanstanden.

Gleich zu Beginn seiner Bachelorarbeit, die im Internet abrufbar ist, schreibt der Student vom "Einfluss des genuin anatomischen Faktors Rasse". Weiter heißt es in der Arbeit etwa: "Es ist das eine, nach wissenschaftlichen Kriterien festzustellen, dass der Intelligenzquotient von Europiden (Europäern) im Durchschnitt höher ist als der von Negriden (Afrikanern) (...) und gleichzeitig niedriger als jener von Mongoliden (Ostasiaten) …".

Karl Peter Pfeiffer, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Fachhochschule, rechtfertigt sich gegenüber dem SPIEGEL: Er selbst habe von der Arbeit erst erfahren, nachdem der Student seinen Abschluss bereits erhalten habe. Ein Mitarbeiter habe ihn per Mail informiert. Daraufhin habe die Hochschule das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) um eine Einschätzung der Arbeit gebeten. Die Stiftung leistet seit Jahrzehnten Aufklärungsarbeit rund um das Thema Nationalsozialismus.

"Skandalös" und "rassistisch"

Der Text sei "skandalös" und "rassistisch", bescheinigte das DÖW in einem Gutachten. Auch sei der Autor in rechten Kreisen "kein Unbekannter": Unter anderem veröffentlichte er Texte in der rechtsextremen Zeitschrift "Neue Ordnung", die der österreichische Leopold Stocker Verlag verlegt.

Auch der Bruder des ehemaligen Studenten soll gute Kontakte in rechte Kreise haben. Als Chefredakteur einer Universitätszeitung hatte er einst versucht, ein Interview mit einem Mitglied der Identitären Bewegung abdrucken zu lassen, wie interne Protokolle belegen, die online zugänglich sind.

Trotz alledem bewege sich die Arbeit innerhalb des gesetzlichen Rahmens, urteilten die Gutachter. Allerdings: "Nur weil der Inhalt der Arbeit nicht strafwürdig ist, heißt das nicht, dass man sie veröffentlichen sollte," sagte Andreas Peham vom DÖW dem SPIEGEL.

Sein Institut habe der Hochschule in dem Gutachten nahegelegt, Konsequenzen aus dem Fall zu ziehen, sagte der wissenschaftliche Mitarbeiter. "Hätte die Fachhochschule die Verleihung des Bachelortitels angefochten, hätte sie wohl einen jahrelangen Rechtsstreit vor sich gehabt. Das wollten die Verantwortlichen offenbar verhindern." Für ihn liege der Skandal darin, dass die Arbeit überhaupt angenommen worden sei, sagte Peham.

"Keine rechtliche Handhabe"

Die Fachhochschule dagegen sieht sich hilflos: "Wir haben gegen den ehemaligen Studenten keine rechtliche Handhabe", sagte Pfeiffer. Denn rechtlich betrachtet sei die Arbeit einwandfrei. Ein Aberkennungsverfahren strebe die Hochschule daher nicht an.

Die Zusammenarbeit mit dem externen Gutachter, der keinerlei Zweifel an der Arbeit angemeldet habe, sei nach dem Vorfall sofort beendet worden, betonte der Geschäftsführer. Nach den ersten Medienberichten über den Fall hat sich die Fachhochschule auch öffentlich von dem Inhalt der Arbeit distanziert.

Auch der Erstgutachter distanziert sich inzwischen von der Arbeit. In einer Stellungnahme gegenüber dem SPIEGEL weist er "jegliches rassistisches Gedankengut" zurück. In die Themenfindung der Arbeit sei er nicht eingebunden gewesen und habe auch nichts von Verbindungen des Studenten in rechte Kreise gewusst. Er sei "entsetzt" über die Einschätzung des DÖW. "Mit diesem Wissen liest sich diese Arbeit jetzt sehr anders", schreibt der Gutachter.

In einem Schreiben an das DÖW vom vergangenen Jahr hatten die verantwortlichen Mitarbeiter der Hochschule noch ihre Hoffnung geäußert, das Thema vergessen zu machen. Es sei davon auszugehen, dass der Student "über ein gutes Netzwerk (juristisch wie medial) verfügt und dies möglicherweise noch unangenehmere Folgen hätte als die stille Akzeptanz der Arbeit", heißt es darin.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels war der Name des ehemaligen österreichischen Vizekanzlers und FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache falsch geschrieben. Zudem wurde Karl Peter Pfeiffer fälschlicherweise als Rektor der Fachhochschule bezeichnet. Diesen Posten hat er seit 2017 nicht mehr inne, heute ist er wissenschaftlicher Geschäftsführer. Wir haben die Fehler korrigiert.

Die Stellungnahme des Erstgutachters ging nach Erscheinen des Artikels beim SPIEGEL ein. Wir haben die entsprechende Passage ergänzt.



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