Fotostrecke

Protest in Wien: Alles, was ich will, ist alles

Foto: Benedikt Mandl

Österreichs Studenten Aufstand im Audimax

An Österreichs übervollen Unis gärt und rumort es. In Wien halten Studenten den Audimax besetzt. Ihnen geht es um ein freies Studium und den Verzicht auf Studiengebühren, deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge sind diesmal nicht das Problem. Die Unis basteln bereits an Zugangsschranken.
Von Benedikt Mandl

Spontan, nicht zentral organisiert und mit zart bolschewistisch angehauchten Parolen zogen einige hundert Studenten der Uni Wien am Donnerstag ins Audimax, den größten Hörsaal der Hochschule. Seither harren sie dort aus, mit Schlafsäcken, Bier, Pizza und viel Getöse. Auch in der Akademie der Künste in Wien und an der Uni Graz haben Studenten Hörsäle besetztet, in Linz wurde eine Besetzung von einer Studentenversammlung beschlossen. Für Mittwoch sind landesweit Studentendemonstrationen angekündigt.

Angetrieben werden die Besetzer und Demonstranten von ihrem Groll über miserable Studienbedingungen, die das Studentenleben in Österreich zunehmend beschwerlich machen: Die Unis der Alpenrepublik sind ausgelaugt, ihre Infrastruktur und ihr Personal hoffnungslos überbeansprucht.

Erstmals werden in diesem Wintersemester über 300.000 Studenten an den öffentlichen Hochschulen des Landes eingeschrieben sein, ein Zuwachs von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein im Fach Publizistik muss die Uni Wien mit 1400 Studienanfänger fertig werden.

Die Hauptgründe für den Massenandrang: der weitgehende Wegfall der Studiengebühren bei praktisch uneingeschränktem Hochschulzugang, dazu die Wirtschaftskrise und der Mangel an attraktiven Jobs. Aber auch die vielen deutschen Numerus-clausus-Flüchtlinge werden gern als Wurzel des Übels verdächtigt.

"Als Deutscher hat man überhaupt keine Probleme"

Indes werden auch dieses Jahr nur etwa sieben Prozent aller Studiosi Deutsche sein. Einen germanischen Ansturm gibt es in Österreich auch in diesem Jahr allenfalls punktuell, etwa für das Fach Psychologie in grenznahen Unis wie Salzburg: Dort stammen schon seit Jahren etwa zwei Drittel der Studienanfänger aus Deutschland.

"Als Deutscher hat man überhaupt keine Probleme an den Unis", sagt dazu Thomas Liebsch. Der Berliner kam vor vier Jahren nach Wien, um Politikwissenschaft und Publizistik zu studieren. Er meint, nationale Konflikte an den Unis seien nicht Teil des Malheurs um die Studienbedingungen sind: "Das stellen ausschließlich die populistische Presse und manche Politiker so dar."

Liebsch gehörte am Dienstag zu den Studenten, die sich besonders aktiv an den Diskussionen im besetzten Audimax beteiligten. Er betont, dass es sich um keine organisierte Besetzung handelt: Die Masse werde durch Bürokratie passiv, die laufenden Proteste seien spontan und impulsiv. Die etablierten Listen der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH), einer Art bundesweitem Asta, sind bislang bestenfalls Nebenakteure der Debatte.

Die Besetzer im Audimax sind ausgeprägt linkslastige Studenten, die im Kern drei Forderungen stellen:

  • einen vollkommen freien Hochschulzugang für jeden, der studieren will
  • die Studiengebühren nicht wieder einzuführen - und sie auch für Ausländer und Langzeitstudenten abzuschaffen
  • die Studienbedingungen mit deutlich mehr Geld zu verbessern

Hinzu kommt vereinzelt eher diffuse Kritik an "Bologna" und am Bachelor-Studium, das in Wien noch immer nicht in allen Fächern eingeführt ist, anders als an den meisten kleineren österreichischen Hochschulen. Manches davon erinnert an den Bildungsstreik deutscher Studenten im letzten Sommer.

"Seit Jahren hören wir vom Wissenschaftsminister, dass die Akademikerquote Österreichs zu niedrig ist, dass unser Land mehr für Bildung tun muss", sagt die Wiener Studentin Angela Libal. "Wenn dann aber Geld in die Hand genommen wird, dann ausschließlich für die Elitenförderung."

Der Vorwurf: Unis ekeln Studenten hinaus

Seminare mit beschränkten Teilnehmerzahlen und Barrieren bei der Anrechnung alter Zeugnisse beim "Zwangsumstieg" von Diplom- auf Bachelor-Studium würden von den Unis missbraucht, um möglichst viele Studenten hinauszuekeln, sagt Libal. Sie studiert Kunstgeschichte und engagiert sich für den "Verband Sozialistischer StudentInnen"; die Hochschulliste steht der SPÖ nahe.

Es war die Sozialdemokraten der SPÖ, die mitten im Wahlkampfsommer 2008 mit einer ad-hoc-Koalition im österreichischen Parlament die Studiengebühren kippten und sich heute gegen Zugangsbeschränkungen wehrt. Viele Studenten sehen diese Haltung mittlerweile kritisch, ist sie doch EU-weit in dieser Konsequenz einzigartig. Den Demonstranten im Wiener Audimax gilt dennoch Wissenschaftsminister Johannes Hahn vom Koalitionspartner der SPÖ, der bürgerlichen ÖVP, als primärer Gegner: Er tritt für leistungsbasierte Zugangsbeschränkungen für Master- und Doktoratsstudien ein und will auch die Studiengebühren wieder einführen.

In den letzten Tagen flackerten auch an anderen Hochschulen in Österreich Proteste auf. Hahn indes verwies in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" darauf, dass das Hochschulbudget für die nächsten drei Jahre um 17 Prozent erhöht worden sei. Für ihn liegt das Kernproblem bei der Konzentration der Studenten auf einzelne Studienrichtungen: 60 Prozent der Erstsemester fänden sich in nur zehn Prozent der Fächer ein.

Erste Unis wollen Zulassungsschranken herunterlassen

Zugangsbeschränkungen gibt es in diesem Wintersemester indes nur für die Fächer Human- und Zahnmedizin: Der Eignungstest gilt für alle Bewerber des Faches, bevorzugt aber Österreicher gegenüber Ausländern. 75 Prozent der Plätze gehen an Einheimische, 20 Prozent an Bewerber aus der EU und fünf Prozent an Bewerber aus Nicht-EU-Staaten. So kommt es vor, dass Deutsche trotz überdurchschnittlicher Testergebnisse nicht in Österreich Medizin studieren dürfen.

Wissenschaftsminister Hahn setzte sich zuletzt massiv für Zugangsbeschränkungen ein, ist aber bald den Ärger mit den aufmüpfigen Studenten los: Am Dienstag wurde er als Österreichs nächster EU-Kommissar präsentiert.

Schon nächstes Jahr wird die Lage an den Unis ganz anders aussehen. Letzte Woche haben mehrere Hochschulen angekündigt, einen sogenannten Notfallparagrafen im Universitätsgesetz nutzen zu wollen. Der erlaubt bei "unvertretbaren Studienbedingungen" eine Beschränkung der Studienplätze für besonders populäre Fächer wie Wirtschaft, Rechtswissenschaften und Publizistik.

Den Anfang machten die Universitäten in Salzburg, Klagenfurt und Wien, weitere dürften folgen und Zugangsschranken durch Aufnahmeprüfungen in diesen Fächern bald die Regel sein. Denn das Wissenschaftsministerium wird dafür wohl grünes Licht geben.

Dieser Schritt würde die Unis entlasten, doch darüber sind die Demonstranten wenig erfreut. Die Audimax-Besetzer harren weiter aus. Eine Zwangsräumung schließt der Rektor der Uni Wien derzeit aus, wenngleich der Sachschaden schon mehr als 100.000 Euro betragen soll - und das Audimax als Vortragsraum dringend benötigt würde. Denn es ist eng geworden an der Uni Wien.