Offener Brief "Wir fordern lückenlose und transparente Aufklärung"

Offener Brief österreichischer Wissenschaftler an die Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung Beatrix Karl (ÖVP). SPIEGEL ONLINE dokumentiert das Schreiben.
Adressatin Beartix Karl (ÖVP): Schutz des Wissenschaftsstandortes Österreich

Adressatin Beartix Karl (ÖVP): Schutz des Wissenschaftsstandortes Österreich

Foto: dapd

Mit diesem offenen Brief fordern der Philosophie-Professor Herbert Hrachovec, der Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich und der Plagiatsjäger Stefan Weber Österreichs Wissenschaftsministerin Beatrix Karl auf, offensiver mit dem Thema Plagiate umzugehen:

"Sehr geehrte Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung,

österreichische Massenmedien berichten im Gefolge des bundesdeutschen Falles Guttenberg über ungeklärte Plagiatsverdachtsfälle an österreichischen Universitäten. Mehrere Kommentatoren der Qualitätspresse werfen der österreichischen scientific community vor, dass sich diese bislang nur unzureichend mit der Aufklärung von derartigen Anschuldigungen beschäftigt hat.

Uns geht es darum, die ehrlich arbeitenden österreichischen Studierenden, insbesondere DiplomandInnen und DoktorandInnen, aber auch die Post-Docs und HabilitandInnen zu schützen. Deshalb ist es uns ein Anliegen, dass in Österreich keine etwaigen Fälle von Plagiarismus oder Fälschung in der Wissenschaft verharmlost oder gar komplett in Abrede gestellt werden. Wir fordern daher eine lückenlose und insbesondere transparente Aufklärung jener Fälle, die in den vergangenen Tagen die heimischen Medien dominierten (Dissertation von Johannes Hahn an der Universität Wien; Diplomarbeit von Karl-Heinz Grasser an der Universität Klagenfurt). Wir erinnern auch an den Fall der teilplagiierten Habilitationsschrift von Vizerektor Hubert Biedermannan der Montanuniversität Leoben und fordern auch hier eine transparente Aufklärung, die ein universitätsinterner "Weisenrat" hinter verschlossenen Türen unseres Erachtens nur unzureichend geleistet hat.

Wir fordern weiter, dass die Verfahren sowie die Ergebnisse dieser Begutachtungsprozesse transparent gemacht werden, idealerweise durch eine Publikation im Internet. Es kann nicht länger sein, dass mehr oder minder eindeutige Plagiatsstellen bereits als Faksimiles in Tageszeitungen auftauchen oder konkrete Funde von Wissenschaftlern im Netz dokumentiert werden, aber die Entscheidungsfindungsprozesse und eingeholten Gutachten der Universitäten völlig intransparent bleiben. Open review und ein transparenter Umgang mit wissenschaftlichem Wissen sollten auch und gerade dann gelten, wenn der Verdacht besteht, dass dieses Wissen womöglich auf unredliche Weise zustande gekommen ist.

Letztlich geht es um den Schutz des Wissenschaftsstandortes Österreich und um eine Qualitätsoffensive für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Es wäre zu diskutieren, ob diese hinkünftig viel weniger nach quantitativen Kriterien (wie Gesamtseitenzahl, Anzahl der Fußnoten und Literaturtitel etc.) und viel mehr nach qualitativen Kriterien (wie Originalität der Fragestellung, eigene Interpretationsarbeit etc.) verfasst und beurteilt werden sollten.

Schließlich möchten wir, dass das Doktoratsstudium in Zukunft primär jenen vorbehalten ist, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Eine Doktorarbeit vom bezahlten Ghostwriter oder einen Doktortitel für Visitenkarte und Türschild darf es nicht mehr geben, weder in Österreich noch anderswo. Aber auch Bachelor- und Diplomarbeiten müssen ihren Wert wieder erlangen, der im Moment durch die Plagiatsdebatte gefährdet ist.

Es geht um den Wert und den Sinn unserer wissenschaftlichen Arbeiten und auch darum, dass akademische Grade nicht allgemein entwertet werden."

Der Brief wurde hier veröffentlicht .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.