Olympiadorf München "Schöner wohnen"-Idylle mit Rissen

In Bonsai-Häusern, zwischen Grünpflanzen und Graffiti, leben 800 Studenten im preisgekrönten Münchner Olympiadorf. Doch schon bald könnten die Bagger rollen: Baut der FC Bayern nebenan ein neues Stadion, ist es vorbei mit der Idylle.

Von Andrea Leiber


Die Gruppenreisenden aus China und ihre Führerin sind fasziniert. Ein eigenes Häuschen für jeden Studenten - für platzsparend lebende Chinesen eine atemberaubende Vorstellung. Mit der Kamera halten sie fest, was sie sehen: reihenförmig angeordnete Minihäuser mit Dachterrasse und großer Fensterfront im ersten Stock, die Fassaden mit Grünpflanzen bewachsen oder mit Graffiti gestaltet.

Der Architekt Werner Wirsing führte Regie, als sich die Stadt München auf die Olympischen Sommerspiele 1972 vorbereitete und das Olympiadorf entstand. Das preisgekrönte Studentenviertel auf dem Oberwiesenfeld schaffte die Verbindung zwischen den weltbekannten Zeltdächern der Sportstadien und der mehrgeschossigen Wohnbebauung im Norden.

"Mir gefällt, dass hier jeder seine Haustür hinter sich zumachen kann, wenn er möchte", sagt die Medizinstudentin Janna, 20. "Gleichzeitig ist immer jemand da, wenn man jemanden braucht. Der soziale Zusammenhalt ist bei uns super."

Winzige Häuschen - trotzdem alles drin, alles dran

Wer hier lebt, möchte erst mal bleiben. 24 Quadratmeter Wohnfläche für 413 Mark warm: Dafür gibt es eine eigens entworfene, vorgefertigte Nasszelle aus Acrylglas mit Dusche, eine Kleiderkammer und einen Wohn- und Kochbereich, eine via Maisonettetreppe erreichbare kleine Galerie mit Schlaf- und Lernplatz. Plus Dachterrasse.

Winzig sind die Häuser, und dennoch entsteht nie der Eindruck von Enge. Die Spannung zwischen offenen und geschlossenen Räumen, zwischen direkter und indirekter Lichtführung und den Materialien Beton, Kunststoff, Holz könnte als Katalog von Glanzleistungen der Wohnbauarchitektur der sechziger Jahre dienen. Auch nach 30 Jahren ist die Funktionalität hoch aktuell. Die Wartelisten sind lang.

Nils Blond ist froh, ein Minihaus ergattert zu haben. Zuvor teilte der 29-jährige Sportstudent sich mit zwei Kommilitonen einen Wohnheimplatz - nicht nur aus Sachzwang, sondern auch, weil es seinem Temperament entsprach. Nun ist sein Haus immer offen. Seine zahlreichen Freunde sind stets willkommen, den Türschlüssel deponiert er im Freien.

Die Nachbarn sind stets willkommen

Ein besonderer Einrichtungs-Clou ist die Wanne auf der Dachterrasse, die über einen Gartenschlauch aus der Nasszelle mit warmem Wasser versorgt wird. Hier badet Nils, ganz egal zu welcher Jahreszeit. Und wenn er auf seinem Klavier Rockballaden spielt, kommen die Nachbarn nicht, um sich zu beschweren, sondern singen mit. Man kocht gemeinsam, feiert Partys oder lernt im Sommer gruppenweise im Freien. Daneben betreiben die studentische Selbstverwaltung und das Studentenwerk Clubs, ein Café, eine Bierstube und eine Disco.

Daisuke Mino, 20, und Tetsuya Sasabayashi, 22, sind seit einigen Wochen in Deutschland. Die Jurastudenten studieren ein Jahr lang an der Münchner Universität und teilen sich ein Haus. Den Besucher empfängt ein aufgeräumtes, eher spartanisches Interieur: Schreibtisch, Schlafcouch und Stuhl gehören ohnehin zur Grundausstattung jedes Minihauses. Hinzu kommen lediglich die beiden Laptops der beiden Japaner, Fachbücher und Geschirr. Unter der Decke trocknen Hemden und Strümpfe auf der Wäscheleine.

Für die Akklimatisatisierung brauchten Daisuke und Tetsuya trotz Sprachprobleme nicht lange. Als Gastgeschenke verteilten sie bedruckte Stoffschals freigebig unter Nachbarn und ersten Bekannten. Damit sorgten sie gleich zu Anfang für Anklang.

Raum ist in der kleinsten Hütte

Auch bei Katharina Schüller, 24, wirkt nichts überfüllt, obwohl sie jeden Winkel nutzt. Zu Beginn ihres Statistikstudiums wohnte sie allein. Dann kamen Ehemann Frank und die Kinder Bernhard, 4, und Valentina, 2, hinzu. Alles hat seinen Platz: zwei extra Kinderbetten, das Klavier, die Waschmaschine.

Dass die Familie sich immer noch 24 Quadratmeter teilt, hat nicht nur finanzielle Gründe. "Nirgendwo sonst könnten wir so zentral und trotzdem grün wohnen, mit U-Bahn-Anschluss und Ladenstrasse vor der Haustür", sagt Katharina, "Kindergarten und -krippe des Studentendorfs sind wenige Minuten entfernt. So schaffe ich mein Studium trotz der Kinder ohne Verzögerung. Und das Schönste ist, dass wir die Kleinen draußen laufen lassen können, das gesamte Areal ist autofrei."

Alles könnte so schön sein, dräute da nicht eine schwarze Wolke am Horizont. Denn der FC Bayern fordert vehement ein neues Stadion für die Fußball-WM 2006. Nur noch zwei Standorte sind im Rennen, und die Zentrale Hochschulsport-Anlage ist einer davon. Würde das Projekt beschlossen, entstünde am Rand des Olympiadorfs ein monumentaler Komplex, 50 bis 80 Meter hoch. Die Folgen: massive Veränderungen zum Beispiel der Verkehrsströme und der Lärmbelastung.

"Unmöglich!", sagt Werner Wirsing, der in seinem Architekturbüro im Olympiazentrum nach wie vor Studentenwohnungen plant. "Ein solcher Eingriff in ein bestehendes Ensemble - undenkbar." Die Einwohnerversammlung hat denn auch einstimmig beschlossen, notfalls bis vor das Bundesverwaltungsgericht zu ziehen.



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