Fotostrecke

Moocs an Hochschulen: Alles online, oder was?

Online-Seminare an Unis Tablets raus, Massenarbeit!

Sie könnten die Hochschulbildung revolutionieren: Moocs, Online-Seminare für Tausende Studenten. Das deutsche Startup Iversity bietet solche Massenkurse an - und träumt vom digitalen Erasmus für alle.
Von Daniel Kastner

Das Universum ist schwarz und lila. Rechts rauscht ein Zeitstrahl vorbei, links Bilder aus der Weltgeschichte: Alexander der Große, Luther, Ludwig XIV., die Musik klingt so dramatisch, dass man schon Guido Knopp erwartet - Schnitt. Professor Reiner Leng von der Uni Würzburg, kariertes Sakko, ergrauter Bart, begrüßt die Teilnehmer im Telekolleg-Ambiente zur Lehrveranstaltung "Einführung in die Geschichtswissenschaft". Rechts neben dem Videofenster ploppen Quizfragen auf, obendrüber stehen Dokumente zum Download bereit.

Professor Lengs Video läuft auf der Webseite von Iversity . Das Berlin-Brandenburger Startup stellt seit Anfang des Jahres sogenannte Moocs online, "Massive Open Online Courses", frei zugängliche Onlinekurse. Moocs pflügen die Bildungslandschaft um, seit die Uni Stanford Ende 2011 den ersten Kurs online stellte: "Einführung in die Künstliche Intelligenz". 160.000 Leute weltweit meldeten sich an. Die "New York Times" erklärte 2012 zum "Jahr der Moocs", 2013 schwappte der Trend nach Europa, und erst vor drei Wochen lobte ein EU-Bericht Moocs ausdrücklich als "Teil einer Innovationswelle in der höheren Bildung" (hier der Bericht als pdf-Datei ). Dementsprechend viele Plattformen kämpfen inzwischen neben Iversity um Aufmerksamkeit und neue Nutzer: openHPI  zum Beispiel, Coursera  oder Udacity .

"Digitaler Erasmus für alle"

Als der Stanford-Mooc online ging, hatte Iversity in Bernau bei Berlin gerade sein erstes Büro bezogen, gefördert vom Land Brandenburg. Seitdem registrierte die Firma etwa 700.000 Kurseinschreibungen, vor kurzem hat sie eine Etage im ehemaligen Humboldt-Umspannwerk im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg bezogen. Mit seinen Spitzbogen-Toreinfahrten erinnert der wuchtige Backsteinbau an eine Kathedrale, der Weg nach drinnen führt vorbei an einem Wachmann mit Barrett und durch ein Drehkreuz.

Im weitläufigen dritten Stock sitzen etwa 25 Leute an Computern, telefonieren Hochschulen ab oder passen frische Moocs an die Webseite an. Bis vor Kurzem arbeiteten hier viermal so viele Menschen - da hatte der Online-Schuhhändler Zalando noch das ganze Gebäude gemietet. Jetzt sind es ein paar weniger, aber mit ebenfalls sehr ambitionierten Plänen: Iversity-Geschäftsführer Hannes Klöpper träumt von nichts weniger als einem "digitalen Erasmus für alle".

Der könnte so aussehen: Ein Student ist an einer Berliner Uni eingeschrieben. Manche Kurse sind schon voll, andere interessieren ihn nicht. Also meldet er sich statt dessen bei einem Mooc der Uni Marseille, Tallinn oder Prag an, schreibt die Abschlussklausur mit oder verfasst eine Hausarbeit. Besteht er die Prüfungen, dann erkennt die Heimatuni die Leistungsnachweise an - denn dafür gibt es Credit Points nach dem europäischen ECTS-System. Bologna lässt grüßen.

Mooc statt Abendkurs

Damit das kein Traum bleibt, bastelt Iversity gerade an einem europäischen Mooc-Verbund, der 2015 starten soll. Bis zu 50 Unis unter anderem in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und Polen sollen sich daran beteiligen, Iversity will den Verbund koordinieren und vermarkten. Klöpper rechnet so: "Für 100.000 Euro kann man mehrere Kurse entwickeln. Wenn jede Uni im Verbund drei produziert, können ihre Studenten auf 150 Moocs zugreifen." Bei Investoren verfängt die Idee des 30-Jährigen: Im Oktober steckte ein Konsortium unter Führung der Telekom-Tochter T-Ventures eine Million Euro in Iversity.

Co-Geschäftsführer Sander Nijssen sieht Moocs auch als Chance für Schwellenländer wie China oder Indien - aber nicht nur: "In den westlichen Ländern wird Bildung momentan immer teurer, weil immer mehr Leute studieren", sagt der 34-Jährige. "Die Hochschulen brauchen mehr Dozenten, mehr Tutoren und mehr Räume." Moocs könnten Bildung auf lange Sicht billiger machen, glaubt er. Und im Berufsleben könnten sie eines Tages an die Stelle von Abendkursen und Wochenendseminaren treten. Nijssen bringt Startup-Erfahrung aus seiner niederländischen Heimat mit: Seine Firma stellte dort Zapfsäulen für Elektroautos auf.

Für den einzelnen Studenten wird Bildung à la Iversity vorerst aber teurer: Seit September berechnet die Firma 149 Euro für ein Zertifikat mit fünf ECTS-Punkten, einzelne Kurse kosten noch mehr. Wer keine Abschlussprüfung schreiben möchte, kann weiterhin kostenlos die Kurse besuchen. "Wir wollen jetzt erst mal die Akzeptanz testen", sagt Hannes Klöpper. Vorher haben Dozenten und Unis ihre Moocs quasi ehrenamtlich veranstaltet. Iversity zahlte ihnen nichts dafür, bettete Videos, Dokumente und Prüfungen im Gegenzug aber kostenlos in ihre Webseite ein.

Im Moment laufen dort 13 Kurse. Wenn der Verbund steht, wird Professor Leng bald viel Gesellschaft bekommen.