Orchideenfach Onomastik Auf dem Friedhof der Wörter

100 Studenten belegen in Leipzig als Nebenfach Onomastik. Das klingt irgendwie anstößig, bedeutet aber Namenforschung. Wenn es schlecht läuft, taugt das Studium am Ende nur für persönlichere Weihnachtsgeschenke.

Von Carsten Heckmann


Wenn Professor Jürgen Udolph die Überlegenheit seines Faches demonstrieren möchte, lässt er einen Schlüssel fallen. "Sehen Sie, der ist unbeschriftet. Wenn den in 1000 Jahren ein Archäologe findet, kann der vielleicht feststellen, welcher Volksgruppe ich angehörte, woher ich kam?" Nein, das könne er nicht. Stoße hingegen ein Namenforscher wie er selbst auf einen 1000 Jahre alten Namen, dann könne der solche Aussagen durchaus treffen. In alten Namen fänden sich immer für die Herkunft verräterische Laute, vor allem Nachsilben - sozusagen die Grabsteine auf den "Friedhöfen der Wörter", wie Udolph Namen gerne definiert.

"Jeder Name ist eine Geschichtsquelle", sagt der 57-Jährige. Damit rechtfertigt er die Existenz des Lehrstuhls, den er besetzt. Es ist der einzige deutsche Lehrstuhl für Onomastik, Namenforschung, angesiedelt am Institut für Slavistik der Universität Leipzig. Dort kann man Onomastik als Magister-Nebenfach belegen. Zwei Lehrkräfte kümmern sich um die derzeit 100 Studenten, neun Lehrveranstaltungen werden angeboten.

Diese Zahlen ergeben den "Exotenfaktor", den einige Studenten als wesentlichen Grund für ihr Onomastik-Studium nennen. Aber nicht als einzigen Grund: "Es ist ein spannendes Fach", meint Rainer Müller. "Wir verfolgen anhand der Veränderungen von Ortsnamen die Siedlungsgeschichte nach, sind unmittelbar daran beteiligt zu beweisen, woher die Germanen kamen."

Die Studenten wühlen sich durch allerhand Archive

Die Beteiligung an Forschungsprojekten schätzt auch Sandra Berndt: "Du arbeitest mit, während du lernst." Dafür müssen sich die Studenten allerdings durch allerhand Archive wühlen, urkundliche Belege sind gefragt. Ein günstiger Nebeneffekt des Studiums: Man kann Freunden und Verwandten die Herkunft ihrer Namen erklären. "Da ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für persönlichere Weihnachtsgeschenke", meint Franziska Menzel.

Die allgemeine Neugier, zu erfahren, was der eigene Name bedeutet, nutzt auch Professor Udolph aus, zur Werbung in eigener Sache und für die Namenforschung als interessantes Orchideenfach. Von Montag bis Freitag erklärt er den Hörern des Berliner Senders Radio Eins jeden Mittag die Herkunft eines Familiennamens. "Die Verknüpfung von Wissenschaft mit öffentlichem Interesse ist mir wichtig", sagt Udolph, der den Job als Orchideenpfleger erst im vergangenen Wintersemester angetreten hat.

Enge Verbindungen zum Sprachstudium

Die Studenten freuen sich über die mediale Präsenz ihres Profs. Ebenso wie über Seminare, in denen der Name des neuesten Opel-Modells debattiert und Berlin als "Sumpfort" entlarvt wird. "Wir beschäftigen uns eben nicht nur mit den Friedhöfen", sagt Dr. Dietlind Krüger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl.

Onomastik kann sich gerade für Studenten auszahlen, die als Hauptfach eine Sprache studieren. Die Verbindungen sind naheliegend. So will Französistik-Studentin Franziska Menzel in diesem Jahr mit ihrer Magisterarbeit über Personennamen in den Werken Balzacs beginnen. Auch Historiker machen einen großen Teil der Onomastik-Studenten aus. Kommen kann erst mal jeder, völlig unverbindlich. Noch bis zu drei Wochen nach Semesterstart kann man sich einschreiben.

Brotlose Kunst? Da ist schon was dran

Eine mögliche Motivation fällt aber von vornherein aus: die Aussicht auf einen gut dotierten Job. Selbst Professor Udolph meint, am Begriff der "brotlosen Kunst" sei "schon etwas dran". Dennoch träumen einige Studenten davon, sich als Namenforscher selbständig zu machen. Oder in den Medien in die Fußstapfen ihres Professors zu treten.

Geschichtsstudent Rainer Müller sieht seine Zukunft nicht unbedingt als Onomast. Ihm reichen schon kleine Freuden: "Zum Beispiel kann ich etwas auf das dumme Geschwätz der Nazis entgegnen." Die beziehen sich in Leipzig gerne auf den Namen eines Stadtteils und rufen: "Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher." Dumm nur, dass "Leutzsch" nicht germanischen, sondern sorbischen Ursprungs ist.



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