Mit 24 ins Kloster Strahlende Nonne

Sie wird nicht heiraten, keine Kinder bekommen, auf Besitz größtenteils verzichten und jeden Tag mindestens vier Stunden beten. Die 24-jährige Martha wird Nonne. Warum?

Thekla Ehling

Martha, 24, studiert Französisch und Spanisch an der Universität in Essen. Sie sieht aus, wie eine Studentin eben aussieht: Chucks, Jeans, Pullover. Lange braune Haare, dezent geschminkt. Sie besucht aufregende und langweilige Vorlesungen, ärgert sich über die Gerichte in der Mensa, diskutiert im Seminar, sitzt in der Bibliothek und trifft sich mit Freunden zum Kaffeetrinken und Quatschen.

Wenn die Uni aus ist, fährt sie aber immer häufiger nicht ins Wohnheim oder zu ihren Eltern. Sie nimmt stattdessen den Zug von Essen nach Köln, dann weiter mit der Straßenbahn in den Süden der Stadt, die letzten Meter geht sie zu Fuß zu einem mächtigen Backsteingebäude, das über hundert Jahre alt ist. Sie hält an vor einem schweren Holztor und klingelt bei den Menschen, die hinter dem Tor nach einer Losung leben, die aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus stammt: "Ora et labora" - "Bete und arbeite". Hinter dem Tor, hier, im Kölner Benediktinerkloster "Von der Ewigen Anbetung des Allerheiligsten Sakraments", wird Martha bald einziehen.

Kaum einer ihrer Kommilitonen oder Dozenten weiß, wohin Martha nach der Uni oft fährt - und wohin sie endgültig umziehen wird, in wenigen Monaten, wenn sie das Examen bestanden hat. Kaum einer weiß, dass sie Nonne werden wird. Dass sie der Liebe zu Christus nichts auf der Welt vorziehen will, genau so, wie es die Benediktiner in ihren Regeln festlegen. Dass sie ehelos und gehorsam leben wird, sich auf das Notwendige beschränken möchte und auf persönliches Eigentum und Geld verzichten müssen wird.

Mit der Pubertät kamen die Zweifel

Aber warum denn nur, Martha? Warum wirst du Nonne?

Sie erzählt zuerst von ihren Eltern. Sie und ihre vier Geschwister wurden christlich-katholisch erzogen, sie hat als Kind gelernt, wie und was man betet. Sonntags ging die Familie in die Kirche. Mit der Pubertät kamen die Zweifel. Der Glaube spielte im Leben ihrer Klassenkameraden und Freundinnen kaum eine Rolle, in der Schule lernte sie die Evolutionstheorie kennen, Lehrer kritisierten die Kirche. Und Martha? Sie wollte nicht anders sein als die anderen. Die sonntäglichen Gottesdienstbesuche wurden zur Pflicht, zu einem Ritual, an dem sie ihrer Familie zuliebe teilnahm. Mit ihren Eltern sprach sie nicht über ihre Gedanken, zu groß war die Angst, sie zu enttäuschen.

2007, als Martha 17 Jahre alt war, ging sie für vier Wochen weg, nach Paris, um ihr Französisch zu verbessern. Eine Bekannte ihrer Mutter hatte ihr ein Zimmer in einem christlichen Wohnheim vermittelt. Dort, umgeben von anderen Gläubigen, kehrte Martha zur Religion zurück. Sie erzählt von einer Messe in Notre Dame, davon, dass sie wieder mehr in der Bibel zu lesen begann. Sie nennt es "das Gefühl" - eines, das ihr sagt, dass sie ihr Leben Gott und Jesus widmen soll.

Zurück in Deutschland verdrängte sie das Gefühl. Sie schwieg auch gegenüber Freunden und Familie. Das, was mit ihr passierte, passte nicht in ihren Lebensplan. Der sah Familie und Kinder vor, vielleicht eine Stelle als Lehrerin - ein Leben, wie es sich auch ihre Freundinnen vorstellten.

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2009, als sie im zweiten Semester war, fuhr sie zusammen mit einer Freundin in den französischen Pilgerort Taizé und spürte dort, sagt sie, inmitten von Gläubigen, erneut und stärker als je zuvor, dass sie ihr Leben Gott widmen will. Dass sie Nonne werden will.

Zuerst vertraute sie sich einer ihrer Schwestern an, dann ihrer Mutter und ihrem Vater. Die Eltern reagierten positiv, aber sie hatten Angst davor, ihre jüngste Tochter zu verlieren.

Mit dem Eintritt ins Kloster wird Martha eine neue Familie bekommen, sie wird nicht mehr täglich mit Vater oder Mutter sprechen können oder sie regelmäßig sehen, zum Abendbrot etwa. Anders als ihre Eltern konnte vor allem Marthas älteste Schwester die Entscheidung nicht nachvollziehen: Sie warf Martha vor, sie wolle vor der Realität flüchten.

"Ich kann so sein, wie ich bin"

Knapp 20.000 Nonnen oder Ordensfrauen leben heute noch in Deutschland - die Gemeinschaften werden Jahr für Jahr kleiner. Dass eine Frau, die so jung ist wie Martha, sich für ein solches Leben entscheidet, ist eher eine Ausnahme. Der Benediktinerorden, in den sie aufgenommen wird, liegt zwar mitten in der Großstadt Köln, er ist umgeben von Wohnhäusern und Supermärkten, aber er wirkt auf Besucher wie eine andere Welt. Fremde dürfen nur den vorderen Teil des Klosters betreten. In die Klausur, den abgeschlossenen Teil, gelangen sie nicht. Hier wohnen und leben die 26 Frauen aus drei Generationen. Die Zimmer sind einfach und zweckmäßig eingerichtet. Schon jetzt verbringt Martha hier viele ihrer Wochenenden und große Teile der Semesterferien. Sie lernt im Kloster für die Prüfungen, sie entspannt sich und wird langsam Teil der Gemeinschaft. Sie sagt: "Hier fühle ich mich geborgen. Ich kann so sein, wie ich bin."

Bald wird Martha sich ein eigenes Zimmer einrichten, und spätestens dann ist das Leben, wie sie es bisher kannte, an einem Ende angelangt. Was sie besitzt, hat sie in Gedanken schon aufgeteilt. Den Schmuck bekommt ihre Schwester. Alles andere, was ihr lieb und teuer ist, wird sie verschenken oder bei den Eltern im Keller verstauen.

Ein wenig Kleidung nimmt sie mit ins Kloster, schließlich sind auch Nonnen ab und zu ohne den Habit, die Ordenstracht, unterwegs. Ein paar Andenken werden sie an ihre Vergangenheit erinnern: das T-Shirt vom Abitur und eine kleine Zeichnung, auf der in chinesischen Schriftzeichen ihr Name steht. Viel mehr wird es nicht sein. Wenn sie in Zukunft einen neuen Mantel braucht, eine Creme oder ein Buch, bekommt sie das Geld vom Kloster.

Früher, sagt Martha, habe sie viel Wert auf ihr Aussehen gelegt. Das hat an Bedeutung für sie verloren: "Man ist vom Glauben abgelenkt, wenn man Dinge im Überfluss hat", sagt sie.

Vier Stunden beten pro Tag

Ihren Alltag hinter den Klostermauern kennt Martha schon, er ist genau geplant: Fünf Gebete strukturieren den Tag von morgens bis abends, rechnet man sie zusammen, dauern sie rund vier Stunden. Das Beten sei das Herzstück ihres Lebens, sagen die Schwestern vom Orden der Benediktiner. Im Kloster gibt es eine Pinnwand, an der Besucher ihre Bitten und Wünsche hinterlassen können. "Ich bin mir sicher", sagt Martha, "dass Gott niemanden ohne Antwort lässt. Auch wenn es manchmal etwas dauert."

In den restlichen Stunden des Tages pflegen die Schwestern den Garten, sie bereiten das Essen vor, backen Hostien. Im Einzelfall arbeiten Schwestern auch außerhalb des Klosters. Martha könnte ihr Referendariat machen und später stundenweise als Lehrerin arbeiten. Ein geistliches Leben schließt weltliche Aufgaben nicht aus. Das ist sogar gewollt. Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist übrigens Voraussetzung, um ins Kloster einzutreten, als Rückversicherung.

Ab und an haben die Schwestern einen Nachmittag frei, dann gehen sie ins Schwimmbad, machen Radtouren, spazieren am Rhein, telefonieren mit Freundinnen und surfen im Internet. Es gibt einen Fernseher im Kloster, auf dem alle gemeinsam ihre Lieblingssendungen anschauen: "Tatort" zum Beispiel oder Fußball. In ein Kloster einzutreten bedeutet auch heute, sich einschränken zu müssen und Dinge zu entbehren - aber es ist nicht mehr ein Ort neben der Welt. Eine Sache fällt Martha ein, die sie schon jetzt vermisst: Den Latte Macchiato, mit dem sie sonst in den Tag startet, gibt es im Kloster nicht.

Martha hat sich für einen Lebensweg entschieden, der den meisten anderen in ihrem Alter fremd ist. Was, wenn eines Tages doch der Moment der Reue kommt?

Sie überlegt, wird kurz still.

"Ich weiß nicht, wie ich das alles in zehn oder fünfzehn Jahren sehen werde", sagt sie. "Wenn man etwas Neues anfängt, bleibt man natürlich nie ganz ohne Zweifel. Aber wenn das Herz 'ja' sagt, ist es das Richtige. Ich lege mein Schicksal in Gottes Hand und warte, was passiert."



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