Oscar-Gewinner aus Hamburg And The Winner Is...

Von Hamburg nach Hollywood: Wie aus dem Regiestudenten Florian Baxmeyer ein Oscar-Gewinner wurde.


Da steht er nun, dunkles Sakko, gestreiftes Hemd, wacher Blick, und hat alles richtig gemacht: sein Soziologiestudium abgebrochen; Umzug von Köln nach Hamburg; dort gelernt, wie man Filme dreht. Genauer: wie man erfolgreiche Filme dreht. Denn Florian Baxmeyer muss auf die Bühne des Samuel Goldwyn Theater in Los Angeles, um sich einen Preis für den besten ausländischen Studentenfilm des vergangenen Jahres abzuholen - den Oscar.

Seit 30 Jahren ehrt die "Academy of Motion Picture Arts and Sciences", verantwortlich für das alljährliche Oscar-Spektakel im März, auch Filme von Studenten. In der Ahnengalerie der Hochschulpreisträger finden sich heute weltberühmte Filmemacher wie Spike Lee ("25 Stunden"), Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft") und John Lasseter ("Toy Story") sowie - in der Kategorie "Foreign Film Award" - auch einige Deutsche, darunter "Good bye, Lenin!"-Regisseur Wolfgang Becker, Sieger von 1988. Das verpflichtet.

Florian Baxmeyer, 28, hat den Studenten-Oscar 2003 für "Die rote Jacke" gewonnen, einen 20-minütigen Film, den er zum Abschluss seines zweijährigen Regiestudiums an der Universität Hamburg drehte - gemeinsam mit seinen Kommilitonen Elke Schuch (Buch), Marcus Kanter (Kamera) und Kai Lichtenauer (Produktion).

Das Kleidungsstück im Titel gehört zu einem FC-Bayern-Trainingsanzug in Kindergröße. Sein kleiner Besitzer kommt zu Beginn des Films bei einem Unfall ums Leben; die Jacke gelangt mit einem Altkleidertransport von Hamburg nach Sarajevo, wo ein bosnischer Junge sie stiehlt. Er gerät zwischen die Fronten des Bürgerkriegs, verliert Eltern und Heim und muss von Blauhelmsoldaten gerettet werden. Am Ende steht das Flüchtlingskind - weil ein Etikett mit der Adresse des ursprünglichen Eigentümers in der Jacke eingenäht ist - vor der Hamburger Villa des Vaters, der seinen Sohn verloren hat.

Ein Kino-Märchen, natürlich - und ein dramatisch konzentriertes Schicksal, von Baxmeyer & Co. eindringlich, doch ohne Gefühlsduselei erzählt: "Wir haben offenbar den amerikanischen Geschmack getroffen."

Besonders beeindruckt hat die Jury wohl der für einen Studentenfilm gigantische Aufwand, Dreh in Sarajevo inklusive. Die Bundeswehr ("Wenn die einmal Ja sagen, geht alles") half mit Mann und Material; sogar eine Transall-Maschine fliegt durch eine Szene, obwohl allein "einmal anlassen ein paar tausend Euro kostet". Dass kein Mitglied der Filmcrew bei der Truppe gedient hatte, schadete offenbar nicht.

Eigentlich, sagt Baxmeyer, wäre er am liebsten Rockstar geworden. Stattdessen probte der gebürtige Essener Theaterstücke auf dem Dachboden und freute sich, wenn im Fernsehen Stanley Kubricks Sklaven-Spektakel "Spartacus" lief. Später - die Vorbilder hießen mittlerweile Patrice Chéreau ("Intimacy"), David Fincher ("Sieben") oder Marc Forster ("Monster's Ball") - diente sich Baxmeyer an diversen Filmsets in Köln vom Komparsen und Praktikanten bis zum Regieassistenten hoch. Diese praktischen Erfahrungen halfen ihm auch beim Filmstudium an der Uni Hamburg, wo Regisseur Hark Bohm ("Nordsee ist Mordsee", "Vera Brühne") seit 1991 ein strenges Regiment führt: Bei etlichen Regieklassen gab es unfreiwillige Abgänge.

Trotz der Wirtschaftskrise, die auch die Film- und Fernsehbranche erwischt hat, ist Baxmeyer der Sprung von der Hochschule ins Berufsleben geglückt. "Nach zwei Jahren Studium bei Hark Bohm ist man pleite", erinnert er sich, "weil man nebenbei zu nichts anderem kommt."

Für ProSieben inszenierte Baxmeyer vergangenes Jahr einen Thriller ("Mörderische Elite", Ausstrahlung im Herbst), Studio Hamburg vertraute ihm die Regie für fünf Episoden der ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier" an. Eine Folge ließ er nur per Handkamera drehen - ein Wagnis beim sonst eher bräsigen "Großstadtrevier".

Mittlerweile rufen nicht nur deutsche Produktionsfirmen bei Baxmeyer an. Kurz nachdem er als Oscar-Gewinner feststand, meldete sich ein Produzent vom Hollywood-Studio Universal und bat um eine DVD mit der "Roten Jacke".

Baxmeyer hat Hollywood beeindruckt - und umgekehrt. Nach der Oscar-Verleihung war er so aufgeregt, dass er im Hotelzimmer durch die - geschlossene - gläserne Balkontür lief. Er blieb unverletzt. Jetzt, scherzte Drehbuchautorin Schuch, habe Baxmeyer tatsächlich den "Durchbruch in Hollywood geschafft".

MARTIN WOLF



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