Ostdeutschland Wo die Rettung für schrumpfende Hochschulen herkommt

41 Hochschulstandorte, vor allem in Ostdeutschland, schrumpfen. Eine neue Studie zeigt, wie sie sich retten können - und was auf westdeutsche Unis und Fachhochschulen noch zukommt.
Internationale Studentinnen an der Bergakademie Freiberg (Archivbild)

Internationale Studentinnen an der Bergakademie Freiberg (Archivbild)

Foto: imago

Obwohl sich die Zahl der Studierenden in Deutschland mit 2,9 Millionen auf einem historischen Höchststand bewegt, haben 41 Unis und Fachhochschulen massive Probleme: Bei ihnen gingen die Studentenzahlen seit 2012 gegen den allgemeinen Trend zurück.

"Dieser Rückgang verschärft mittelfristig die bereits heute entstandenen Fachkräfteengpässe vor Ort", heißt es in einer Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Darin wird untersucht, wie die betroffenen Hochschulstädte mit dem Problem umgehen - und ob ausländische Studierende helfen können, den Schwund aufzuhalten.

Zwar werden die einzelnen Hochschulen mit schrumpfenden Studentenzahlen nicht benannt, wohl aber die Bundesländer: Am stärksten betroffen sind demnach Sachsen (8 Hochschulstandorte), Thüringen (7) und Sachsen-Anhalt (6). Keine einzige schrumpfende Hochschule gibt es in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hessen und Schleswig-Holstein.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • In Deutschland gibt es derzeit insgesamt 263 Hochschulstandorte. An jedem sechsten davon (41) wurden 2017 deutlich weniger Studierende ausgebildet als 2012. Das Minus dort beträgt im Durchschnitt elf Prozent.
  • 26 dieser Fachhochschulen und Unis mit negativer Gesamtbilanz verzeichnen jedoch im gleichen Zeitraum ein deutliches Plus bei den internationalen Studierenden - und zwar von 42 Prozent. Die Forscher lassen durchblicken, dass sie das für eine sinnvolle Strategie halten.
  • Zwar liegt der Anteil internationaler Studierender - viele davon aus China, Indien Brasilien und Russland - an diesen Standorten im Schnitt nur bei zwölf Prozent. "Sie können den Schwund einheimischer Studierender aber zumindest zum Teil ausgleichen", schreiben die Autoren der Studie.

Mehr zur Studie

Auch wenn die Mehrzahl der betroffenen Standorte in Ostdeutschland liegt, sollten sich westdeutsche Hochschulen nicht auf den Ergebnissen ausruhen, sagt Simon Morris-Lange, stellvertretender Leiter des SVR-Forschungsbereichs: "Was wir im Osten beobachten, kommt auch auf den Westen zu."

Große und beliebte Hochschulstädte wie Köln und Düsseldorf, Heidelberg oder München seien zwar relativ gut geschützt vor sinkenden Studentenzahlen. "Die werden keine Probleme kriegen", prognostiziert Morris-Lange im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Aber für die kleineren Standorte abseits der Metropolen im Westen könnte es in Zukunft ebenfalls deutlich schwieriger werden, Studierende zu rekrutieren."

Viele Studienabbrecher

Die Anwerbung ausländischer Gaststudenten sei dabei zwar kein Allheilmittel, sagt der Hochschulforscher. Aber: "Eine wachsende Zahl internationaler Studierender kann dazu beitragen, dem demografischen Wandel zu begegnen."

Eines der größten Probleme, mit denen Hochschulen dabei zu kämpfen haben, ist jedoch die deutlich höhere Zahl von Studienabbrechern bei Nachwuchsakademikern aus dem Ausland. Insbesondere im Bachelorstudium sind die Hürden so hoch, dass fast jeder zweite Gaststudent nicht bis zum Examen durchhält.

Studienabbruchquoten deutscher und internationaler Studierender 2016

Abbruchqote
Bachelorstudium
deutsche Studierende 28 %
internationale Studierende 45 %
Masterstudium
deutsche Studierende 19 %
internationale Studierende 29 %
Die Abbruchquoten wurden anhand des Absolventenjahrgangs 2016 berechnet. Quelle: Heublein/Schmelzer

"Internationale Studierende schließen ihr Studium nicht immer erfolgreich ab", schreiben die Autoren, "sie benötigen mehr Unterstützung und eine stärker strukturierte Studieneingangsphase."

Zur Stärkung der schrumpfenden Hochschulstandorte empfehlen sie einen Drei-Stufen-Plan:

  • Der Hochschulzugang sollte flexibler werden, um nicht nur Abiturienten, sondern auch Studieninteressenten mit anderen Bildungsbiografien für ein Studium zu gewinnen.
  • "Internationale Studierende brauchen eine strukturierte Begleitung bereits vor der Einschreibung und bis mindestens ins zweite Semester hinein", sagt Simon Morris-Lange. Da reiche es nicht, mal eine Orientierungswoche anzubieten und die Gaststudenten danach wieder sich selbst zu überlassen. Gefragt sei stattdessen ein strukturiertes Hilfsangebot, "verbunden mit einer guten sozialen Einbindung".
  • Damit die Studierenden nach ihrem Abschluss vor Ort Arbeit finden, empfehlen die Forscher außerdem ein regionales Übergangsmanagement.

Für ein solches Netzwerk müssen Partner außerhalb der Hochschule gefunden werden: Unternehmen und Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsförderer und Verwaltung. Sie sollen den ausländischen Absolventen gezielt Wege in den Arbeitsmarkt zeigen.

Dafür allerdings ist häufig erst einmal ein Strategiewechsel der Unis und Fachhochschulen notwendig, so die Autoren: "Hochschulen sollten sich stärker damit auseinandersetzen, wie sie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vor ihren Toren mitgestalten können."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.