Oxford Frauencollege lässt nach 113 Jahren Männer zu

Die letzte Single-Sex-Bastion der ehrwürdigen Universitätsstadt Oxford ist gefallen. Im Frauencollege St. Hilda's (im Studentenjargon "Virgin Megastore") dürfen künftig auch Männer lehren und lernen. Nicht alle Studentinnen sind begeistert.


113 Jahre waren die Frauen – Spitzname "Hildabeasts" – unter sich und wollten es bleiben. Bei Abstimmungen fiel der Antrag auf eine Öffnung des Colleges für beide Geschlechter regelmäßig durch, zuletzt im Jahr 2003. Doch jetzt sprach sich der Aufsichtsrat, der sich aus Dozentinnen und Professorinnen zusammensetzt, mit der notwendigen Zweidrittel-Mehrheit für eine Änderung der Statuten aus: Männliche Lehrkräfte können sofort anfangen. Den Termin, an dem die ersten männlichen Studienanfänger den Sagen umworbenen "Virgin Megastore" betreten dürfen, will die Hochschule mit ihren Studentinnen besprechen.

Idyllisches St. Hilda's College: Zutritt künftig auch für Männer

Idyllisches St. Hilda's College: Zutritt künftig auch für Männer

Auf dem Campus war die Entscheidung umstritten. Bei einer Abstimmung sprachen sich 77 Prozent der Studentinnen dafür aus, das College für männliche Dozenten zu öffnen; lediglich 55 Prozent wünschten sich männliche Kommilitonen. Insgesamt sei die Entscheidung des Aufsichtsrates jedoch von den Studentinnen begrüßt worden, betonte Direktorin Lady English.

Ailbhe Menton, Sprecherin des Studentenparlaments, sagte der Zeitung "Sunday Telegraph": "Es ist das Ende einer Ära und ein großer Umbruch, aber es muss kein Umbruch zum Schlechteren sein." Die Mehrheit der Studentinnen denke pragmatisch an die kommenden Jahre, auch wenn der Abschied vom Hilda's-Mythos ein wenig wehmütig mache.

"Absonderliche Enklave?"

So schreibt eine Absolventin im "Daily Telegraph": "Ich musste mich immer gegen das Vorurteil verteidigen, St. Hilda's sei eine absonderliche Enklave von Nonnen/Lesben/Blaustrümpfen/Huren". Doch ohne Männer sei der Alltag total entspannt verlaufen, sie sei von klugen und hartnäckigen Frauen umgeben gewesen.

Das Hauptargument der Mixed-Sexes-Gegner, immerhin eine große Mehrheit der Graduierten, lautete, dass Frauen in der Wissenschaft immer noch unterrepräsentiert seien und sich in einer männerfreien Zone besser entfalten könnten. Mit der Öffnung von St. Hilda's bleiben drei Frauencolleges in Großbritannien übrig, allesamt in Cambridge.

"Heutzutage können Frauen jedes College in Oxford besuchen", sagte Direktorin English, die seit ihrem Amtsantritt 2001 hartnäckig für die Änderung der Statuten gekämpft hatte. "Die Entscheidung wird sofort Auswirkungen auf die Qualität unserer Lehre haben." Denn einerseits war es für St. Hilda's schon länger schwierig, ausreichend qualifizierte Dozentinnen zu finden; andererseits bekam die Hochschule kein Geld aus dem Gesamttopf der Universität Oxford für ihr Personal.

Normalerweise sind die Colleges als Untereinheiten der Universitäten für soziale Belange wie Wohnheime, Mensen und Sport zuständig, nicht aber für Prüfungen und Vorlesungen. Voraussetzung, um das Geld von der Uni-Zentrale zu bekommen, war die Aufnahme beider Geschlechter.

Laut "Daily Mail" kann St. Hilda's damit ein erwartetes Defizit von 400.000 Pfund (580.000 Euro) in den nächsten zehn Jahren verhindern und weltweit renommierte Professoren einstellen. Lady English versprach: Trotz Änderung der Statuten werde die Hochschule ihre Wurzeln nicht vergessen. "Wir sind stolz auf unsere Tradition und werden uns weiterhin insbesondere dafür einsetzen, dass Frauen Karriere machen."

agö

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.