Palästinensische Studenten Gefangen in Gaza

Bald beginnt das Semester, sie haben schon alles organisiert: Stipendien, Visa, Unterkünfte. Hunderte Palästinenser aus dem Gaza-Streifen wollen im Ausland studieren, viele am liebsten in Deutschland. Doch Israel lässt sie nicht ausreisen - die einzige Tür ist zu.

Von Juliane von Mittelstaedt


Ihr Koffer ist seit Monaten gepackt, von ihren Eltern hat sie sich auch schon mehrmals verabschiedet: Azhar Alboraey, 24, Absolventin der Bauingenieurwissenschaften, mehrere Praktika, ein gewonnener Architekturwettbewerb, könnte demnächst an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg studieren. Sie hat einen Studienplatz, Visum, Flugticket und einen Bekannten, bei dem sie wohnen kann. Sie hat etwas Deutsch gelernt und spricht gut Englisch. Das einzige, was fehlt, ist eine Tür, durch die sie ihre Heimat verlassen kann.

"Das letzte Mal gab es im Juni eine Chance, die Ägypter hatten die Grenze geöffnet, also habe ich mich von meinen Eltern verabschiedet und stundenlang angestanden", erzählt Azhar. Aber dann schlossen die Ägypter auf Druck Israels den Grenzübergang wieder, kurz bevor sie an der Reihe war, seither hat er sich nicht mehr geöffnet. Azhar lacht, sie versucht, optimistisch zu sein. Aber es fällt ihr mit jedem Tag schwerer, mit dem das Wintersemester näherrückt.

Seit der Machtübernahme der Hamas vor einem Jahr lässt Israel kaum noch Palästinenser durch den Grenzübergang Erez ausreisen - und Erez ist die einzige Tür aus dem Gaza-Streifen heraus. Wo früher Zehntausende Palästinenser jeden Morgen zur Arbeit nach Israel strömten, tröpfelt jetzt nur noch eine Handvoll Geschäftsleute, Diplomaten und Kranke hindurch. Und so sitzen auch mehrere hundert junge Palästinenser im Gaza-Streifen fest, die eigentlich in diesem Herbst ihr Studium im Ausland beginnen wollten.

Darunter sind sieben Studenten mit einem Fulbright-Stipendium, dem vielleicht renommiertesten Stipendienprogramm der Welt, das von der amerikanischen Regierung finanziert wird und ausdrücklich dem kulturellen Austausch und gegenseitigen Verständnis dient. Aber selbst dass sich die US-amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice höchstpersönlich einmischte, bewirkte wenig.

Deutschland ist erste Wahl

Nach langem Hin und Her durften vier Stipendiaten ausreisen, die anderen sitzen noch immer im Gaza-Streifen fest – und zwar endgültig: Anfang August hat die US-Regierung ihnen die Stipendien entzogen, offenbar auf Druck Israels. Ein Regierungssprecher sagte, man habe "zusätzliche Informationen" über die Stipendiaten erhalten und sich daher gegen die Einreise entschieden. Das war das Ende vom amerikanischen Traum im Gaza-Streifen.

Das beliebteste westliche Studienziel nach den USA aber ist Deutschland. Mehrere Dutzend Palästinenser aus dem Gaza-Streifen wollen hier im Wintersemester mit dem Studium beginnen - Mediziner, Ingenieure, Computerwissenschaftler, allesamt Fachleute, die man im Gaza-Streifen gut gebrauchen, aber nicht selbst ausbilden kann.

Die meisten Studenten haben sich wie Azhar direkt an den Universitäten beworben und fest zugesicherte Studienplätze. Sie haben Versicherungen abgeschlossen, Flüge gebucht und Visa erhalten, eben alles, was für ein Auslandsstudium nötig ist - doch Israel will nur jene mit einem "anerkannten Stipendium" vom DAAD ausreisen lassen.

Auch die deutsche Botschaft setzt sich bisher nur für DAAD-Studenten ein, was aber bisher nur vier Palästinensern geholfen hat. Mindestens fünf weitere sitzen noch fest. Um die Studenten ohne Stipendium kümmert die Botschaft sich nicht - und so konnte bis heute kein einziger den Gaza-Streifen verlassen.

Kurzsichtige Politik

"Israel rächt sich mit Kollektivstrafen an der palästinensischen Zivilbevölkerung", sagt Sari Bashi von der israelischen Organisation Gisha, die sich für die palästinensischen Studenten einsetzt. Vergangenes Jahr hätten nur 400 von 1100 Studenten ausreisen dürfen, in diesem Jahr werden es deutlich weniger sein, befürchtet Sari Bashi. "Das ist eine kurzsichtige Politik, diese talentierten jungen Leute sind doch unsere Hoffnung für eine bessere Zukunft und ein friedliches Zusammenleben." Sogar Elyakim Rubinstein, Richter am Obersten Gerichtshof von Israel, kritisierte das Ausreiseverbot als "nicht weniger schädlich für die israelischen Interessen, denn wir werden in Zukunft mit den Palästinensern leben müssen".

Die Zukunft sitzt fest, aber sie hat nicht vor, aufzugeben und Kinder zu bekommen wie all die anderen Frauen in ihrem Alter. "Ich will Karriere machen", sagt Azhar bestimmt, eine zierliche Frau mit hellblauem Kopftuch, Bluse und Jeans, fein gezupften Brauen und tiefschwarzen Kajal-Augen. "Und ich will meinem Land helfen." Sie will sich auf Denkmalschutz spezialisieren, ein Fach, das es an ihrer Universität gar nicht gibt. "Ich will lieber das Alte erhalten als das Neue zu erschaffen", sagt sie. "Es erinnert uns an unsere Vergangenheit."

Vor zwei Jahren hat Azhar ihren Abschluss gemacht. Seither vertreibt sie sich die Zeit, indem sie an Architektenwettbewerben teilnimmt, als Freiwillige in einem Restaurierungsprojekt arbeitet und bei einer NGO jobbt, um Geld für sich und die Familie zu verdienen. Nicht mal in ihrem Job als Bauingenieurin kann sie arbeiten, schließlich gibt es hier wegen der israelischen Blockade schon seit einem Jahr keinen Zement mehr.

Fünf Tage am Grenzzaun

Manchmal fürchtet Azhar, es könnte wieder so kommen wie im letzten Jahr: Da hatte sie einen Studienplatz an einer Universität im chinesischen Xi'an - doch auch damals konnte sie Gaza nicht verlassen. Und wenn es wieder nichts wird mit der Ausreise? Sie lächelt tapfer. "Ich werde mich wieder bewerben. Ich versuche, optimistisch zu sein, das hilft beim Überleben hier."

Während Azhar warten muss, hat Nibal Nayef, 27, es endlich geschafft: Die Computerwissenschaftlerin durfte den Gaza-Streifen am 9. Juli verlassen. Sechsmal hatte sie es vorher versucht und insgesamt fünf Tage an der ägyptischen Grenze gewartet, immer erfolglos. Erst nachdem Gisha ihren Fall vor den Obersten Gerichtshof in Israel gebracht hatte, gaben die Behörden nach - mit vier Monaten Verspätung. Jetzt lernt Nibal in Mannheim Deutsch, zwei von drei Sprachkursen hat sie schon verpasst, daher übt sie jetzt von morgens bis abends. Sie hofft, dass sie wenigstens ein bisschen Deutsch versteht, bevor sie im Oktober mit ihrer Promotion an der TU Kaiserslautern beginnt.

Im Gaza-Streifen gibt es keine Promotionsstudiengänge, erst recht nicht in diesem Fach. Die Computer sind uralt, und seit Nibal dort anfing zu studieren, hat kein neuer Dozent an ihrem Fachbereich begonnen. Nibal hofft, in drei oder vier Jahren als Dozentin an ihre Universität, die Al-Azhar, zurückkehren zu können, "als erste Frau am Fachbereich".

Bis dahin wird sie ihre Heimat und ihre Familie vermutlich nicht mehr sehen - die Gefahr, dass sie dann vielleicht wieder im Gaza-Streifen festsitzt, ist einfach zu groß.

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