Palästinensische Universität Der Weg ist das Ziel

Nahe Ramallah, mitten im Nahost-Krisenzentrum, kontrolliert die israelische Armee auch die Zufahrt zur Birzeit-Universität. Wer täglich zur Hochschule durchkommt, schafft auch das Studium - obwohl immer wieder Schüsse die Konzentration stören.
Von Peter Schäfer

Basma Muhammad braucht zwei Stunden, um die Universität von Birzeit zu erreichen. Unter normalen Bedingungen schafft die Psychologiestudentin die Strecke in fünfzehn Minuten. "Aber auf meinem Weg muss ich über vier israelische Checkpoints", erklärt die 19-jährige Palästinenserin, "das dauert."

Eine Siedlerstraße nahe ihrem Dorf ist das größte Hindernis für sie. "Kommilitonen von mir sind dort schon von den Siedlern beschossen worden. Ich renne immer rüber, so schnell ich kann." Straßen wie diese, die nur von Israelis benutzt werden dürfen, durchziehen das gesamte Westjordanland. "Aber ich komme zur Uni, so oft es geht", sagt Basma. "Dies ist mein Land, und ich habe ein Recht darauf, hier zu studieren."

Das war für die 5000 Studenten von Birzeit in den letzten drei Wochen unmöglich: Israelische Panzer besetzten den Norden Ramallahs, der liberalsten palästinensischen Stadt - unter normalen Bedingungen nur zehn Autominuten nördlich von Jerusalem. Sie verhängten eine Ausgangssperre und machten damit die wichtige Straße nach Birzeit unbenutzbar.

Ohne Aufenthaltserlaubnis kein Studium

Am vergangenen Mittwoch zogen sich die Truppen zurück, seit Donnerstag läuft der Lehrbetrieb wieder. "Wir haben einiges nachzuholen", erklärt Inan al-Obeidi, Dozentin am Medieninstitut der Universität. Hinzu komme, dass die Studenten wegen der israelischen Angriffe gestresst seien und unter Konzentrationsschwierigkeiten litten: "Ich muss den Stoff mehrmals wiederholen und viel Geduld aufbringen."

Um die verlorenen drei Wochen aufzuholen, hat die Universität Ausgleichstage angesetzt. Freitage und Sonntage sind eigentlich vorlesungsfrei, um die Feiertage von Muslimen und Christen zu respektieren. Darauf kann jetzt nicht mehr geachtet werden.

Firas, 23, ist genervt deswegen. Der Maschinenbaustudent kommt in Konflikt mit seinem Arbeitgeber. Aber er ist auch froh, überhaupt Zugang zur Universität zu haben. "Viele meiner Mitstudenten kommen aus Bethlehem und Hebron", sagt er. "Das ist vom Weg her zwar ein Katzensprung. Aber wegen der vielen israelischen Checkpoints können sie das vergessen."

Unkontrollierte Kontrollen

Studenten aus dem Gazastreifen haben es am schwersten. Sie erhalten eine befristete Aufenthaltserlaubnis für das Westjordanland, die zurzeit nicht verlängert wird. Keiner mit abgelaufener Erlaubnis will von den Soldaten kontrolliert werden. Denn die könnten sie verhaften, nach Gaza zurückschicken, und vorbei wäre es mit dem Studium.

Muna Schikaki, eine Studentin Obeidis, kommt mit der instabilen Situation nicht zurecht. "Ich fahre zur Uni und weiß nicht, ob meine Dozenten auch durchgekommen sind", erzählt die 21-Jährige. "Jeden Tag der Willkür der israelischen Soldaten ausgeliefert zu sein, frustriert mich", klagt sie.

Die offizielle Rechtfertigung für die Checkpoints ist die Sicherheit der Bürger Israels. Aber aus der Sicht von Muna sind die Kontrollen nur Schikane. "Sie stehen doch auf einer Straße zwischen zwei palästinensischen Ortschaften", schimpft sie. "Was hat das denn mit der Sicherheit Israels zu tun? Der einzige Zweck ist, uns zu demütigen."

Internationaler Mikrokosmos auf dem Campus

Muna hat sich auf ihr Studium in Birzeit lange gefreut. Viele der Studenten sind im Ausland geboren und aufgewachsen. Ihre palästinensischen Eltern sind nach der Unterzeichnung des Friedens mit Israel vor acht Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt, um sich am Aufbau des Landes zu beteiligen.

"Mir gefällt die internationale Atmosphäre an der Uni. Und obwohl die Gesellschaft noch sehr konservativ ist, haben wir einen Frauenanteil von fünfzig Prozent", sagt Muna.

Dieses Bild zeigt sich auch in der Mensa. Alles mischt sich: Frauen mit und ohne Kopftuch. Frauen und Männer. Säkular und religiös. Viele sprechen ein Kauderwelsch aus Arabisch und amerikanischem Englisch. Schnell entsteht der Eindruck, dass das unverdächtige Aufeinandertreffen der Geschlechter eines der Hauptmotive zum Studium in Birzeit ist - außer dem Spazierentragen der neuesten Markenklamotten vielleicht.

Der israelische Blick: Kaderschmiede für die Intifada

Israel sieht Birzeit als politische Kaderschmiede für die Intifada, den palästinensischen Aufstand gegen die seit 34 Jahren anhaltende Besatzung. "Na, das ist leider schon lange nicht mehr so", findet Wisam, "die meisten Studenten sind total unpolitisch. An Demonstrationen beteiligen sich kaum noch welche." Früher seien fast alle Studenten gekommen. "Aber niemand fühlt sich mehr verpflichtet", so der Informatikstudent.

"Seitdem die Israelis vor sechs Jahren aus Ramallah abgezogen sind, kann dort jeder seinen privaten Interessen nachgehen." Zu protestieren sei allerdings auch gefährlicher als früher, räumt Wisam ein. "Seit die Soldaten im März auf friedliche Demonstranten geschossen haben, will das fast keiner mehr riskieren."

Wisam hat bei der letzten Wahl für die Hochschulgruppe der islamistischen Hamas gestimmt. Sie hat wiederholt gegen die Konkurrenz von der Fatah, der Partei von Palästinenserpräsident Jassir Arafat, gewonnen. "Ich würde mir nie mein Bier von der Hamas verbieten lassen. Aber sie machen wenigstens was gegen die Besatzung", rechtfertigt er sich.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.