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Medizinstudium: Nachhilfe im Sterbenlassen

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Thema Tod im Medizinstudium Nachhilfe im Sterbenlassen

Wer Medizin studiert, will heilen. Doch immer wieder haben Ärzte mit Menschen zu tun, die nicht zu retten sind. Im Studium kommt das Thema bisher viel zu selten vor, kritisieren Palliativexperten. Sie fordern: Umgang mit Leid und Tod gehört in den Hörsaal.

Der Mann war 45, hatte Karriere als Jurist gemacht - und er wusste, dass sein Leben bald zu Ende sein würde. Drei Tage dauerte sein Todeskampf. Immer wieder brach bei dem Patienten die Angst vor Schmerzen durch, doch helfen konnte ihm niemand.

Die Kölner Medizinstudentin Hanna Bellmann war gerade im ersten Semester, als sie den Sterbenden kennenlernte: in Leo Tolstois Roman "Der Tod des Iwan Iljitsch". Dessen Hauptfigur ist ein klassischer Fall für Palliativmediziner. "Bei uns gehörte das Buch gleich zu Beginn des Studiums zur Pflichtlektüre", erzählt Bellmann.

Mittlerweile steuert die 25-Jährige auf ihr Examen zu. "Bei uns im Kölner Modellstudiengang Medizin spielt die Frage nach dem Umgang mit Sterben und Tod eine wichtige und integrative Rolle", sagt Bellmann. Auf dem Stundenplan stehen wiederholt Gespräche mit Palliativpatienten und Angehörigen, aber auch Übungen, in denen die Studenten die Kommunikation mit todkranken Menschen simulieren. "Wir werden in diesen Situationen gefilmt und bekommen anschließend ein Video-Feedback. Zusätzlich beobachtet die Gruppe das Gespräch aus einem Nebenraum durch ein verdunkeltes Fenster", erzählt die angehende Ärztin: "Das ist schon relativ authentisch."

Keine Angst vor Tod und Sterben

Damit ist Hanna Bellmann eine ziemliche Ausnahme. Zum einen studiert sie im praxisorientierteren Modellstudiengang, zum anderen geht sie dem Thema Tod und Sterben auch sonst nicht aus dem Weg: Für die Hilfsorganisation Humedica war sie schon als freiwillige Helferin in Katastrophengebieten im Einsatz, aktuell verbringt einen Teil ihres Praktischen Jahres bei HIV-Patienten in Südafrika.

Doch längst nicht jeder Medizinstudent hat so viel mit palliativmedizinischen Fragen zu tun. "Das ist in die Ausbildung nur als ganz kleiner Aspekt integriert", sagt Ernst Engelke, der sich als Psychotherapeut, Sozialwissenschaftler und Theologe in Würzburg mit dem Umgang mit Schwerstkranken beschäftigt. "Palliativmedizin ist eigentlich kein abgeschlossenes Fach, sondern essentieller Bestandteil der Tätigkeit eines Arztes und müsste deshalb in alle klinischen Fächer integriert werden", sagt Engelke. Seine Vision: Medizinstudenten sollten auch lernen, wie der ärztliche Beitrag aussehen kann, wenn klar ist, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen vergeblich sein werden.

"Das war krass intensiv"

Die ärztliche Approbationsordnung sieht einen solch umfassenden Ansatz bisher nicht vor. Zwar ist ab diesem Jahr im 2. Staatsexamen für Mediziner ein Leistungsnachweis in Schmerz- und Palliativmedizin erforderlich, doch wie die Unis diese Anforderungen umsetzen, bleibt ihnen überlassen. Lucas Bispinghoff, 26, hatte dabei, so sieht er das selbst, riesiges Glück. "Die Veranstaltungen zu Palliativmedizin bei Kindern waren die besten Vorlesungen, die wir je hatten", sagt der Medizinstudent der Privatuni Witten/Herdecke. "Das war krass intensiv."

Weil er außerdem im Rettungsdienst arbeitet und in seinen Praktika auch ein Hospiz kennenlernte, hat er sich entschieden, nun über Palliativmedizin zu promovieren. Auch er sagte, die intensive Auseinandersetzung wie in Witten sei nicht der Normalfall im Medizinstudium. An der Privatuni haben die angehenden Ärzte schon ab dem ersten Semester mit echten Patienten zu tun, immer wieder wird ihr kommunikatives Handeln geschult und überprüft.

"Lassen Sie mich also in Ruhe!"

Ein Ansatz, den auch Palliativvorkämpfer Ernst Engelke verfolgt. "Ärzte wissen in aller Regel nichts vom Erleben sterbenskranker Menschen, und sie haben keine oder kaum ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten." Die Behandlung sterbenskranker Menschen gehöre zwar zum ärztlichen Alltag, die Kompetenzen dafür würden aber nicht vermittelt. Zusammen mit zwei Würzburger Palliativmedizinern fordert Engelke deshalb einen anderen Umgang: Palliativmedizin dürfe nicht mit Schmerztherapie gleichgesetzt werden und auch nicht auf Krebspatienten beschränkt sein. Außerdem sollten Studenten lernen, wie todkranke Menschen fühlen, wie sie glauben und wie sie hoffen. Außerdem müsse die Kommunikationskompetenz von Ärzten verbessert werden.

Zu dem Themenfeld Palliativmedizin gehört unweigerlich auch das Reizthema Sterbehilfe. Derzeit verhandelt der Bundestag darüber. Wenn das Parlament vermutlich Anfang 2015 ein Sterbehilfegesetz beschließt, soll der Fraktionszwang aufgehoben sein, denn es geht vor allem um eine Gewissensentscheidung. Auch Medizinstudenten sind sich dabei oft unsicher, was moralisch und ethisch richtig ist.

Hanna Bellmann findet, jeder Mensch solle selbst entscheiden dürfen, wie er in Würde sterben wolle - vorausgesetzt, die medizinischen Rahmenbedingungen zeigten, dass es tatsächlich keine Heilung mehr gebe. Bellmann sagt in aller Vorsicht, es gehe "um eine klar definierte Gruppe von Menschen, bei denen ich das persönlich nicht ablehnen würde". Im gleichen Atemzug verweist sie aber auf die aktuelle deutsche Rechtslage, nach der Sterbehilfe verboten ist. Mit Freunden und Kommilitonen, sagt Bellmann, diskutiere sie sehr viel über das Thema.

Iwan Iljitsch jedenfalls, der 45-jährige todkranke Jurist aus Tolstois Erzählung, hatte nicht das Glück, palliativ gebildete Ärzte um sich zu haben. Die Mediziner am Bett der Romanfigur drückten sich um die offene Kommunikation mit ihrem Patienten herum, dem Sterbende blieb schließlich nur, festzustellen: "Sie wissen doch selber, dass Sie mir nicht helfen können. Lassen Sie mich also in Ruhe!"

Lassen Sie mich durch, ich kann Arzt!
Foto: Corbis

Ihr Abi ist nicht exzellent, aber sie will Medizin studieren: Lea, 22, machte in drei Jahren eine medizinische Ausbildung, verklagte über ein Dutzend Unis, absolvierte Praktika, arbeitet als Sanitäterin - vergebens. Zwischenruf einer jungen Frau, die in einem Ärztemangel-Land einfach nur Ärztin werden will. mehr... 

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