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Präsidentensuche: Wer wird Chef der Uni Hamburg?

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"Papstwahl" der Uni Hamburg Habemus Lenzen

Nach tumultösen Protestszenen am Donnerstag haben Gremien der Querelen-Universität Hamburg entschieden: Dieter Lenzen soll neuer Präsident werden. Bedankt hat sich der bisherige Chef der FU Berlin bereits, jetzt muss er nur noch die Wahl annehmen.

Die Findungskommission wählte ihn aus, der Hochschulrat votierte für ihn, zuletzt nickte der Akademische Senat die schwierige Personalie ab: Der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, 61, soll das Präsidentenamt an der Universität Hamburg übernehmen. Damit ist eine bemerkenswert sonderbare Kandidatensuche beendet.

Die Stelle an der Hochschulspitze war seit mehr als vier Monaten unbesetzt, nachdem es monatelange Meutereien gegen Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz gab. Im Juli wurde sie regelrecht aus dem Amt geputscht, die schwierige Suche nach einem Nachfolger begann. Das übernahm eine Findungskommission, besetzt mit je vier Mitgliedern des Hochschulrates und des Akademischen Senats. Sie beauftragte eine Personalberatungsfirma (Zehnder) und einigte sich am Ende auf einen einzigen Kandidaten: Dieter Lenzen, bisher Präsident der Freien Universität (FU) Berlin.

Das alles geschah unter Umständen, die nicht nur zornige Hamburger Studenten an eine "Papstwahl" erinnerten. Am Freitag entschied sich der Hochschulrat einstimmig für Lenzen, der Akademische Senat mit deutlicher Mehrheit bei 14 Ja- und zwei Nein-Stimmen sowie einer Enthaltung.

Noch hat Lenzen nicht zugesagt

"Herr Lenzen hat seine Einschätzung des Potentials der Universität und Ideen zur Weiterentwicklung überzeugend dargestellt", sagte danach Albrecht Wagner, in Personalunion Vorsitzender des Hochschulrates und der Findungskommission. "Die Aufbruchstimmung in der Universität wird durch die Wahl des neuen Präsidenten wesentlich verstärkt." Der Akademische Senat ergänzte: "Wir sind davon überzeugt, dass es Professor Lenzen gelingen wird, die Stärken der Universität sichtbar zu machen und sämtliche Mitglieder bei diesem Neuanfang mitzunehmen."

Die Entscheidung begrüßte auch Hamburgs Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach. Lenzen verfüge über eine charismatische Persönlichkeit, leidenschaftliches Engagement sowie umfangreiche Erfahrungen in der Leitung einer so großen Institution, so die CDU-Politikerin.

Lenzen selbst hat die Wahl noch nicht angenommen, zeigte sich aber "außerordentlich beeindruckt vom überwältigenden Ergebnis der Abstimmungen". Auf dieser Grundlage werde er nun mit dem Hamburger Senat verhandeln, um "eine Grundlage für die weiteren Prozesse zu erwirken. Ich hoffe, dass ich auf dieser Basis der Stadt Hamburg bald meine Entscheidung mitteilen kann", so Lenzen in einer Stellungnahme. Damit rechne man "in der kommenden Woche", sagte eine Sprecherin der Hamburger Uni.

Man kann das mühelos so interpretieren, dass Lenzen nicht unter allen Umständen von Berlin nach Hamburg wechseln will. Als in den letzten Tagen trotz intensivster Geheimhaltungsbemühungen die Nachricht von seinem möglichen Absprung durchdrangen, hatten viele sich ohnedies gefragt: Warum sollte er die Chefetage an einer großen, bedeutenden und frisch mit Elite-Lorbeer bekränzten deutschen Universität verlassen, an der es ihm weder an Machtfülle noch an stattlicher Bezahlung gebricht - um mit 61 Jahren das gleiche Amt an einer zwar etwas größeren, aber wissenschaftlich weniger erfolgreichen und obendrein erheblich krisengeplagten Hochschule anzutreten?

Die Wahlprozedur lief völlig aus dem Ruder

Eine Rolle dabei gespielt haben mag die Unzufriedenheit mit den Aussichten für die FU Berlin in einer hochverschuldeten und rot-rot regierten Stadt, vielleicht auch eine Hoffnung auf höhere spätere Ämter in Hamburg. Aber das ist Spekulation, öffentlich tritt Lenzen derzeit nicht in Erscheinung. Sicher wird er in Hamburg Bedingungen formulieren, inhaltliche wie finanzielle. Und einen Mangel an Selbstbewusstsein oder Verhandlungsgeschick hat noch niemand bei Lenzen geortet.

Es wird sich zurechtrütteln, Lenzen hat beste Voraussetzungen, denn die Uni Hamburg und die Wissenschaftsbehörde stehen mächtig unter Druck, die Phase der Führungslosigkeit zu beenden. Die Visite des Kandidaten vollzog sich unter denkwürdigen Umständen. Tagelang wollte niemand bestätigen, dass Lenzen überhaupt der oder ein Kandidat ist. Dann schickten sich die Uni-Gremien an, am Donnerstag alles in einem Rutsch zu erledigen: Vorsingen vor den Entscheidungsträgern, Wahl beim Hochschulrat, Bestätigung durch den Akademischen Senat.

Das gelang nicht ganz, protestierende Studenten durchkreuzten den schönen Plan. Aus ihrer Sicht agiert Lenzen zu autoritär und wirtschaftsnah, unter seiner Führung befürchten sie einen "neoliberalen Kahlschlag" an der Uni und verfassten zornige Pamphlete. Und so lief am Donnerstag manches aus dem Ruder: Wegen der großen Anteilnahme einiger hundert Studenten wurde der öffentliche Teil einer Senatssitzung ins Audimax verlegt, wo Albrecht Wagner vom Hochschulrat die umstrittene Wahlprozedur verteidigte und jede Lenzen-Erwähnung peinlichst vermied - top secret eben.

Es wusste aber ohnehin jeder im Saal, um wen es ging. Die "taz" berichtete am Freitag über eine besonders schöne Szene: Wagner betonte, die Universität halte sich an die Regeln der Wahl. Um das zu unterstreichen, fragte er die Studenten: "Verstehen Sie was von Fußball?" Der prompte Konter aus dem Audimax: "Verstehen Sie was von Demokratie?"

The King has left the building

Bald darauf machten sich die Senatoren davon, um nichtöffentlich an einem stilleren Ort zu tagen. Die Protestler blieben ihnen indes auf den Fersen, im Museum der Mineralogen ging es genauso turbulent weiter - mit Auseinandersetzungen zwischen Senatsmitgliedern und lautstarken Studenten. Schockiert gewesen sein soll Lenzen, von seiner Powerpoint-Präsentation abgesehen haben und durch die Hinterpforte gegangen sein, berichteten Teilnehmer später.

Was einer Universität unwürdiger ist, das Wahlprocedere oder die tumultartigen Szenen, das entzweit die Senatoren und die Audimax-Besetzer. Der Hamburger Asta hatte sich in den letzten Tagen um Besonnenheit bemüht. "Proteste an einer Universität sind selbstverständlich legitim und notwendig", sagte am Freitag Benjamin Gildemeister, Vertreter der Studenten im Akademischen Senat. Er betonte aber auch, dass es "absolut nicht tolerierbar" sei, wenn Sitzungen von demokratisch gewählten Gremien derart massiv behindert würden.

Das ist mit der Entscheidung am Freitag überstanden - vorläufig jedenfalls, so leicht werden linke Studenten nicht lockerlassen. Jetzt muss Lenzen die Wahl noch an- und dann "sämtliche Mitglieder der Universität beim Neuanfang mitnehmen", wie der Akademische Senat hofft. Von seinen kommunikativen Gaben hängt vieles ab: Der große, bullige Professor, der einst bereits mit 28 Jahren seine erste Professur übernahm, ist ausgesprochen wortgewandt, ehrgeizig und streitlustig. Er gilt machtbewusster Macher, auch als ausgezeichneter Netzwerker.

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