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Präsidentensuche: Wer wird Chef der Uni Hamburg?

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"Papstwahl" der Uni Hamburg Wollen wir ihn reinlassen?

Ganz dringend braucht die Hamburger Uni einen Präsidenten - so viel ist klar. Sonst ist nur klar, dass sie ihn quasi konspirativ sucht. Es läuft auf Dieter Lenzen hinaus. In sein Schaulaufen in Hamburg platzte eine unangenehme alte Affäre an der FU Berlin, seiner Heimatuni.

Er gilt als heißester Kandidat für das Amt des Präsidenten an der Hamburger Universität. Aber pssst! - keiner darf's wissen. Wechselt Dieter Lenzen, 61, bisher Präsident der FU Berlin, nach Hamburg? Will er da wirklich hin? Und wenn ja, gibt es noch andere Kandidaten? Offen sprechen will darüber praktisch niemand, der an der Hamburger Uni etwas zu sagen hat. Selten umwaberte die Suche nach einem neuen Hochschulleiter derart viel Nebel.

Am Donnerstag spielten sich sonderbare Szenen ab. Im Vorfeld hatten Studenten dafür getrommelt, den Akademischen Senat bei der Präsidentenwahl nicht allein zu lassen. Sie kündigten den Termin per Mail, bei Indymedia und auf anderen Infokanälen an: Donnerstag, 13 Uhr, Sitzung des Akademischen Senats, Edmund-Siemers-Allee 1, Raum 308. Und die Senatoren blieben nicht allein: Einige hundert Studenten zogen in einem "Trauerzug" über den Campus und besuchten die zunächst öffentliche Sitzung. Dararaufhin wurde sie in den Audimax verlegt - den halten seit gut einer Woche Studenten besetzt.

Im Audimax erklärte Albrecht Wagner, Vorsitzender des Hochschulrates und auch der Findungskommission, wie der neue Uni-Präsident gewählt wird. Auf Kritik von Studenten an der Prozedur hinter verschlossenen Türen entgegnete er, der Modus entspreche den Hamburger Gesetzen, das Verfahren werde wie geplant durchgezogen. Sodann beendete der Senat nach kurzer Pause die öffentliche Sitzung, zog sich unter lautstarken Protesten zurück und verließ den Saal - "fluchtartig", wie Studenten es beschreiben.

Seitdem tagt man unter Ausschluss der Öffentlichkeit, an einem geheimen Ort, damit das lästige Fußvolk nicht stören kann. Genau diese lästigen Studenten kritisieren, das Procedere erinnere an eine "Papstwahl". Noch am Donnerstag sollte gleichsam weißer Rauch über der Uni aufsteigen: Habemus Lenzen. Am Abend allerdings hieß es: "Heute wird es keine abschließende Entscheidung mehr geben", so eine Uni-Sprecherin.

"Fatale Kommunikation an der Uni"

Aus der Universität ist zu hören, dass Dieter Lenzen, bislang Präses der FU Berlin, der Wunschkandidat der Findungskommission sei - und zwar der einzige, nicht einer von zweien oder dreien, wie sonst üblich. Bestätigen wollte das diese Woche aber niemand, weder Lenzen selbst noch sein Büro, weder die Leitung der Uni Hamburg noch Mitglieder des Akademischen Senats oder der Findungskommission. Der Zeitung "Tagesspiegel" zufolge sagte aber der Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke in einer Sitzung am Mittwoch, Lenzen werden als einziger Kandidat in Hamburg antreten.

Das würde sich mit den Informationen von Hamburger Studenten decken. Nach ihren Angaben sollte Lenzen dem Hochschulrat am Donnerstag vorgestellt, gewählt und vom Akademischen Senat bestätigt werden - im kleinen Kreis. Der Asta bezeichnete solche "Tricksereien" am Donnerstag als "inakzeptabel": "Dies zeigt wieder einmal die fatale Kommunikation an der Uni", so Aleksandra Szymanski, eine der beiden Asta-Vorsitzenden.

In der Tat hatte die Universität Hamburg in den letzten Jahren gravierende Kommunikationsprobleme, verkörpert durch Monika Auweter-Kurtz, Präsidentin bis Anfang Juli. Schon zu Beginn ihrer Amtszeit hatte sie versucht, Dozenten einen Maulkorb anzulegen, was ihrer Präsidentschaft nicht gut bekam. In der Folge verstrickte sie sich so lange in Auseinandersetzungen mit Professoren und Studenten, bis es zu einer monatelangen offenen Meuterei kam. Am Ende wurde Auweter-Kurtz, die Studenten wegen ihrer Nähe zur Rüstungsindustrie "Raketen-Moni" nannten, praktisch aus dem Amt geputscht.

Lenzens neue Partner

Seitdem hat die Hochschulleitung eine Leerstelle. Schließen soll sie ein neuer, starker Chef. Das Anforderungsprofil hatte Albrecht Wagner vom Hochschulrat erläutert: Erfahrung an der Spitze einer großen Uni, gute Führungsqualität, hohe Kommunikationskompetenz, Integrationsfähigkeit.

Da könnte Dieter Lenzen ganz nach dem Geschmack des überwiegend mit Wirtschaftsvertretern besetzten Hochschulrates sein. Lenzen leitet bis dato die FU Berlin, eine der größten deutschen Unis mit mehr als 30.000 Studenten und zuletzt bei der Exzellenzinitiative im Rang einer "Elite-Uni". Er ist ausgesprochen eloquent und zeigt so viel Führungsstärke, dass seine Gegner ihn als autoritär bis ruppig beschreiben. Ansonsten kritisieren sie seine Nähe zur Union und zur Wirtschaft, etwa seine Beratertätigkeit für die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", eine umstrittene Organisation, die von Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden gegründet wurde, deren Einfluss durch emsigen Lobbyismus mehren will und das mitunter auch unter falscher Flagge tut.

Linke Studenten an der Uni Hamburg formieren sich bereits, um Lenzen einen frostigen Empfang zu bereiten, sofern er Präsident wird. Sie veröffentlichten ein "Dossier", in dem Lenzen harsch verurteilt wird als reaktionärer, diktatorischer Manager, der Menschen allein nach Leistung bewerte, "ein Vertreter des sozialdarwinistischen 'Survival of the fittest'". Ob das fair ist und Lenzen gerecht wird, mag man bezweifeln - aber es ist ein deutliches Signal, dass ihm in Hamburg einiger Widerstand blühen würde.

Den kennt Lenzen aber schon aus Berlin. Bei linken FU-Studenten würden im Falle seines Abschieds sicher keine Tränchen kullern - sie versuchen einiges, um ihn loszuwerden, etwa mit der Initiative "Lenzen - Not my President". Gegner hat der Erziehungswissenschaftler indes auch unter den Mitarbeitern einiger Institute. Und just zum Hamburger Schaulaufen plumpste ihm ein angejahrter Stellenbesetzungsstreit abermals vor die Füße.

Die Vergangenheit mischt sich ein

Es geht um den "Fall Scharenberg", der vor zwei Jahren bundesweit für Aufsehen sorgte. Das JFK-Institut der FU wollte eine Juniorprofessur besetzen. Die Berufungskommission favorisierte deutlich Albert Scharenberg; der promovierte Politologe und Historiker lehrte dort schon seit Jahren. Lenzen lehnte ihn ab mit der Begründung, Scharenberg sei zu alt und nicht ausreichend qualifiziert. Viele überzeugte das nicht. Schnell verbreitete sich die Version, Scharenberg sei der Uni-Leitung in Wahrheit zu links - wegen seiner Mitgliedschaft im Kuratorium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Linkspartei nahe steht.

Rund hundert Professoren aus aller Welt setzten sich in einer Zeitungsanzeige für Scharenberg ein - er könne "aufgrund seiner vorliegenden Arbeiten sozusagen aus dem Stand habilitiert werden". Sie kritisierten, dass "ein Bewerber aus politischen Gründen keine Stelle bekommt".

FU-Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl erklärte, Scharenberg sei in Bezug auf sein Alter zu wenig qualifiziert. Lenzen selbst schwieg, der Konflikt wuchs sich zur "Affäre Scharenberg" aus. Und ist noch immer nicht vorbei: Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hat laut "taz" just ein Berufungsverfahren abgewiesen, in dem zwei andere Kandidaten für die Juniorprofessur vorgeschlagen wurden und Scharenberg keine Rolle mehr spielte.

Ein Sprecher Zöllners sagte SPIEGEL ONLINE am Donnerstag, zu dem "internen Verfahren" werde sich der Senat nicht äußern. Lenzens persönliche Referentin bestätigte aber, Zöllner habe "mit Schreiben vom 28.9. die Berufungsliste für die W1-Professur für Politik Nordamerikas zurückgegeben" - und zwar "mit der Begründung, dass ihm die Erstellung der Berufungsliste im Fachbereich insgesamt zu lange gedauert habe". Zuvor habe es "kein Votum des Präsidenten gegen einzelne Bewerber gegeben". Vielmehr habe das Präsidium 2007 "eine rechtliche Beanstandung des Verfahrens vornehmen müssen, weil Teile der Entscheidungen der Berufungskommission befangenheitsbelastet waren und Konkurrentenklagen möglich gemacht hätten".

Unschön für Lenzen: Seine Gegner könnten diese Auseinandersetzung als Indiz für autoritäres Agieren hernehmen. Und genau am massiven Vorwurf eines autoritären Führungsstils war in Hamburg Monika Auweter-Kurtz gescheitert.

Auf den Kommunikator Lenzen, so er an die Krisenuni kommt, wartet viel Arbeit. Ein wenig üben konnte er bereits Mitte Oktober, als er der "alten Lady Universität Hamburg" in einer Festrede  zum 90. Geburtstag gratulierte. Lenzen argumentierte ein wenig nautisch, vor allem aber botanisch. Eine einzige Blume, "gar eine rote Rose", reiche zu so einem Festtag ja nicht, es müsse schon ein ganzer Strauß sein. Und am Ende hatte Lenzen fünf Blüten und "ein bisschen Grünzeug" zu einem bunten rhetorischen Strauß gebunden.

Kein Zweifel, Dieter Lenzen ist ein Blumenmann.

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