Papua-Neuguinea Ein Vulkanologe im Ascheregen

Fliegen glühende Steine durch die Luft, nehmen normale Menschen Reißaus. Simon Hohl wird dann richtig warm ums Herz. Der Geologiestudent verbrachte acht Wochen in der Nähe eines der aktivsten Vulkane der Erde - in einer aschgrauen Geisterstadt und belächelt von Damen auf Droge.
Ein Vulkan und sein Fan: Simon Hohl auf dem Tavurvur

Ein Vulkan und sein Fan: Simon Hohl auf dem Tavurvur

Foto: Simon Hohl

Der Weg nach Rabaul ist lang und beschwerlich. Die Stadt liegt in Papua-Neuguinea, das bedeutet: endlose Vorbereitungen, Impfmarathon, 75 Stunden in fünf verschiedenen Flugzeugen. Landen kann man auf dem Flughafen von Rabaul nicht mehr. Der Ausbruch des Vulkans Tavurvur begrub den alten Flughafen und die Stadt vor 14 Jahren unter einer dicken Ascheschicht, nicht einmal der Tower ist noch zu sehen.

Der "Lonely Planet" schreibt über Rabaul: "This is Ground Zero" - eher zerstörte Mondlandschaft als Stadt. Der nächste Flughafen ist in der Stadt Kokopo, dem neuen kommerziellen Zentrum der Region, 20 Kilometer südöstlich vom aschgrauen Rabaul. Warum sollte man hier eigentlich hinwollen?

Zum Beispiel, weil man Geologie im achten Semester an der Uni Bonn studiert. Mein Professor schlug mir das Praktikum im Vulkanobservatorium am Tavurvur in Papua-Neuguinea vor. Acht Wochen in einem armen, aber auch sehr tropischen Land, im Schatten eines der aktivsten Vulkane der Erde - genau das, was ich gesucht hatte.

Wenn der Wind dreht, fangen die Kinder an zu schreien

Bei meiner Ankunft war Rabaul vor allem eines: trostlos. Die einstige Prachtstraße der kleinen Stadt im Osten Papua-Neuguineas ist jetzt eine staubige, an Schlaglöchern reiche Piste. Am Ende der Avenue lag einst das Zentrum Rabauls, mit Straßencafés, Theatern und Bars im Kolonialstil.

Heute liegt hier nur noch ein weites, teils vier Meter dickes Feld aus vulkanischer Asche. Hier und da ragt ein Haus oder eine Treppe aus der grauschwarzen Wüstenei. Über dieser Szenerie spuckt am Horizont der Tavurvur seine Aschewolken bis zu zwei Kilometer hoch in den Himmel und überlässt sie der vorherrschenden Windrichtung.

Was das bedeutet, lerne ich an meinem vierten Tag. Ich bin gerade auf Rabauls neuerrichtetem Marktgelände, als der Wind plötzlich dreht. Kleine Kinder beginnen zu schreien, die Erwachsenen versuchen, sich Stofftücher über Augen und Mund zu ziehen. Die Aschepartikel, die jetzt vom Himmel schneien, sind kleiner als Staubkörner, kriechen unter die Kleidung und verkleben jede Pore der verschwitzten Haut.

Zurück bleibt eine eineinhalb Zentimeter dicke graue Schicht auf Pflanzen, Autos und Häuser. Der Staub ist so aggressiv, dass hier alles Metall in kürzester Zeit zu rosten beginnt. Wellblechdächer der Häuser, die fast jedes Jahr ausgetauscht werden müssen, die Autos der Einheimischen oder die Ösen meiner Wanderstiefel - nichts ist sicher vor dem ätzenden Staub.

Wenn die glühenden Steine fliegen, ist Fliehen sinnlos

Weil Papua-Neuguinea eine der vulkanisch aktivsten Regionen der Welt ist, steht auf einem Hügel oberhalb Rabauls ein Vulkanobservatorium. Mein Morgen dort beginnt damit, dass erst einmal die Papierrollen der Seismografen gewechselt werden. Diese großen Trommeln haben über die letzten 24 Stunden Hunderte von kaum spürbaren Erdbeben registriert und sie mit Hilfe einer empfindlichen Nadel aufs Papier gezeichnet.

Zusätzlich wird die ganze Bucht genauestens per Satellitenortung vermessen und eine eventuelle Bodenhebung mit Wasserwaagen überwacht. Sind die Daten gesammelt, würde es sich anbieten, sie auszuwerten. Aber das geschieht nur gelegentlich, dafür fehlt meist das Personal. Da das Observatorium auch noch für vier weitere Hochrisiko-Vulkane zuständig ist, bleibt die Vorhersage eines großen Ausbruchs der Erfahrung der Mitarbeiter und einer gehörigen Portion Glück überlassen.

Auf meinen Ausflügen direkt zum Krater des Tavurvur heißt es: Augen offen halten. Vor jeder Explosion entsteht eine kurze Ruhepause von einigen Sekunden, dann fliegen neben Aschewolken auch teils glühende faust- bis kleinwagengroße Gesteinsbrocken aus dem Krater. Wegrennen wäre in so einem Fall sinnlos - das hieße nur, den Brocken nicht zu sehen, der einen dann erschlägt.

Bei großem Streit schlichten die Stammesältesten

Viel sinnvoller ist es, stehen zu bleiben und die Bomben auf sich fallen zu sehen, um dann, wenn nötig, einen Schritt zur Seite zu machen. Als jedoch ein großer Block 200 Meter von uns entfernt aufschlug und dann auf uns zurollte, kannten wir kein Halten mehr und rannten und sprangen über einen mit scharfkantigen Lavasteinen übersäten Hang hinunter. Als der Block liegenblieb, näherten wir uns wieder. Ich hätte mir ohne weiteres an der glühenden Kruste eine Zigarette anzünden können.

Die Bevölkerung Rabauls gehört hauptsächlich zum Stamm der Tolais. Das Auffälligste an ihnen ist, dass vor allem die Kinder vollkommen blondes Kraushaar haben. Wie die anderen Melanesier in Guinea und auf den Salomonen haben sie schwarze Haut, ihre Gesichter sind mit tätowierten Strichen und Punkten als Zeichen von Familienzugehörigkeit verziert.

Papua-Neuguinea ist noch immer eine Stammesgesellschaft. Eines Abends sah ich eine große Menschenmenge vor der Polizeistation, deren Mitglieder ein Polizeiauto bespuckten. Drinnen saß ein Hochlandbewohner, dem vorgeworfen wurde, in der Nacht zuvor einen jungen Tolai grausam entmannt und ihn schließlich umgebracht zu haben. In den folgenden Tagen gab es Unruhen, eine paar Einwandererhäuser gingen in Flammen auf. Schluss war mit den Ausschreitungen erst, als sich die Stammesältesten zusammengesetzt hatten, um das Problem zu diskutieren.

Die Männer macht die Droge träge, die Frauen lustig

Das Essen Papuas ist zu Unrecht als grauenvoll verschrien. Zumindest in Rabaul gibt es unzählige verschiedene Gemüse- und Süßkartoffelsorten, die man auf dem täglichen Markt bekommt. Sie werden meist in Kokosmilch gedünstet und mit Fisch oder Hühnchen serviert. Leider verdrängt eine als westlich geltende Speise, Reis mit einer Dose Thunfisch oder Cornedbeef, die traditionelle Küche. So verschwinden exotische, aber zeitaufwendige Zubereitungsarten, wie das Garen mit einem heißen Stein, den man in den Topf gibt. Oder der Erdofen, in dem auf heißen Steinen und mit Bananenblättern abgedeckt das Essen an Festtagen zubereitet wird.

Außer den Lebensmitteln wird auf dem Markt hauptsächlich Betelnuss verkauft. Von der leichten Droge ist halb Papua abhängig. Die Nuss wird zusammen mit einer Palmfrucht und Kalkpulver im Mund zu einem roten Brei verkaut, den Einheimische gekonnt und in hohem Bogen wieder ausspucken. Schon komisch, wenn ein Tolai zielsicher den Saft zwischen seinen Lippen hervorpresst und ihn in einem dünnen Strahl nur wenige Zentimeter neben deine Füße spritzt.

Die Betelnuss, Buai genannt, hat nachhaltige Auswirkungen auf die Menschen. Nicht nur, dass sie die allgemeine pazifische Gelassenheit noch verstärkt, das beständige Kauen färbt auch Zähne und Zahnfleisch allmählich rot. Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend - zuerst fault es im Mundraum, später erkranken viele an Krebs.

Die Männer hier verfallen durch Buai in eine kollektive Antriebslosigkeit und bringen die Tage im Schatten mit Geschichtenerzählen zu. Die Frauen aber, die traditionell die meiste Arbeit im Haushalt und auf dem Markt übernehmen, sind vom Kauen der Betelnuss heiter angeregt. Oft kichern sie und tuscheln über den großen weißen Studenten, der da zwischen ihnen auf der Pritsche des Pick-ups sitzt und mitfährt.

Das Leben der Menschen im Ascheregen des Tavurvur ist hart. Die sogenannten Supamakets bieten alles an, wenn auch in teils miserabler Qualität. Inzwischen hat sich auch ein Handy-Anbieter breitgemacht, an allen Ecken bimmeln die Mobiltelefone. Und weil viele auf Papua von den großen Kokosplantagen leben, gibt es nach dem explosionsartigen Anstieg des Weltmarktpreises für Kokosöl jetzt sogar bescheidenen Wohlstand. Rabaul ist kein bisschen "Ground Zero" - sondern für mich die lebendigste Geisterstadt der Welt.

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