Parabelflug Völlig losgelöst im Kotzbomber

Einmal Schwerelosigkeit und zurück: Für Parabelflüge der ESA brauchen Studenten einen robusten Magen. Florian Maier, 26, schluckte vor seinem Ritt auf dem fliegenden Teppich einen Drogencocktail gegen Übelkeit. Der Ilmenauer Student experimentiert mit High-Speed-Kameras - "Frozen Reality" nennt er seine faszinierenden Bilder.

Von Marion Schmidt


Maier (rechts) und Holfeld beim Flug: Wohl bekomms!
Stefanie Magiera

Maier (rechts) und Holfeld beim Flug: Wohl bekomms!

Der Morgen im Flughafen von Bordeaux beginnt für Florian Maier, wie für manche Kommilitonen die Nacht endet: in einem Drogenrausch aus Beruhigungs- und Aufputschmitteln. Mit weiteren Studenten holt er sich beim Flugarzt eine staatlich abgesegnete, genau dosierte Pillenration ab: ein Mittel gegen Übelkeit, das den Magen beruhigen soll, aber zugleich so müde macht, dass man zusätzlich noch Amphetamine schlucken muss, um an Bord fit zu sein.

Anfang Juli durfte der Medientechnik-Student von der TU Ilmenau als einer von nur vier Studenten aus Deutschland an einem Parabelflug teilnehmen, den die ESA (European Space Agency) einmal im Jahr 120 ausgewählten Studenten aus ganz Europa anbietet.

Ohne Medikamentencocktail wüsste Florian kurze Zeit später, warum man Parabelflieger auch "Kotzbomber" nennt. Einige Studenten geben schon nach dem ersten Übungsflug auf. Nicht aber Florian Maier, 26, und sein Teamkollege Benjamin Holfeld, 20, Physik-Student an der Uni Würzburg. Wochenlang haben die beiden auf diesen Flug hingefiebert und ihre Experimente vorbereitet.

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Parabelflug: Völlig losgelöst im Kotzbomber

Mit zehn Digitalkameras und einer High-Speed-Kamera wollen sie in der Schwerelosigkeit Momente erfassen, die so schnell passieren, dass sie vom menschlichen Auge nicht gesehen werden können. Zum Beispiel den kurzen Kronen-Effekt, den Wasser erzeugt, wenn eine Kugel hineingeworfen wird. Oder das Brechen von Glas durch einen Einschlag. Für den Parabelflug haben Maier und Holfeld einen schwarzen Kasten gebaut mit einem durchsichtigen Zylinder im Innern, in dem die Experimente durchgeführt werden. Um den Zylinder herum werden die Kameras gruppiert. Alle haben eine offene Blende und werden gleichzeitig durch ein Laser-Signal ausgelöst.

"Frozen Reality", eingefrorene Wirklichkeit, nennt Florian Maier das von ihm erfundene und patentierte Verfahren, mit dem er vor vier Jahren bereits zweiter Bundessieger bei "Jugend forscht" wurde. Was am Boden so faszinierende Bilder ergibt, dass Maier sie mit einer eigenen Firma für Film- und Videoproduktionen vermarktet, das soll nun auch ohne Schwerkraft klappen. Außerdem, sagt Florian Maier, "waren wir gespannt, ob sich andere Dinge beobachten lassen, ob sich da oben auch andere Bilder machen lassen". Die ESA will mit dieser Kampagne zeigen, welche Chancen die Raumfahrt bietet und welchen Einfluss Forschung im All auch auf den Alltag haben kann, so Wubbo J. Ockels, Initiator der Kampagne und selbst Astronaut.

Miles and more

Am 6. Juli morgens ist es soweit. Der Drogencocktail wirkt, der blaue Overall sitzt, die Nervosität steigt. Ein spezielles Flugzeug, ein Airbus A300-Zero-G, wird die Studenten in die Schwerelosigkeit katapultieren - ohne dabei ins All zu fliegen. Und das geht so: Der Flieger startet ganz normal, doch auf etwa 6100 Meter Höhe hebt das Flugzeug seine Nase im 47-Grad-Winkel und fliegt steil nach oben. Auf dem Weg erfahren die Mitfliegenden 1,8 G, also fast zweifache Erdbeschleunigung.

So funktioniert's: Parabelflug
DER SPIEGEL

So funktioniert's: Parabelflug

Die Steigung hätten sie gar nicht bemerkt, erzählt Florian Maier, weil sie fest zu Boden gedrückt wurden: "Aber wir mussten in dieser Zeit den Kopf ganz ruhig halten, weil sonst der Gleichgewichtssinn total durcheinander gerät." Auf knapp 8500 Meter Höhe werden die Triebwerke gedrosselt, das Flugzeug sackt steil ab. In dieser etwa 20 Sekunden dauernden Phase erreicht man den Zustand von Schwerelosigkeit. 20 Sekunden, um schnell Experimente durchzuführen.

In dieser Zeit hocken die Studenten im mit Schaumstoff ausgekleideten Mittelteil des Flugzeugs vor ihren Versuchsboxen, voll gestopft mit fest montierten Computern, Kameras, Mikroskopen. In einem Wasserbehälter hat sich eine riesige Luftblase gebildet, verzweifelt versucht ein Goldfisch, um sie herum zu schwimmen. Am Boden sind rote Schlaufen angebracht, in denen man sich festknoten kann, um beim Experimentieren nicht wegzuschweben. Und wer sich doch löst, wird von aufgespannten Netzen aufgefangen. Für Notfälle stehen die orange angels bereit, ein Trupp Sicherheitsleute in orangefarbenen Overalls.

Wasserspiele in der Luft

Das Auf und Ab wiederholt sich bei jedem Parabelflug 30-mal. Trotzdem klappen nicht alle Versuche: Ein britisches Studententeam etwa brachte Motten mit an Bord, um deren Verhalten bei Zero-G zu untersuchen. Aber die Motten wollen im Flugzeug nicht fliegen. Einem Team fliegt eine Apparatur weg, einem anderen schmort eine Lampe durch.

Auch Florian Maier und sein Kollege Benjamin Holfeld können während der Parabelflüge nicht alle Aufnahmen machen, die sie sich vorgenommen haben. Aber die, die ihnen gelangen, hätten sie so nie auf der Erde machen können. Etwa die Sache mit dem Wasser: Ein Projektil wurde in einen zur Hälfte mit Wasser gefüllten Zylinder geworfen, und anders als unter Schwerkraft springt ein Wasserschlauch in die Höhe, keine Krone. "Absolut faszinierend", beschreibt der Student sein Gefühl danach, "eine wahnsinnig tolle Erfahrung."

Das beste Erlebnis aber ist kein wissenschaftliches: Florian hat sich einen kleinen Orientteppich mit an Bord gebracht. Als der Kapitän kurz vor dem Fall in die Schwerelosigkeit "injection" ruft, setzt er sich drauf - und schwebt für wenige Sekunden auf einem fliegenden Teppich durch das Flugzeug.



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