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07. Oktober 2008, 16:10 Uhr

Parcouring-WM

Die Stadt ist ihre Bühne

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Waghalsige Sprünge, jede Wand eine Herausforderung - Parkour-Athleten machen die Stadt zum Abenteuerspielplatz. Der Extremsport ist eine spektakuläre Show. Ein Hindernis aber konnten sogar die Besten bei der Weltmeisterschaft in Hamburg nicht überwinden.

Andreas Müller rennt los, auf ein Auto zu, er springt kurz davor ab, drückt sich mit den Händen über das Dach, landet und sprintet sechs, vielleicht sieben schnelle Schritte zum nächsten Hindernis - ein Gatter, wieder Springen, Klettern, runter und weiter. Zehn Hindernisse muss Andreas auf dem vorgegebenen Parcours überwinden, hier ein Auto, dort ein gut drei Meter hoher Block, dahinten ein Lastwagen. Nach 59 Sekunden erreicht er das Ziel, begleitet von wummernden Bässen und dem Klatschen der Zuschauer.

"Parcouring geht auf den ganzen Körper, auf Ausdauer, Schnellkraft, aber auch Technik und Koordination sind enorm wichtig", sagt der 23-Jährige. Der Informatikstudent aus Landshut ist an diesem Wochenende nach Hamburg in die Speicherstadt gekommen, um an den Weltmeisterschaften im Parcouring teilzunehmen. Letztes Jahr tourte die spektakuläre Trendsportart erstmals durch Deutschland, dieses Jahr machte sie in sieben deutschen Städten halt. Hamburg ist mit rund 50 Athleten aus zwölf Ländern der Höhepunkt.

"Überall, wo man es darf"

Aus mächtigen Boxen dröhnen Beats bis weit in die Hafencity. Viele der Athleten sind Breakdancer, in den Pausen bildet sich immer wieder ein Kreis um Athleten, die ihre Moves zeigen. Stillstehen kann hier keiner, die Stimmung ist energiegeladen. In zwei Wettbewerben messen sich die Athleten: Speed und Style.

Im Lauf von Andreas zählt die Zeit, das Tempo. Den Rundkurs gibt eine Kreidelinie vor, die sich über Asphalt und Hindernisse schlängelt. Gewinnen kann nur, wer seine Kraft richtig einteilt - und eine kluge Taktik wählt. Er müsse sich vorher genau überlegen, wie er die Hindernisse überwinden will, mit welchem Bein er abspringt, wie viele Schritte er zwischen den Hindernissen setzen kann, sagt Andreas.

Mit seinem Vorlauf ist er zufrieden, nur drei Teilnehmer waren schneller als er. Andreas trainiert an dem Ort, von dem der Trendsport stammt: auf Straßen, Treppen, Plätzen und Gebäuden. "Das kann eine Parkbank sein, eine Mauer, überall, wo man es darf."

Die Idee des Parcouring stammt aus Frankreich, längst ist in der Szene die Geschichte von David Belle zur Legende geworden: Sein Vater Raymond hatte im Vietnamkrieg eine Methode entwickelt, um das Gelände möglichst schnell zu durchqueren. Zurück in Frankreich brachte er die "Méthode Naturelle" seinem Sohn bei, der die Bewegungen Ende der achtziger Jahre an die Betonlandschaft in den Banlieues, den Vororten von Paris anpasste.

"Nur den wenigsten ist der Wettkampf wichtig"

"Le Parkour" war geboren. Belle begeisterte Jugendliche für Parkour, sie gründeten eine Gruppe und nannten sich fortan "Traceurs", die, "die sich den Weg ebnen". Parkour wurde schnell berühmt: David Belle wurde für Werbespots engagiert, Kinofilme wurden über Parkour und mit Traceuren gedreht, Sponsoren schmückten sich mit den urbanen Athleten.

Insofern ist Parcouring, der zum Event mit Rahmenprogramm gepushte Trendsport, die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte. Allerdings widerspricht der Wettkampf gegeneinander der Philosophie von Parkour: Er wird von den Traceuren als Bewegungskunst verstanden, als Alleingang des Athleten, der für sich selbst den besten und effizientesten Weg finden muss, ohne sich dabei mit anderen Traceuren zu rivalisieren.

In Internetforen wurde das heftig kritisiert - die Teilnehmer in Hamburg wiegeln ab. "Nur den wenigsten Teilnehmern ist der Wettkampf wirklich wichtig", sagt Andreas. Freitagnacht, nach dem ersten Wettkampftag, sei das deutlich geworden: "Wir haben in einer Turnhalle übernachtet, und fast alle haben bis drei, vier Uhr nachts gejamt und ihre Tricks gezeigt." Das hätte niemand gemacht, der am nächsten Tag einen Wettkampf gewinnen will. Natürlich sei es aus kommerzieller Sicht, für die Sponsoren und Veranstalter, besser, wenn es Gewinner gibt, wenn es einen Wettkampfcharakter hat. Aber unter den Teilnehmern herrsche keine Konkurrenz: "Es geht hier einfach darum, Leute zu treffen und voneinander zu lernen."

Eines mögen die Artisten gar nicht: Dauerregen

Das sieht auch Daniel Scherer so: "Keiner sagt, ich will erster werden." Alles ganz entspannt, auch in seinem Wettbewerb, dem Style-Contest. Im Vorlauf 45, im Finale 60 Sekunden hat jeder Zeit. Es geht um Show, nicht um Speed. Daniel stellt sich auf ein eineinhalb Meter hohes Plateau, konzentriert sich, springt ab und landet einen Rückwärtssalto in der Hocke. Danach geht er in den Handstand, wippt ein paar mal auf und ab, läuft dann auf eine Schräge, drückt sich ab und macht eine Seitwärtsrolle in gut zwei Metern Höhe. "Ich mag es, meinen eigenen Weg zu wählen, mich kreativ zu bewegen", sagt der 16-jährige Schüler.

Seit über zwei Jahren betreibt Daniel Freerunning, eine weitere Variante von Parkour, bei der die Akrobatik im Mittelpunkt steht. Zwei Mal wöchentlich trainiert er in einer Turnhalle, um Sicherheit in den Sprüngen und Moves zu bekommen. Das eigentliche Trainingsgelände liegt draußen, auf den Straßen und Plätzen seiner Heimatstadt Witten im Ruhrgebiet. "Mein Lieblings-Spot ist aber der Landschaftspark Duisburg - die Industriedenkmäler des alten Thyssen-Werks, ein Paradies für Freerunner!"

In Hamburg halten nach seinem Finallauf drei Punktrichter Tafeln in die Höhe, bis zu zehn Punkte können sie vergeben. Für Daniel reicht es heute zum elften Platz. Vielleicht wäre mehr drin gewesen, aber nach heftigem Regen sei er lieber vorsichtig geworden: "Es war nass und glitschig, da hab ich lieber runtergeschaltet."

Für Andreas blieb es im Speed-Wettbewerb beim 4. Platz aus dem Vorlauf. Einen Finallauf gab es nicht: Asphalt und Hindernisse waren zu rutschig, Verletzungen will hier keiner riskieren. Hamburgs Wetter machte seinem Ruf alle Ehre - es war für die Teilnehmer das einzige unüberwindbare Hindernis an diesem Wochenende.

In diesem Jahr werden sich Andreas Müller, Daniel Scherer und ihre Mitstreiter noch einmal treffen: am 26. Oktober in Frankfurt. Nächstes Jahr geht Parcouring wieder auf Tour, dann sollen nach den Plänen des Veranstalters auch Wettbewerbe im Ausland stattfinden - Parcouring soll expandieren.

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